Nun lebt der Kran doch weiter

Manfred Hössli baut den Hafenkran im Massstab 1:20 nach. Im Gegensatz zum Zürcher Ausstellungsstück wird sein Modell funktionstüchtig sein.

Noch steckt Manfred Hössli mitten in den Arbeiten am Nachbau des Zürcher Hafenkrans. Foto: Sophie Stieger

Noch steckt Manfred Hössli mitten in den Arbeiten am Nachbau des Zürcher Hafenkrans. Foto: Sophie Stieger

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Spezialisten beginnen heute am Limmatquai mit dem Abbau des rostigen Hafenkrans. Eigentlich sollte das Pendant im Kleinformat auf dieses Ereignis hin fertig konstruiert sein, doch Modellbauer Manfred Hössli erlitt im November einen Herzinfarkt. Darauf musste er während Wochen kuren und kann seither nur wenige Stunden pro Tag in seiner Werkstatt in Dübendorf arbeiten. Der dreibeinige Sockel ist fast fertig, der Ausleger vollendet und hängt am provisorischen Holzmodell. Es lässt sich erahnen, wie der mehr als einen Meter grosse Metallhafenkran einst aussehen wird.

Als Kranfachmann Hössli im vergangenen Herbst seinen Hafenkran-Nachbau in Angriff nahm, dachte er, das Modell schnell konstruieren zu können. «Auf den ersten Blick sah es nach einer leichten Aufgabe aus», sagt der 69-Jährige. Doch je mehr er sich mit dem Hafenkran befasste, desto komplizierter wurde es. Praktisch keine Linie sei gerade. Auch das Innenleben des Krans überraschte ihn: Eine raffinierte Konstruktion hält den Haken etwa in der gleichen Höhe, wenn sich der Ausleger rauf- oder runterbewegt. Obwohl der gewiefte Handwerker pedantisch jedes noch so kleine Detail vom Original auf seine Modelle überträgt, verzichtete er bei seinem Modell auf den komplizierten Mechanismus. Es wäre zu schwierig geworden.

Auch die Originalbaupläne des Hafenkrans zu beschaffen, war nicht einfach. Zuerst wandte er sich direkt an Tiefbauvorsteher Martin Waser (SP). Der zeigte sich begeistert und verwies ihn an die zuständigen Fachleute in seinem Amt. Dort schlug Hössli Skepsis entgegen. «Als ich sagte, dass ich wegen des Hafenkrans anrufe, baute sich zwischen mir und dem Beamten gleich eine Mauer auf.» Nach mehrmaligem Hin und Her erhielt er Kopien der Pläne zugeschickt. Hössli passte sie auf den Massstab 1:20 an, hängte sie an die Wand seiner Werkstatt in Dübendorf und legte los.

Mit dem Kranvirus infiziert

Manfred Hössli – seine Freunde nennen ihn Mamfi – faszinieren Kräne seit seiner Kindheit. Er habe als kleiner Junge mit dem Metallbausystem Stokys praktisch nur Kräne konstruiert. Diese Liebe setzte sich auch im Erwachsenenalter fort. Hössli lenkte während fast zweier Jahrzehnte verschiedene Kräne, mehrheitlich schwere Pneukräne. Daneben baute er in seiner Freizeit Kranmodelle. «Meine Frau hat glücklicherweise Verständnis für mein Hobby. Nur manchmal sagt sie, würde ich es mit meinem Perfektionismus übertreiben.» Das Autokranmodell des Herstellers Liebherr war sein bisher aufwendigstes Projekt, in das er über 2500 Stunden Arbeit investierte. Jedes Teil fertigte er selber.

In seiner Werkstatt stehen Maschinen, um die rohen Metallstücke zu schneiden, zu pressen, zu biegen, zu walzen und zu schleifen. Er verwendet nur gezogenen Stahl. Dieser ist zwar merklich teurer, aber von bester Qualität. Aus den Rundstangen und Metallplatten formt er kleine Verstrebungen, Winden, Griffe, Halterungen und Verschalungen. Besonderen Wert legt Hössli darauf, dass seine Modelle voll funktionstüchtig sind. Einmal habe er eine Anfrage erhalten, ein Pneukranmodell zu bauen. Es müsse nicht funktionsfähig sein, da es nur für Ausstellungen verwendet werde. Der Modellbauprofi lehnte ab. «Ohne mich. So etwas werde ich sicher nie bauen. Bei mir muss der Kran funktionieren.» Was Hössli damit meint, demonstriert er in seiner Werkstatt mit dem erwähnten Liebherr-Pneukran. Er lässt vier Achsen des 35 Kilogramm schweren und 90 Zentimeter langen Autokrans drehen und fährt den Ausleger aus. In seiner vollen Länge misst dieser 2,5 Meter und kann Lasten bis 5 Kilogramm heben. In die Modelle baut er Motoren des gleichen Herstellers ein, der auch das Antriebssystem des Mars-Forschungsroboters Curiosity produzierte.

Grosse Kräne selber repariert

Hössli ist ein Autodidakt. Den Modellbau hat er sich selber beigebracht. Hilfreich für sein Hobby ist sicher, dass er die Originalkräne bestens kennt: «Natürlich musste ich als Kranfahrer bei Pannen selber anpacken und die Schäden reparieren. Dabei habe ich natürlich viel gelernt.» Nur einmal habe er einen Schweisskurs besucht.

Plötzlich klopft es an die Werkstatttüre. Ein gross gewachsener, älterer Herr tritt herein. «Mamfi, ich habe da ein Problem mit einer Standuhr. Da fehlt ein Stift. Könntest du das richten?» Hössli klopft ihm auf die Schultern und nickt. Kürzlich sei eine Frau vor seiner Werkstatt mit einem Kinderwagen vorbeigefahren, der ein grauenhaft lautes Geräusch von sich gegeben habe und sich nur mit Mühe habe schieben lassen. Da musste Hössli einschreiten. Ein paar Minuten später lief die Frau mit dem geräuschlos rollenden Kinderwagen davon. Am nächsten Tag brachte sie ihm für die Hilfe hundert Franken vorbei. Hössli lehnte dankend ab. «Ich habe ja nur ein wenig geholfen.»

Ob die Stadt Zürich ein Kaufinteresse an seinem Modell hat, weiss Hössli nicht. Darüber habe er mit Martin Waser nicht gesprochen. Aber das sei auch nicht sein primäres Interesse. Ihm gehe es darum, den Hafenkran originalgetreu und voll funktionsfähig nachzubauen. Gefällt ihm dieser? Hössli greift sich ans Kinn und überlegt: «Nein, ich finde ihn nicht schön. Er ist aber interessant.»

Erstellt: 18.01.2015, 20:03 Uhr

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