Polizei will Dealer mit Rayonverbot fernhalten

Der Drogendeal hat sich von der Langstrasse in die Umgebung verlagert. Polizeioffizier Jürg Zingg und «Mr. Langstrasse» Rolf Vieli setzen auf verstärkte Präsenz und das Polizeigesetz.

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Bewohner der Hellmutstrasse und der Brauerstrasse sagen, dass sich die Sicherheit im Quartier seit der Euro 08 verschlechtert habe. Warum?

Jürg Zingg: Wir stellen fest, dass die hochmobile Szene rasch auf polizeiliche Massnahmen reagiert. Von einer flächendeckenden Verschärfung kann man aber nicht sprechen. Entlang der Langstrasse üben wir unter anderem mit Fusspatrouillen grossen Druck aus. Diese Leute markieren Präsenz und handeln auch, was zu einer Verlagerung der Szene führt. Wir beobachten die Szene laufend und reagieren schnell auf veränderte Situationen.

Rolf Vieli: An der Brauerstrasse hat sich im Mai in zwei Häusern ein eigentlicher Drogenumschlagplatz etabliert. Die Polizei hat die Häuser überwacht und Dealer verhaftet. Die Liegenschaften sind jetzt wieder «clean». Aber im Umfeld ist die Szene immer noch präsent.

Vor allem Bewohner der Hellmuthäuser machen mobil. Ist der Drogendeal in diesem Gebiet besonders schlimm oder sind die Bewohner bloss aktiver?

Rolf Vieli: Diese Leute waren im Jahr 2000 von den unhaltbaren Zuständen in der Bäckeranlage am stärksten betroffen und reagieren nun entsprechend. Tatsächlich hat sich bei den Hellmuthäusern seit einiger Zeit eine neue Gruppe von Dealern etabliert. Wir haben es also neben den bereits bekannten Dealern aus der Dominikanischen Republik im Gebiet der Dienerstrasse vermehrt mit Kokaindealern aus Nigeria und anderen afrikanischen Ländern zu tun.

Wie gross ist diese neue Dealergruppe?

Rolf Vieli: Wir schätzen sie auf mindestens 50 Leute, die tagtäglich aktiv sind. Im Gegensatz zu den Dealern aus der Dominikanischen Republik, die sich etwas zurückgezogen haben, reagiert die neue Dealergeneration aggressiver auf Polizeieinsätze und Verhaftungen. Was uns in diesem Zusammenhang auch beschäftigt, sind Rassismusvorwürfe an die Polizei. Seien sie von Passanten oder auch von Dealern. Die eigentlichen Täter machen sich auf diese Weise zu Opfern.

Es scheint, dass die Polizei der Problematik hilflos gegenübersteht.

Jürg Zingg: Das stimmt nicht. Wir sind im Langstrassenquartier stark präsent. Einerseits mit Patrouillen, die den Drogenhandel unterbinden, was zu der bereits erwähnten Verunsicherung und zu einer gewissen Verlagerung führt. Andererseits handeln wir «unsichtbar», also mit zivilen Fahndern, die sogenannte qualifizierte, sprich gezielte Festnahmen vornehmen. Zudem haben wir aus der Bevölkerung und vom Quartierverein nach der Euro 08 verschiedene positive Rückmeldungen für unsere Arbeit erhalten. Wir lassen sicher nicht locker.

Warum werden gegen die Dealer keine Rayonverbote ausgesprochen?

Jürg Zingg: Ein generelles Rayonverbot haben wir nicht. Heute besteht die Möglichkeit, Asylbewerber, die mit Drogen handeln, mit einem Rayonverbot zu belegen. Aber in der Zwischenzeit hat sich das auch bei den Dealern herumgesprochen. Deshalb haben wir beinahe keine Drogendealer mehr mit Asylstatus. Der grösste Teil davon besitzt entsprechende Niederlassungsbewilligungen. Die Lage wird sich aber mit dem neuen Polizeigesetz verbessern, das auf Anfang nächsten Jahres eingeführt werden soll. Dann haben wir die Möglichkeit, Dealer wegzuweisen, was wir heute nicht so einfach können.

Das heisst, Sie vertrösten die Bewohner auf das nächste Jahr?

Rolf Vieli: Nein, die Situation muss jetzt schon verbessert werden. Wenn sich eine neue Szene etabliert, haben wir eine Situation wie damals in der Bäckeranlage. So weit darf und wird es nicht kommen. Punkto Drogen im öffentlichen Raum gilt Nulltoleranz, und die Polizei greift konsequent durch.

Warum werden Dealer, die auch mit kleinen Drogenmengen handeln, nicht einfach inhaftiert?

Jürg Zingg:Mit der Einführung des allgemeinen Teils des Strafgesetzbuches ist dies fast unmöglich geworden. Neu gibt es praktisch keine Möglichkeiten mehr, bei kleineren Drogendelikten kurze Freiheitsstrafen auszusprechen. Stattdessen sieht das Gesetz vor allem Geldstrafen vor, zum Teil sogar bedingte.

Wie steht es mit der Videoüberwachung als Beweismittel?Jürg Zingg: Videoüberwachung ist keine Wunderwaffe und zudem datenschutzrechtlich nicht unproblematisch. Wir haben jetzt schon festgestellt, dass sich die Dealer immer wieder zurückziehen und die Örtlichkeiten wechseln, wenn wir Druck machen. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir mit der Videoüberwachung viel erreichen. Die Gegenseite beobachtet sehr genau, wie wir arbeiten. Videoüberwachung kann im Einzelfall positiv sein, als flächendeckendes Mittel taugt sie aber nicht.

Ein Anziehungspunkt für Dealer sind auch die Anlaufstellen für Drogensüchtige.

Rolf Vieli: Früher wurden alle Institutionen, welche die übrige Stadt nicht wollte, in Aussersihl zentriert. Neben den städtischen Institutionen haben sich auch private Organisationen im Kreis 4 angesiedelt, die sich für die Drogensüchtigen engagieren. Diese Konzentration auf so kleinem Raum belastet die Quartierbevölkerung zu stark. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2008, 14:41 Uhr

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