«Ohne Rätoromanen steht Zürich still»

Die Stadt Zürich soll künftig Kulturplakate auch auf Rätoromanisch beschriften, so will es der Gemeinderat. Die Speschas, Bezzolas, Frys oder Cortesis haben für Zürich eine enorme Bedeutung.

Wegen ZH-Nummernschilder ausgelacht: Peider Filli.

Wegen ZH-Nummernschilder ausgelacht: Peider Filli. Bild: zvg

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Die Rätoromanen sind der Stadt Zürich immerhin so viel wert, dass der Gemeinderat am Mittwoch ein Postulat des ehemaligen grünen Gemeinderates Peider Filli aus Celerina überwies. Filli verlangte, dass Plakate für schweizerische Kulturanlässe in Zürich neben Deutsch, Französisch und Italienisch auch mit der vierten Landessprache Romanisch beschriftet werden sollten.

Nur mit Statistik ist das Ja des Gemeinderates nicht zu erklären. Gemäss einer Hochrechnung des kantonalen Statistischen Amtes leben im Kanton Zürich rund 1000 Personen, die 2012 als ihre erste Hauptsprache Romanisch angaben. Das sind bloss rund 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zürich ist trotzdem die grösste rätoromanische Gemeinde ausserhalb Graubündens.

Zumindest die Trams würden stillstehen

Die Bedeutung der Rätoromanen ist zweifellos viel höher, als die nackte Zahl es vermuten lässt – erst recht, wenn man auch die Deutsch sprechenden Bündner dazu nimmt. «Ohne uns Rätoromanen würde Zürich stillstehen», behauptet keck der ehemalige Politiker Peider Filli. Weil er von Beruf Trampilot ist, steckt in dieser Aussage ein gutes Stück Wahrheit.

Die übergrosse Bedeutung der Bündner liegt einerseits darin, dass viele von ihnen zum Studieren oder Arbeiten nach Zürich gekommen sind – und dann in der Grossstadt blieben. Filli zum Beispiel ist in Celerina aufgewachsen, wurde Koch und merkte schnell, dass es im Engadin bloss im Sommer und Winter Arbeit gab – «die Mieten aber so hoch wie in Zürich sind», wie er sagt. Filli kam als «Wirtschaftsflüchtling» nach Zürich, wo in Bars und Restaurants der Bär übers ganze Jahr los ist.

ZH-Nummernschilder wären der Horror

«In den ersten zehn Jahren fuhr ich jedes Mal, wenn ich mehr als einen Tag freihatte, mitten in der Nacht ins Engadin zurück», erinnert sich Filli. Wenn er jeweils in Zürich auf dem Amt antraben musste, um seinen Status als Wochenaufenthalter zu rechtfertigen, lautete sein Hauptargument: «Ich brauche die Bündnernummer, sonst lachen sie mich zu Hause aus, wenn ich mit ZH-Schildern aufkreuze.» Dieses Argument beeindruckte die Zürcher Beamten regelmässig. Filli gründete ein rätoromanisches Radio für Zürich, hatte Kontakt mit 40 Bündner Vereinen und war Mitglied der Volkstanzgruppe «Platzin».

Ein anderer Name, um den man in Zürich nicht herumkommt, sind die Speschas. Der 2000 verstorbene Schriftsteller Flurin Spescha stammt aus Domat/Ems. Er war Präsident des rätoromanischen Schriftstellerverbandes und engagierte sich für die Einheitssprache Rumantsch Grischun. Bekannt wurde Spescha in Zürich 1994 auch als «Öffentlichkeitsbeauftragter» von Stadtpräsident Josef Estermann. Er soll sich – so hört man noch heute – am Austausch von Bundesrat Willi Ritschard mit Schriftsteller Peter Bichsel orientiert und Estermann vorgeschlagen haben: «So einen brauchst Du auch.»

Die Romanen als gern gesehene Immigranten

Flurins Bruder Marc Spescha ist ein bekannter Zürcher Rechtsanwalt, der sich vor allem für Klienten engagiert, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Allein in Zürich gebe es 50 bis 100 Heimweh-Emser, sagt Spescha. Die Beliebtheit der Bündner und Romanen bezeichnet er als «unverdienten Bonus, nur weil wir so reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist». Und weiter sagt Spescha den eindrücklichen Satz: «Wenn alle Immigranten in Zürich so offenherzig empfangen würden wie wir Bündner, würde die Welt freundlicher und fröhlicher ausschauen.» Die Sympathie für die Bündner und ihren Dialekt erklärt sich Spescha durch die Vokalität des Dialekts, durch Ferienerfahrungen der Flachländer und die Idyllisierung der Berglandschaft.

Es gibt aber nicht nur die Bündner, die nach Zürich kommen. Es gibt auch die Zürcher, die im Kanton Graubünden Arbeitsplätze schaffen. Marc Speschas Grossvater war es, der als Gemeindepräsident die EMS-Chemie nach Domat/Ems geholt hatte, die dann später von den Blochers übernommen wurde. Heute gibts wiederum in Zürich – und auf der ganzen Welt – kaum mehr ein neues Auto, in dem nicht Bündner Technik steckt.

Vom Polizeisprecher bis zum König vom Uetliberg

Die Liste von Rätoromanen, Bündnern und italienisch sprechenden Südbündnern, die in Zürich für Betrieb – und Ordnung – sorgen, ist eindrücklich. Einige von ihnen sprechen nicht mehr Romanisch, weil schon ihre Eltern oder Grosseltern eingewandert sind, andere hats wieder in die Heimat zurückgezogen. Ein paar Beispiele: Die Schauspielerin Tonia Maria Zindel aus Scuol, Schauspieler Andreas Zogg aus Chur, Porno-Heidi Laetitia Zappa aus St. Moritz, die in Zürich einen Modeladen betreibt.

Nicht zu vergessen sind der Südbündner Marco Cortesi als bekanntester Polizeisprecher der Schweiz. Er stammt aus Samedan und spricht in seiner Familie jeden Tag Oberangadiner Romanisch. Bekannt sind auch der 2004 in Männedorf verstorbene Schriftsteller Clo Duri Bezzola, der Publizist, Schriftsteller und Fernsehmoderator Iso Camartin und dann natürlich Giusep Fry, der umstrittene König vom Uetliberg, der aus der Surselva stammt. Der Blick ins Telefonbuch fördert unter den Namen Capol, Bezzola, Capaul, Caflisch, Nay, Caminada, Zanetti oder Janett noch viele Persönlichkeiten zutage, die sich als Ärzte, Juristen, Musiker, Spitzenköche, Politiker oder Designer einen Namen gemacht haben.

Erstellt: 24.10.2014, 12:11 Uhr

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