Panik? Von wegen!

Die Märkte reagieren schockartig auf die Aufhebung der Untergrenze. Und Passanten an der Bahnhofstrasse? Stimmen von Euro-Wertschriften-Besitzerin Marlies Keusch und Konstanz-Käufer Thomas Brunner.

Magnet für Passanten: Bildschirme mit Börsenkursen an der Bahnhofstrasse. Foto: Benjamin Hämmerle

Magnet für Passanten: Bildschirme mit Börsenkursen an der Bahnhofstrasse. Foto: Benjamin Hämmerle

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Am Nachmittag auf der Zürcher Bahnhofstrasse. Vor den Bildschirmen mit den Börsenkursen vor dem Hauptsitz der UBS bleiben ab und zu ein paar meist ältere Passanten stehen. Einige schütteln den Kopf. Andere fachsimpeln mit ihrem Ehepartner oder Geschäftskollegen. Die Aufhebung des Frankenmindestkurses und die Verluste an der Börse sind ein Thema. Aber Panik sieht anders aus.

«Ich war sehr überrascht, als ich die Neuigkeiten erfahren habe», sagt Pensionär E. Schlegel aus Zürich. «Ehrlich gesagt, finde ich, dass die Nationalbank schon ein wenig die Leute verarscht hat. Vor einer Woche hiess es noch, man werde alles tun, um den Franken zu stützen, und jetzt ist nicht einmal eine neue Untergrenze festgelegt worden.» Schlegel vermutet darum, dass kurzfristig etwas Gravierendes vorgefallen ist, das die Nationalbank zu diesem Schritt genötigt hat: «Irgendwelche gross angelegten Spekulantenangriffe auf den Franken zum Beispiel.» Die gegenwärtige Reaktion der Märkte hält der Pensionär für übertrieben: «Der Eurokurs wird sich wahrscheinlich bei etwa 1.10 Franken einpendeln.»

«An der Börse geht es eben rauf und runter»

Thomas Brunner aus Winterthur sieht die positiven und die negativen Seiten des Eurosturzes: «Wir gehen regelmässig in Konstanz einkaufen. Die Kleider, Schuhe und Lebensmittel dort werden jetzt noch billiger.» Trotzdem wäre es ihm lieber, wenn die Nationalbank den Franken weniger drastisch verteuert hätte: «Den Tourismus und die schweizerische Exportwirtschaft wird es hart treffen.» Der 42-Jährige besitzt keine Aktien, hat aber mitbekommen, dass auch der Goldkurs gefallen ist, und überlegt sich darum, in das Edelmetall zu investieren.

Im Gegensatz zum Winterthurer hat die Zürcherin Marlies Keusch (72) einen Teil ihres Vermögens in Wertschriften in Euro angelegt. Den Wertzerfall von rund 20 Prozent an einem Tag nimmt sie trotzdem gelassen: «An der Börse geht es eben rauf und runter. So war das schon immer. Meine guten Titel lasse ich jetzt nicht fallen.» Die Pensionärin kann nicht glauben, dass der Frankenkurs einfach den Devisenmärkten überlassen wird: «Wahrscheinlich hat die Nationalbank noch ein Ass im Ärmel. Wahrscheinlich kommt die Anbindung des Frankens an einen Währungskorb. Die wissen schon, was sie tun.»

«Very bad for the Swiss economy»

Ein 22-jähriger Bankangestellter sagt, der Franken hätte gar nie künstlich gestützt werden dürfen: «Es kommt nie gut, wenn der Staat in den freien Markt eingreift.» Wie die meisten der angesprochenen Passanten befürchtet auch er, dass auf die Exportwirtschaft harte Zeiten zukommen: «Wahrscheinlich werden wir dieses oder nächstes Jahr einige Pleiten von exportorientierten KMU sehen.» Auch bei den teuren Uhren- und Schmuckläden an der Bahnhofstrasse würden wohl einige Kunden ausbleiben, meint der Banker.

«This is very bad for the Swiss economy», ist ein Spanier mittleren Alters überzeugt. Er arbeitet für ein Finanzunternehmen und ist gegenwärtig geschäftlich in Zürich. Dass Restaurants, Cafés und Hotels innerhalb weniger Stunden 20 Prozent teurer geworden sind, stört ihn nicht. Die Spesen würden vom Geschäft bezahlt, und Einkäufe im grossen Stil seien ohnehin nicht geplant gewesen.

Ein Rentnerpaar, das an den Gaffern vor der UBS vorbeigeht, versteht die Aufregung nicht: «Auf ein paar Franken mehr oder weniger kommt es beim Eurokurs doch nicht an.» Sie hätten keine Aktien, gingen nicht zum Einkaufen nach Deutschland und machten auch keine Ferien im Ausland, sagen die 82-jährige Frau und der 92-jährige Mann. Dafür fahren die beiden öfter mit dem Zug nach Waldshut zum Kaffeetrinken. Ihre Freude darüber, dass der Kaffee jetzt noch günstiger geworden ist, hält sich jedoch in Grenzen: «Wir müssen ja irgendwie noch unser Geld ausgeben, bevor wir sterben.»

Erstellt: 15.01.2015, 20:06 Uhr

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