Pink-Panther-Mitglied auf der Hochzeitsreise verhaftet

Fast so spektakulär wie seine Taten waren die Ermittlungen: Mit 3-D-Scanner und einem Bronzemodell des Gesichts wurde ein Millionenräuber überführt.

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Innerhalb von weniger als je zwei Minuten hatten vier bewaffnete Räuber im Mai 2010 und im März 2011 zwei Bijouterien überfallen. Im ersten Fall – Opfer war die Gübelin Juwelier AG an der Zürcher Bahnhofstrasse – machten die Räuber eine Beute von 5,5 Millionen Franken: 55 Luxusuhren und 46  Schmuckstücke. Die weniger teuren Uhren liessen die Täter zurück.

Beim zweiten Überfall auf die Bijouterie Hannibal Uhren & Schmuck in der Stadt Schaffhausen betrug die Beute rund 1,7 Millionen Franken: 150 Uhren und 66 Schmuckstücke. In beiden Fällen schlugen die Täter mit Stahlhämmern und anderen Gegenständen die Vitrinen ein, bedrohten das Personal mit Waffengewalt und flohen danach mit einem gestohlenen Porsche Cayenne Turbo.

Beschuldigter ist Ökonom

Gestern stand einer der Räuber vor dem Bezirksgericht Zürich. Der heute 36-jährige vorbestrafte Serbe konnte aufgrund einer hinterlassenen DNA-Spur in der Bijouterie in Schaffhausen identifiziert werden. Er wurde international ausgeschrieben, und die Polizei verhaftete ihn im Oktober 2011 in der Türkei – auf seiner Hochzeitsreise. Nach zwei für ihn traumatisierenden Jahren in Auslieferungshaft, in einem Raum mit 40 Gefangenen, wurde der studierte Ökonom im August 2013 den Schweizer Behörden übergeben. Der Mann befindet sich nun seit über 1300 Tagen in Haft. Am Prozess gestand der Mann zur Überraschung des Staatsanwalts und des Gerichts auch den Überfall auf die Bijouterie Gübelin in Zürich. Denn während der ganzen Untersuchung hatte er nur die Tat in Schaffhausen zugegeben; wegen der hinterlassenen DNA-Spur.

Aber auch das Schweigen bezüglich der Tat in Zürich hätte ihm nichts genützt: Spezialisten des Forensischen Instituts Zürich konnten mithilfe von Bildaufnahmen der sechs Überwachungskameras im Laden eine dreidimensionale bronzene Gesichtsskulptur herstellen, die dem Beschuldigten aufs Genauste glich. Zudem wurden 80 Körpermerkmale, die ebenfalls auf den Videoaufnahmen zu sehen waren, mit dem Mann verglichen – ohne Ausnahme stimmten die Merkmale überein.

Wer seine Mittäter waren und was mit der Beute passierte, darüber sagte der Beschuldigte nur: «Ich kann es nicht sagen. Ich komme irgendwann aus dem Gefängnis heraus und will dann weiterleben.» Nihat Tektas, sein Anwalt, sprach Klartext: Es gehe ums blanke Überleben, in Serbien würden sie keine Gnade kennen.

Die vom Staatsanwalt geforderte Strafe von acht Jahren sei zu hoch. Der Anwalt verlangte wegen Raubes eine Strafe von fünf Jahren. Sein Mandant habe beim Überfall keine Waffe getragen, er sei bezüglich Hierarchie unten gestanden und habe die Vitrinen geleert. Tektas erwähnte die schlechten Haftbedingungen in der Türkei, diese müssten beim Strafmass ebenfalls berücksichtigt werden.

Für Staatsanwalt Roland Wolter ist der sechsfach vorbestrafte Mann ein Schwerverbrecher und Berufskrimineller. Er gehöre zum Umfeld der Pink-Panther-Gruppe, welche Raubüberfälle akribisch genau plant und vorbereitet. Danach würden die Taten skrupellos und rücksichtslos durchgeführt. Die betroffenen Angestellten hätten grosse Angst ausgestanden.

Wolter erwähnte das Sündenregister des Beschuldigten: Diebstähle, Raub, Urkundenfälschung und Einbrüche in Serbien, Deutschland und in der Schweiz.

Unbestimmter Deliktbetrag

Das Gericht verurteilte den Serben wegen Raubs, Sachbeschädigung und Entwendung zum Gebrauch (im Fall der Fluchtautos) zu einer Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren. Man sei vom Geständnis überrascht gewesen, sagte der Vorsitzende Roger Weber. Dies habe sich zwar für eine gewisse Strafminderung ausgewirkt, aber das Gericht hätte auch ohne Geständnis einen Schuldspruch im Fall des Raubüberfalls auf die Zürcher Bijouterie ausgesprochen. Ebenfalls strafmindernd waren die lange Auslieferungshaft in der Türkei und die dortigen Haftbedingungen. Negativ ins Gewicht fielen die Vorstrafen, die minutiöse Vorbereitung der Überfälle und die Bandenstruktur der Berufskriminellen.

Der Deliktbetrag im Fall des Überfalls auf die Zürcher Bijouterie sei nicht zu eruieren, dies müsse ein Experte bestimmen. Der Verteidiger hatte den Betrag von 5,5 Millionen Franken als zu hoch beziffert. In früheren Medienberichten war von rund 3 Millionen Franken die Rede gewesen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 19:37 Uhr

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