Hintergrund

Plastikgeld nur gegen Gebühr

Das ist ein Ärgernis: Wer in Zürich kleinere Beträge mit einer Maestro-Karte bezahlen will, stösst auf Widerstand, einige Läden akzeptieren das Zahlungsmittel nur ab einem Mindestbetrag

Auch in kleinen Läden möglich: Kunden können darauf bestehen, auch kleine Beträge mit Karte zu bezahlen.

Auch in kleinen Läden möglich: Kunden können darauf bestehen, auch kleine Beträge mit Karte zu bezahlen. Bild: Sophie Stieger

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Der ehemalige Abba-Sänger Björn Ulvaeus dürfte beim Einkaufen in Zürcher Läden seine liebe Mühe haben. Manche Geschäfte müsste der 68-Jährige, der nach eigenen Angaben seit zwei Jahren kein Bargeld mehr benützt, mit leeren Händen verlassen.

Einige Ladenbesitzer akzeptieren nämlich für kleinere Einkäufe nur Bargeld als Zahlungsmittel. Dazu zählt die Metzgerei Prétôt mit ihren Wurstspezialitäten, nahe der Bahnhofstrasse. Wer dort für weniger als 40 Franken postet, muss seine Ware mit Noten oder Münzen bezahlen. Er sehe nicht ein, warum man ein Bürli für zwei Franken mit einer Karte kaufen wolle, sagt Geschäftsführer Ariel Schloesing. «Das ist viel zu umständlich und verursacht unnötige Arbeit. Sowohl für uns wie auch für die Nachbearbeitung.»

Negative Reaktionen sind gemäss Schloesing bisher ausgeblieben. Die Kunden würden diese Regelung akzeptieren. Das Plastikgeld will er allerdings trotzdem nicht verteufeln. Vor einem halben Jahr installierte die Spezialitäten-Metzgerei Zahlungskonsolen für die Debit- und Kreditkarten. Seither sind die Umsätze angestiegen.

Mindestbetrag ist nicht erlaubt

In der Shop-Ville-Filiale der Bäckerei Stocker klebt auf dem Kartenlesegerät ein Hinweis: Wer für weniger als 20 Franken mit der Maestro-Karte bezahlen will, dem wird ein Zuschlag von 30 Rappen verrechnet. Inhaber Urs Stocker sieht sich aus Kostengründen zu diesem Schritt gezwungen. «Das Gerät, die Leitung und die Abrechnung werden mir belastet. Für jeden Einkauf bezahle ich rund 20 Rappen.» Weil der Kunde durchschnittlich für etwas weniger als 20 Franken einkaufe, würden sich die Kosten fürs Plastikgeld schnell summieren. «Ich kann nicht einfach meine Gipfeli dreissig Rappen teurer machen, sonst bin ich nicht mehr wettbewerbsfähig.» Doch nicht alle goutieren den Zuschlag. Gewisse Kunden reagierten verärgert.

Andere Geschäftsinhaber sind weniger streng im Umgang mit der Debitkarte und versuchen an die Vernunft ihrer Kunden zu appellieren. Marcus Rack führt in der Enge eine Kleiderreinigung. Ein Hinweis über Mindestbeträge für Maestro-Zahlungen sucht man in seinem Geschäft vergeblich. «

«Zieht ein Kunde bei einer Rechnung von weniger als 20 Franken die Karte hervor, frage ich ihn höflich, ob er mit Bargeld bezahlen könne», sagt Rack. Bei einem handgebügelten Hemd für 6.50 Franken würde er sonst faktisch noch drauflegen. Da bleibe neben den übrigen Kosten für Material, Arbeit und Verpackung sonst nichts mehr in der Kasse.

Drei Reklamationen pro Monat

Ist es legal, die Maestro-Karte erst ab einem gewissen Betrag zu akzeptieren? Grundsätzlich sei eine solche Bestimmung nicht statthaft, sagt Jürg Schneider, Sprecher des grössten Schweizer Zahlungsdienstleisters Six Payment Services. «Der Ladenbesitzer kann allerdings einen Zuschlag verrechnen. Wir weisen die Händler aber gleichzeitig darauf hin, dass wir Zuschläge von fünf Prozent und mehr nicht als gerechtfertigt ansehen.» Pro Monat würde Six eine bis drei Reklamationen von Kunden erhalten, die sich über Mindesteinkaufsbeträge in Läden beschwerten.

Ein weiterer Zahlungsdienstleister ist die Firma Aduno. Auch hier ist die Antwort eindeutig: «Mit der Unterzeichnung des Vertrages verpflichtet sich der Händler, Karten betragsunabhängig für die Bezahlung von Waren oder Dienstleistung zu akzeptieren», sagt Aduno-Sprecherin Nadine Geissbühler. Es sei den Händlern gemäss einem Entscheid der Wettbewerbskommission aus dem Jahr 2002 aber erlaubt, die Gebühr dem Kunden in gleicher Höhe weiter zu verrechnen. Der Höchstbetrag dafür sei bei Debitkarten 30 Rappen. Dieser Zuschlag muss aber vom Händler klar ausgewiesen und für den Kunden transparent sein. Nadine Geissbühler verweist ausserdem auf einen Vorteil des Plastikgeldes gegenüber dem Bargeld, etwa in einer Bäckerei: die Hygiene.

Cash-Chip war ein Flop

Was geschieht, wenn sich ein Ladeninhaber weigert, die Debitkarte für eine Bezahlung zu akzeptieren? Dies sei nicht zulässig, sagt Geissbühler. Der Kunde könne darauf bestehen, mit der Debitkarte zu bezahlen. Genaue Zahlen über Reklamationen in diesem Bereich gebe es nicht. Die Tendenz sei aber abnehmend.

Versuche, das bargeldlose Bezahlen bei kleineren Beträgen durchzusetzen, sind bisher gescheitert. Im Januar 1997 führte Europay, die schweizerische Vertriebsgesellschaft für die EC-Karte, den Cash-Chip auf den Plastikkarten ein. «Münz war gestern», hiess es damals. Die Idee: Am Bancomaten lädt man bis zu 300 Franken auf den Chip. Doch trotz einer grossen und teuren Werbekampagne wurden die Kunden nie richtig warm mit dem System. Ende vergangenes Jahr ist Cash schliesslich still und leise eingestellt worden.

Erstellt: 06.02.2014, 22:25 Uhr

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An den entsprechenden Technologien wird zumindest schon seit längerem gearbeitet. Eine wichtige Funktion soll dabei das Handy übernehmen. Bereits heute sind Smartphones mit einem Chip für die sogenannte Nahfeldkommunikation (NFC) ausgerüstet. Zusammen mit einer entsprechenden App und auf dem Handy hinterlegten Zahlungsdetails wird das Gerät zu einem vollwertigen Bezahlsystem.

Viele Unternehmen arbeiten an ihren eigenen Systemen und hoffen vom Trend zum mobilen Zahlen zu profitieren. Die Swisscom ist mit dem Projekt «Tapit» am Start und steckt in der Versuchsphase. Ob das System floppt wie der abgebrochene Versuch mit der Cash-Funktion, wird sich zeigen. «Die Frage ist, ob der Mensch auch gewillt ist, mit der Technik Schritt zu halten. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen langsamer lernen, als die Technik sich weiterentwickelt», sagte Karin Frick, Zukunftsforscherin beim Gottlieb-Duttweiler-Institut, gegenüber «20 Minuten». Die ersten Bancomaten wurden in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre installiert, die EC-Karte entstand in den 80er-Jahren.
(bg)

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