Plagiatsvorwurf: Doris Fiala nimmt Stellung

An der ETH Zürich gibt es weniger als zehn Plagiatsfälle pro Jahr. Nun wird überprüft, ob die Abschlussarbeit der freisinnigen Nationalrätin einer davon ist. Sie selbst gibt zu, «schludrig» vorgegangen zu sein.

Soll abgeschrieben haben: Doris Fiala (Dezember 2011).

Soll abgeschrieben haben: Doris Fiala (Dezember 2011). Bild: Keystone

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Kaum hat sich FDP-Nationalrätin Doris Fiala für das Zürcher Stadtpräsidium ins Gespräch gebracht, sieht sie sich harter Kritik ausgesetzt. Ein 31-jähriger Informatikmitarbeiter und Student der Uni Zürich wirft ihr vor, bei ihrer Abschlussarbeit für einen ETH-Lehrgang Zitate ohne Quellenangabe benützt zu haben. Der Student war auf der Website der Politikerin auf deren Abschlussarbeit des Lehrgangs am Center for Security Studies (MAS ETH SPCM) gestossen, und hat sie mit einer Plagiat-Erkennungssoftware der Uni untersucht.

Auf den 200 Seiten von Fialas Arbeit zum Thema Migration und Sicherheitspolitik fand die Software rund 300 Sätze, die so oder ähnlich in anderen Publikationen stehen, ohne dass Fiala diese im Literaturverzeichnis explizit genannt hätte. Der grösste Teil dieser Treffer sind zwar Fehlanzeigen: So etwa soll das Inhaltsverzeichnis ein Plagiat sein, und auch korrekte Quellenangaben beurteilt die Software teils als undeklarierte Zitate.

«Erhärtet sich der Vorwurf, können wir ein Verfahren einleiten»

Doch es finden sich darunter Passagen, etwa Begriffsdefinitionen, die Fiala aus Wikipedia oder anderen online frei zugänglichen Quellen kopiert und nicht als solche deklariert hat. «Das ist tödlich», sagt der Unimitarbeiter. Ebenso sei es nicht zulässig, 100-seitige Berichte als Quelle zu nennen, ohne die genaue Stelle anzugeben, die man zitiere. «So etwas würde an der Universität Zürich niemals akzeptiert.»

Institutsleiter Andreas Wenger will sich zum Plagiatsvorwurf nicht äussern. ETH-Mediensprecher Roman Klingler sagt, die Hochschule kläre ab, was es mit den Vorwürfen auf sich habe. «Erhärtet sich der Vorwurf des Plagiats, können wir ein Verfahren einleiten.»

«Ich bin keine Betrügerin»

Doris Fiala sagt dazu: «Es mag sein, dass ich nicht umfassend genug und nicht überall ausreichend Quellenangaben gemacht habe. Das bedaure ich. Aber deswegen bin ich noch lange keine Betrügerin.» Sie habe die Arbeit weder in Auftrag gegeben, noch irgendwo nur abgeschrieben, sondern dafür während Monaten Kurse in Zürich, London und am Pentagon besucht und neben ihrer Tätigkeit als Nationalrätin mehr als ein halbes Jahr am Abschluss gearbeitet.

Es handle sich beim MAS «nur» um ein Weiterbildungsmasterdiplom, keinen akademischen Grad, den sie sich erschummelt habe, sagt Fiala. Im Gegensatz zu einem Master of Arts oder Master of Science berechtigt dieser nicht zu einem Doktoratsstudium. «Da gelten andere Massstäbe als bei einem Doktortitel», so Fiala. Sie habe eine überdurchschnittlich umfassende Arbeit abgeliefert, die mit einer knappen Fünf benotet wurde. «Wenn ich mir irgendeiner Schuld bewusst gewesen wäre, hätte ich die Arbeit doch nicht frei zugänglich auf meine Website gestellt. Ich wäre ja schön blöd.»

Dennoch gibt sie gegenüber der Nachrichtenagentur SDA an, sie sei «offenbar mit gewissen Quellenangaben schludrig umgegangen». Das bedaure sie extrem. Über ihre Nachlässigkeit ärgert sie sich: «Ich könnte mir die Haare ausreissen». Im Nachhinein frage sie sich, weshalb sie nicht selber ein Plagiatserkennungs-Programm über die Arbeit habe laufen lassen. «Dann hätte ich die Mängel beizeiten selber erkannt».

Mit Material der SDA

Erstellt: 30.04.2013, 06:36 Uhr

10 Plagiatsfälle pro Jahr an der ETH

Die ETH Zürich nimmt auf eine Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet schriftlich Stellung. Der Master-Abschluss im Lehrgang Security Policy and Crisis Management, den Doris Fiala erworben hat, sei nicht als Zulassung zu akademischen Studiengängen zu verstehen. «Es handelt sich nicht um einen akademischen Grad», schreibt Franziska Schmid von der Medienstelle der ETH. Auf die Frage, ob die Weiterbildungs-, Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten unterschiedlich überprüft werden, antwortet sie: «Es gibt nur Unterschiede in Bezug auf die inhaltlichen Anforderungen. Die wissenschaftliche Sorgfaltspflicht gilt jedoch für alle Arbeiten gleichermassen.»

Die ETH Zürich hat klare Regeln zu Quellenangaben in Abschlussarbeiten, die auf der Website zu finden sind. Ebenso arbeitet die ETH mit derselben Software, die auch von der Universität Zürich genutzt wird, um Dokumente auf Plagiate hin zu untersuchen. «Bei konkreten Verdachtsfällen kommt eine weitere spezielle Software zur Anwendung», so Schmid.

Die jeweilige Betreuungsperson der Studenten entscheidet, ob eine Arbeit elektronisch auf Plagiate geprüft werden muss. Hinweise, wann eine Überprüfung angebracht ist und wie bei einem Verdacht vorzugehen ist, sind ebenfalls auf der Website publiziert. «Wenn ein Verdacht auf ein Plagiat besteht, werden gemäss unsern Richtlinien die nötigen Abklärungen durchgeführt», betont die ETH-Medienbeauftragte. «An der ETH Zürich werden rund 100'000 Prüfungen, davon 10'000 schriftliche Arbeiten, pro Jahr abgenommen, dabei gibt es weniger als 10 Plagiatsfälle pro Jahr.» (tif)

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