«Nur noch Modeketten können sich die Mieten leisten»

Der Kleiderladen Booster war einst Zürichs erste Adresse für Punks und Rocker. Heute verkauft er Mode für Nostalgiker und Umweltbewusste. Die Gründerfamilie blickt auf fast 40 Jahre bewegte Geschichte zurück.

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Den Booster gibt es bereits seit fast 40 Jahren. Was hat Sie 1976 dazu gebracht, im Niederdorf ein Kleider- und Schuhgeschäft aufzumachen?
Pierre: Meine Frau und ich handelten damals mit alten Möbeln und ungetragenen Kleidern aus den 40er- bis 60er-Jahren. Die waren sehr gefragt in alternativen Kreisen und bei der Jugend. Es gab noch keine Secondhandläden im heutigen Stil. Wir kauften unsere Ware an Ganten oder aus alten Lagerbeständen und verkauften sie hauptsächlich auf Flohmärkten. Wir wohnten an der Spitalgasse und suchten ein Ladenlokal in der Nähe. So bewarben wir uns für das Lokal an der Stüssihofstatt, als es frei wurde. Obwohl wir nur wenig Geld hatten, bekamen wir überraschenderweise den Zuschlag.
Irene: Zürich war ein Brachland, was Mode betrifft. Es gab nur biedere Herren- und Damenbekleidungsgeschäfte, aber nichts für ein jüngeres, alternatives Publikum. Wir wussten, was diese Leute wollten, denn wir waren Teil dieser Szene. Zum Beispiel waren Röhrenjeans sehr gefragt, aber überall wurden nur Schlaghosen verkauft. Das wollten wir ändern.

Was war das Niederdorf damals für ein Quartier?
Pierre: Es war ein Arbeiterviertel. Viele Gastarbeiter wohnten hier. Es war aber auch das Zentrum des Rotlichtmilieus und einer jungen, alternativen Subkultur. Am Hirschenplatz gab es eine grosse Drogenszene. Trotzdem hatte das Niederdorf noch einen starken dörflichen Charakter. Es gab hier alles für den täglichen Bedarf: Lebensmittel, Bäckereien, Metzgereien, Schuh- und Kleiderläden. Als wir mit dem Laden anfingen, war die wirtschaftliche Situation allgemein schwierig; viele Geschäfte mussten schliessen. Das schuf Möglichkeiten für junge Leute.

Wie sahen Ihr Sortiment und Ihr Publikum in den ersten Jahren aus?
Irene: Anfangs mieteten wir nur das Erdgeschoss und hatten neben Kleidern auch Möbel im Angebot. Bald kam das Obergeschoss hinzu, wo wir unsere Schuhabteilung einrichteten. Die Möbel verschwanden zugunsten eines grösseren Kleidersortiments, das zunehmend aus neuer Produktion stammte. In den ersten zwei Jahren kauften vor allem Alternative, Künstler und Rocker bei uns ein. Einmal besuchte uns sogar die amerikanische Sängerin Patti Smith, nachdem sie in Zürich gespielt hatte. Sie war begeistert.
Pierre: Dann fasste die Punkbewegung in Zürich Fuss und der Booster wurde zum Zürcher Szeneladen schlechthin. Zeitweilig arbeitete die halbe Besetzung der Frauen-Punkband Kleenex bei uns. Die waren den halben Tag am Telefon und organisierten Konzerte. Das sorgte hin und wieder für Reibereien.

Schaufenster und Interieur des Ladens sehen heute noch sehr ähnlich aus wie damals. Was hat sich verändert?
Pierre: Wir sind schon mit der Zeit gegangen, haben uns den aktuellen Trends nie vollständig entzogen. Trotzdem haben wir stets unsere eigene Identität bewahrt. Gewisse Klassiker haben wir seit Beginn in unserem Angebot, vor allem englische Traditionsmarken. So zum Beispiel Stiefel von Doc Martens, Kleider von Fred Perry oder Ben Sherman, oder die Creepers – Lederschuhe mit hohen Gummisohlen, die vor allem bei Rockabilly-Fans beliebt sind.
Marlonne: Für mich besteht die grösste Veränderung darin, dass es früher selbstverständlich war, im Laden zu rauchen und Bier zu trinken. Das gehörte zu unserem Rebellen-Image. Seit 2003 gilt im Laden ein Rauchverbot. Auch Leute aus der alternativen Szene würden sich heute an einem verrauchten Kleiderladen stören, selbst wenn es noch legal wäre. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäss. Heute muss man properer daherkommen.
Roc: Seit einigen Jahren richten wir unser Angebot verstärkt auf Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit aus. Wir kaufen Kleider und Schuhe wenn möglich von Herstellern in Europa, weil die Arbeitsbedingungen in den Fabriken besser sind als in Fernost. Die Creepers beziehen wir zum Beispiel seit kurzem von einem Hersteller in Portugal. Bei Lederschuhen schauen wir darauf, dass sie ohne Chrom gegerbt worden sind. Wir haben sogar vegane Schuhe.

Andere altgediente Kleiderläden im Niederdorf wie der Jamarico mussten schliessen. Was macht der Booster besser?
Roc: Da müssen Sie unsere Kunden fragen. Ich glaube, wir haben einfach Glück.
Pierre: Wir verstehen etwas von Mode und haben nie etwas gemacht, das uns persönlich zuwiderläuft. Wir kopieren keine Konzepte von anderen.
Marlonne: Darum hat der Booster im Gegensatz zu anderen Läden eine echte Identität. Das schätzen die Kunden.
Marina: Auch eine freundliche Atmosphäre im Laden ist uns sehr wichtig. Es geht sehr familiär zu bei uns. Die Kunden sollen sich wohlfühlen.
Irene: Man muss trotz allem festhalten, dass es den Booster auch nicht mehr geben würde, wenn nicht unsere Kinder den Laden übernommen hätten ...

Wie hat sich das Niederdorf in all den Jahren verändert?
Roc: Das Dörfli von früher gibt es nicht mehr. Viele kleine Läden mussten schliessen, weil die Mieten immer weiter gestiegen sind. Heute können sich fast nur noch grosse, internationale Modeketten die Mieten leisten. Das Niederdorf ist schön herausgeputzt für Touristen, aber sein Charme ist verloren gegangen. Die Szene hat sich schon längst ins Langstrassenquartier verlagert. Aber auch dort wird sie verdrängt.
Marlonne: Ich bin nicht ganz einverstanden. Ich wohne immer noch im Niederdorf und fühle mich wohl hier. Ich finde, dass sich der Dorfcharakter bewahrt hat. Man kennt sich und grüsst sich auf der Strasse.

Was wünschen Sie sich für den Booster und das Niederdorf?
Marina: Ich wünsche mir, dass es im Laden so weiterläuft wie im Moment und dass die Leute weiterhin gerne zu uns kommen.
Irene: Im Niederdorf sollte es eine normale Migros mit normalem Sortiment und normalen Preisen geben. Nicht bloss so eine Yuppie-Filiale mit Convenience-Food und Einerpackungen. Das würde bestimmt auch die Familien freuen, die hier wohnen.
Roc: Und ich würde mir wünschen, dass die Ladenmieten nicht so hoch wären. Damit nicht nur Millionäre hier noch etwas aufbauen können.

Erstellt: 19.02.2015, 15:08 Uhr

Der Booster – ein Familienbetrieb

1976 eröffneten Pierre (69) und Irene (66) Montandon an der Stüssihofstatt 6 im Zürcher Niederdorf den Kleider- und Schuhladen Booster. Heute führen drei ihrer vier Kinder das Geschäft: Marina (37), Marlonne (33) und Roc (28). Der Booster war lange Zeit die erste Modeadresse für Punks und Teddys in Zürich. Auch heute prägen die Stile der Jugendkulturen der 50er- bis 1970er-Jahre das Angebot. (ham)

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