Pitschis Ausflug ins Museum

Joggeli, Pitschi, Globi – im Landesmuseum tummeln sich derzeit die Kindheitshelden ganzer Generationen. Sie erzählen die heiss geliebten, aber auch ganz unbekannte Geschichten.

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Was haben wir als Kinder mitgelitten! Wenn Pitschi auszog, um ein Hahn oder eine Ziege statt ein kleines Kätzchen zu sein. Wenn Schellen-Ursli durch den hohen Schnee stapfte, weil er auf der Alp die grosse Glocke holen will. Und was waren wir froh, wenn sie wohlbehütet wieder daheim waren und alle, aber auch wirklich alle froh und glücklich darüber waren.

Es ist ein klassisches Motiv der Bilderbücher, vorab der Schweizer Kinderbücher. Heidi in Frankfurt! Heimweh gilt nicht von ungefähr seit den Zeiten des Söldnerwesens als Schweizer Krankheit. Die neue Ausstellung im Landesmuseum über beliebte Schweizer Bilderbücher belegt zwar nur zwei Räume, öffnet aber bei Erwachsenen unzählige Türen zu Kindheitserinnerungen.

Der verschwundene Henker

«Bilderbücher sind eine Spezialkunst für Kinder», sagte der Direktor des Landesmuseums Andreas Spillmann heute Morgen bei der Medienkonferenz zur Eröffnung der Familienausstellung «Joggeli, Pitsch, Globi... Beliebte Schweizer Bilderbücher». Sie seien aber auch Vermittler von Werten der damaligen Zeit.

Das wird bei Lisa Wengers «Joggeli söll ga Birli schüttle» einem drastisch vor Augen geführt: In der ersten Fassung aus dem Jahr 1908 steht hinter dem Metzger noch ein Henker. Der war späteren Generationen nicht mehr zuzumuten, er verschwindet spurlos.

Kunst und Zeitgeist

Kunst und Zeitgeist; beide Aspekte leuchtet die Ausstellung aus. Gastkurator Hans ten Doornkaat und die Projektverantwortliche Anna Wälli zeigen auf, wie sich die Bilderbücher im Laufe der Zeit optisch, aber auch inhaltlich veränderten.


Welches ist Ihr Lieblingsbilderbuch? Welche Erinnerungen verbinden Sie damit? Erzählen Sie Ihre Geschichte per Mail an: helene.arnet@tages-anzeiger.ch.


Und was für hervorragende Zeichnerinnen und Zeichner sich diesem Genres annahmen, bekannte wie Felix Hoffmann, Alois Carigiet oder Hans Fischer und zu entdeckende oder wieder zu entdeckende wie Ernst Kreidolf, Berta Tappolet, Warja Lavater oder Hans-Ulrich Steger.

Trautes Heim und Sehnsuchtsort Tripiti

Die beiden zeitlichen Pole der Ausstellung bilden der Berner Ernst Kreidolf (1863 bis 1956) und der Zürcher Hans-Ulrich Steger (1923 bis 2016).

Kreidolf gilt als Begründer des modernen Bilderbuchs. Seine Zwergen- und Blumenbilder sind reinster Jugendstil und feiern – vordergründig – das traute Heim. Das vermeintliche Abendrot kann aber, bei genauer Betrachtung, in Geschützfeuer kippen. Der Schrecken des 1. Weltkriegs macht auch vor der heilen Welt des Bilderbuchs nicht halt.

Steger dagegen, ein hochpolitischer Kopf, 1967 bis 1997 Hauskarikaturist des «Tages-Anzeigers», hat mit seinem Theodor, einem verknautschten Teddybären mit Schlapphut, und dessen Reise nach Tripiti eine Figur geschaffen, die – wie es sich gehört für Bilderbuchhelden – von zu Hause weg ins Abenteuer zieht. Nur kehrt der nicht mehr heim, weil es eben anderswo auch schön ist. Die Schweiz ist weltoffen geworden.

Das Kind in den Eltern entdecken

Erwachsene erinnern sich in der Ausstellung an das Kind, das sie einmal waren. Die Kinder dürfen aber auch das Kind sein, das sie sind. Dafür sorgen tolle Kulissen. Von einem Birnbaum können sie Birnen schütteln, in Schellen-Urslis Alphütte dürfen sie sich verkleiden, in einer Höhle Zwerge suchen. Und sie können in Pitschis übergrosses Federbett schlüpfen – und Bilderbücher anschauen.

Auch werden Kinder vielleicht eine seltsame Veränderung ihrer Eltern wahrnehmen. Wenn die Mutter in sich versunken den Kettenvers vom Joggeli vor sich hin murmelt oder der Vater Kinderlieder summt, während er das Maggi-Liederbuch durchblättert, entdeckt das Kind das Kind in den Eltern.

Ausstellung: Joggeli, Pitschi, Globi... Beliebte Schweizer Kinderbücher im Landesmuseum Zürich, 15. Juni bis 14. Oktober, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr. Eintrittspreise: 10 Franken für Erwachsene, für Kinder bis 16 Jahre frei. Verschiedene Zusatzangebote für Familien: www.landesmuseum.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 16:16 Uhr

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