Polizei sucht jetzt Dreifachmörder

Ein Kriminalfall weitet sich aus: Exakt fünf Jahre nach dem Mord im Zürcher Seefeld, taucht die gleiche DNA-Spur bei einem Tötungsdelikt im Kanton Bern auf.

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Es ist einer der aufsehenerregendsten ungeklärten Mordfälle: der gewaltsame Tod einer Psychoanalytikerin in ihrer Praxis im Zürcher Seefeld. Die 56-Jährige starb am 15. Dezember 2010. Trotz Massen-DNA-Test und der Befragung von landesweit gut 900 Personen tappen die Behörden nach wie vor im Dunkeln. Nun hat der Fall eine neue Dimension erhalten – zumindest für die Öffentlichkeit. Denn beim mutmasslichen Täter handelt es sich um denselben Mann, der vor fünfzehn Monaten in Laupen im Kanton Bern ein Ehepaar getötet hat – exakt fünf Jahre nach dem Tod der Psychoanalytikerin, am 15. Dezember 2015. Am Tatort in Laupen konnte die Polizei DNA-Spuren vom Täter sicherstellen. Diese DNA ist identisch mit jener, die der Täter im Zürcher Seefeld hinterlassen hatte. Das teilten die Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland und die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich gestern mit.

Staatsanwalt Matthias Stammbach, der den Zürcher Fall behandelt, sagte auf Anfrage, dass man keine Hinweise auf ein gemeinsames Motiv habe. In einem früheren «Tages-Anzeiger»-Interview hatte Stammbach gesagt, dass man bei der Psychoanalytikerin Bankunter­lagen, Gesprächsprotokolle, Telefondaten, Korrespondenz und vieles mehr überprüft habe, um herauszufinden, ob ein Patient der Täter sei. Der Staatsanwalt ist überzeugt davon, dass es eine Beziehung zwischen Opfer und Täter gegeben haben muss.

Weder Raub- noch Sexualdelikt

Sowohl in Zürich als auch in Bern gehen die Behörden weder von einem Raub- noch von einem Sexualdelikt aus. In beiden Fällen wurden die Opfer erstochen, in Bern ist zusätzlich noch von stumpfer Gewalt die Rede. Die Tatwaffe im Zürcher Fall – ein Messer – wurde nicht gefunden. Und besonders ungewöhnlich: Beide Taten sind an einem 15. Dezember verübt worden. Für Stammbach zwar ein «augenfälliges Moment», er will aber nicht über die Gründe spekulieren.

Weiter sagte Stammbach, dass sich die Opfer in Zürich und Bern nicht gekannt hätten. «Die identische DNA-Spur ist vorläufig die einzige konkrete Parallele zwischen den beiden Tötungsdelikten.» Er schloss aus, dass die Übereinstimmung der DNA auf verunreinigte Datenträger zurückzuführen ist, wie dies vor einigen Jahren in Deutschland geschehen war.

Im September 2015 war in den Medien berichtet worden, dass die Zürcher Staatsanwaltschaft eine DNA-Probe eines Verdächtigen aus Italien verlangt habe. Der Mann hatte im Jahr 2013 in der süditalienischen Stadt Bari ebenfalls eine Psychiaterin erstochen. Er wurde dort zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Laut Stammbach hat sich dieser Verdacht aber nicht erhärtet.

Obwohl die Behörden schon kurz nach der Berner Tat im Dezember 2015 wussten, dass es sich beim Täter um ein und denselben Mann handelte, ist dieser Aspekt erst mit der gestrigen Medienmitteilung öffentlich bekannt geworden. Laut Christoph Gnägi, Sprecher der Berner Kantonspolizei, wurde dies aus ermittlungstaktischen Gründen so gemacht. Man habe nach dem Mordfall im Kanton Bern gezielt bei rund hundert Personen DNA-Proben genommen. Die Polizei habe mit einer Veröffentlichung der identischen DNA-Spur diesem gross ­angelegten DNA-Test nicht zuvorkommen wollen. Weiter sagte der Sprecher, dass es keine Hinweise auf einen allfälligen Kriminaltouristen als Täter gebe. Es seien keine Einbruch- oder Raubspuren gefunden worden.

Bei den Berner Opfern handelt es sich um einen 74-jährigen Mann und seine zehn Jahre jüngere Frau. Das Schweizer Ehepaar war am 18. Dezember 2015 in der ehemaligen Käserei in Laupen tot aufgefunden worden. Die beiden waren aber schon drei Tage vorher umgebracht worden. Die Eheleute hatten die seit 2007 nicht mehr im Betrieb stehende Käserei gekauft und die Produktionsräume zur Wohnung umgebaut.

Hohe Belohnung ausgesetzt

Die Frau, die im Zürcher Seefeld getötet worden war, wuchs in Santiago de Chile auf. Dort absolvierte sie auch ein Medizinstudium. In den 80er-Jahren bildete sich die Frau zur Psychiaterin weiter. 1991 emigrierte sie mit ihrem Ehemann in die Schweiz, wo die Familie 2004 in Küsnacht eingebürgert wurde. Am Freud-Institut in Zürich bildete sich die Frau zur Psychoanalytikerin weiter. In ihrer Praxis im Seefeld behandelte sie auch Patienten und Patientinnen mit Depressionen und bot sowohl Paar- als auch Familientherapien an. Die Getötete hinterliess neben ihrem Ehemann eine 14-jährige Tochter.

Die Polizei hat eine Belohnung von bis zu 30'000 Franken zur Ergreifung des Täters ausgesetzt. Die Kantonspolizeien Zürich (044 247 22 11) und Bern (031 634 41 11) suchen Personen, die Hinweise zu den Delikten in Zürich oder Laupen machen können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2017, 22:43 Uhr

16. Dezember 2010: Suche nach der Tatwaffe im Zürcher Seefeld.

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