«Polizeistunde wieder einführen»

Das neue Freizeitverhalten führt zu einer Zunahme der Gewaltdelikte, sagt der Strafrechtler Martin Killias. Sein Rezept: den Ausgang der Jungen beschränken.

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Herr Killias, wie wirkt sich der 24-Stunden-Betrieb in der Stadt Zürich auf die Anzahl der Gewalt-delikte aus?
Gewaltdelikte haben, auch seitens jugendlicher Täter, seit 1995 stark zugenommen. Wir können in einer kürzlich veröffentlichten Studie aufzeigen, dass das sehr viel mit der Veränderung des Freizeitverhaltens zu tun hat. Und das stimmt mich vorsichtig optimistisch.

Optimistisch? Wie das?
Es ist viel einfacher, die Umstände und äusseren Strukturen zu verändern als die Menschen. Zurzeit setzt die offizielle Politik auf Anti-Gewalt-Training an Schulen und ähnliche auf die Persönlichkeit der Menschen wirkende Methoden, von denen aber niemand so genau weiss, ob und wie sie sich auswirken. Da wäre es doch viel einfacher, beispielsweise die Polizeistunde wieder einzuführen.

Das ist nicht Ihr Ernst.
Ich sage nicht, dass ich das will. Als Forscher zeige ich aber auf, welche Massnahmen sich wie auswirken. Und wir haben starke Indizien dafür, dass die Jugendgewalt massiv zurückgehen würde, wenn die Jugendlichen nicht mehr bis in alle Nacht hinein im Ausgang wären. Wenn der Staat also gewillt ist, die Jugendgewalt abzubauen, wären die Polizeistunde oder Zeitlimiten für Kinder taugliche Massnahmen.

Tauglich vielleicht. Aber doch auch völlig weltfremd. Politisch hat das keine Chance.
Diese Ausgeh-Gesellschaft ist nicht in Stein gemeisselt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der 24-Stunden-Betrieb der Kernstädte heruntergefahren wird. Oder der Alkoholverkauf ab Mitternacht verboten ist. Es ist am Staat, zu entscheiden, ob er das will oder nicht. Wenn er Ja zur 24-Stunden-Stadt sagt, muss er auch akzeptieren, dass es zu mehr Gewaltdelikten kommt. Im Übrigen ist es die Freizeitindustrie, die von der ganzen Entwicklung massiv profitiert.

Delegieren Sie damit nicht die Verantwortung der Eltern an den Staat? Es ist doch an den Eltern und nicht am Staat, ihren Kindern zu sagen, wann sie ins Bett müssen.
Das ist leichter gesagt als getan. Unsere Untersuchung zeigt, dass gerade wegen des viel grösseren Angebots die Eltern das Freizeitverhalten ihrer Kinder immer weniger kontrollieren können. Wir können zeigen, dass in den letzten rund 15 Jahren der Anteil jener Jugendlichen, die sich um die von den Eltern vorgegebene Heimkehrzeit weitgehend scheren, massiv zugenommen hat. Auch sagen heute doppelt so viele Jugendliche wie früher den Eltern nicht mehr, mit wem sie ausgehen. Der oft pauschale Vorwurf, die Eltern würden ihre Erziehungsaufgabe nicht wahrnehmen, ist daher verfehlt. Es wird ihnen angesichts des grossen Angebots sehr schwer gemacht, sich durchzusetzen.

Martin Killias et al.: Prävention ohne Trendanalyse? Mythen und Trends zur Jugendkriminalität in der Schweiz, Zweites Zürcher Präventionsforum 2010.

Erstellt: 12.07.2010, 21:18 Uhr

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