Polizist Mathys und sein Verdacht

Peter Mathys ist Quartierpolizist in Schwamendingen. Sein erster Krimi erzählt von einem pädophilen Zürcher Richter, den mächtige Leute im Polizeiapparat schützen. Ist das frei erfunden?

Was, wenn im Polizeiapparat Ungerechtigkeiten passieren? Diese Grundfrage treibt den Krimischreiber Peter Mathys an. Foto: Reto Oeschger

Was, wenn im Polizeiapparat Ungerechtigkeiten passieren? Diese Grundfrage treibt den Krimischreiber Peter Mathys an. Foto: Reto Oeschger

Herbst 2015, der frühere Zürcher Gerichtspräsident Erich von Känel verstirbt im hohen Alter. Tage später ist Abdankung im Grossmünster. Die Spitzen von Justiz, Polizei und Politik sitzen in den Bänken, inklusive Stadtpräsidentin Corine Hollenstein, und hören sich an, wie von Känel samt seinen Verdiensten um die Rechtspflege noch einmal gefeiert wird.

So weit eine Begebenheit in «Schlimmer Verdacht», dem ersten Krimi des Zürcher Stadtpolizisten Peter Mathys. Stark und stossend ist die Szene, weil der Leser des Krimis weiss: alles Lüge. Der Gerichtspräsident war ein Monster. Ein Pädophiler, der noch in den Neunzigerjahren gern nach Paris reiste, um kleine Buben zu vergewaltigen, die ihm ein mafiös vernetzter Zuhälter zuhielt.

Noch schlimmer an der Geschichte ist dies: Ein herausragender Polizist könnte mit seiner Hartnäckigkeit den Gerichtspräsidenten zu Fall bringen. Doch es darf nicht sein. Pädophilen-Fahnder Franz Häfliger wird vom Polizeikommando schikaniert, die Oberen würgen seine Ermittlung ab. Häfliger erleidet einen Zusammenbruch, kommt in eine Klinik, wird als IV-Fall ausgemustert.

Da schreibt also ein Zürcher Polizist über mächtige Leute in der Zürcher Polizei, die die Entlarvung eines Pädophilen verhindern. Naheliegend, dass man Autor Mathys fragt: Haben Sie das frei erfunden? Oder verstecken Sie in Ihrem Krimi aus den Neunzigerjahren Dinge, die sich damals tatsächlich zutrugen?

Vorerst eine Kurzfassung der Antwort: Die Geschichte sei tendenziell Fiktion, sagt Mathys. Ein Schlüsselroman sei das nicht, in dem sich jede fiktive Person einer realen zuordnen lässt. Und doch sei «wohl eine rechte Portion Wahrheit drin».

Mathys ist 59-Jährig, verheiratet, lebt mit der Frau in Fällanden. Er hat zwei erwachsene Töchter und arbeitet im Rang eines Wachtmeisters auf der Quartierwache Schwamendingen. Nach dem Gespräch im TA-Personalrestaurant hat er Revierdienst. Er wird den Rest des Tages Anrufe entgegennehmen, Anzeigen aufnehmen und dergleichen.

Wahrheit oder Geschwätz?

Ein Muster dafür, was seinen Berufsalltag ausmacht: Da meldet sich ein Mann, der im Bordell war. Er gibt an, man habe dort von seiner Kreditkarte zu viel abgebucht. Wie die Polizei herausfindet, haben die Frauen im Bordell aber korrekt gearbeitet. Der Mann wollte einfach einen Teil seines Geldes zurück.

Mathys ist kein Haudegen oder Raubein; er wirkt eher introvertiert, auch wenn er im Gespräch einmal das Wort «Kragenarbeit» verwendet: Selten habe er in seiner Laufbahn als Stadtpolizist ein aggressiv werdendes Gegenüber mit einem gezielten Griff an den Kragen ruhigstellen müssen. Und Gott sei Dank habe er nie einen Schuss abgegeben. Aber die eine oder andere heikle Situation habe er durchgemacht: «Ich war an Demos, wo die Steine geflogen kamen.»

In den Achtzigerjahren trat Mathys schon einmal als Schreiber hervor. Er verfasste über mehrere Jahre die Kolumne «Polizeialltag» in der «Züri-Woche». An seinem jetzigen Krimi hat er zwei Jahre gearbeitet, in der Freizeit, wie er betont, und – das sei wichtig – als Privatmann.

Die Erzählung ist formal anspruchsvoll: Wie Gerichtspräsident von Känel klandestin nach Paris reist. Wie Polizist Häfliger ihn durch die Fahndungsgruppe Puma observieren lässt. Wie ein despotischer Polizeimajor den Häfliger bremst und blockiert. Wie die Kollegen sich von Häfliger distanzieren. All das ist in kleinen Kapiteln wiedergegeben, wobei jedes Kapitel die Geschichte aus der Sicht einer anderen Person aufnimmt.

Und wie ist das nun im Krimi mit der Dichtung und der Wahrheit? Mathys holt aus: «In den Neunzigerjahren, zur Zeit, als der Babyfolterer René Osterwalder für Schlagzeilen sorgte, wurde in der Zürcher Kripo herumerzählt, die Staatsanwaltschaft habe Ermittlungen gegen einen mutmasslich pädophilen, namentlich bekannten Richter auf fragwürdige Art gestoppt.»

Bis heute, fährt Mathys fort, gebe es Insider, die davon redeten; «darunter hervorragende, integre, glaubwürdige Polizisten». Allerdings seien da auch andere, die das alles als blödes Geschwätz abgetan hätten und abtäten.

Die Gerüchte inspirierten Mathys zu seinem Plot, dem Handlungsgerüst des Krimis. Das Problem der Lüge in der Demokratie und in deren Machtapparaten beschäftige ihn, führt er aus. Vor allem, wenn dabei übergeordnete staatliche Interessen geltend gemacht würden.

Wyler und Zopfi, Heldinnen

Ein Fall, der ihn bis heute nicht loslasse: die Whistleblowerinnen im Zürcher Sozialdepartement, die vor Jahren Missstände an die Öffentlichkeit trugen und wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt wurden. Esther Wyler und Mar­grit Zopfi seien Heldinnen, findet Polizist Mathys. Sie hätten «aus einer rechtlichen und seelischen Notlage agiert», sie hätten die Wahrheit gesagt und seien dafür «bös an die Kasse gekommen».

«Wir Polizisten unterstehen dem Amtsgeheimnis und müssen uns an den Datenschutz halten», sagt Mathys. Das Dilemma sei: «Was, wenn intern Ungerechtigkeiten passieren?» Die innere Zerrissenheit eines Polizisten in diesem Zwiespalt sei es, die ihn interessiere.

Ausritt mit Hekla

Abschalten falle ihm schwer, sagt Ma­thys, der nach einer Banklehre mit 25 zur Polizei stiess. Ein «gutes soziales Beziehungsfeld» sei für einen Polizisten elementar wichtig. Mit seiner Frau könne er über Belastendes reden; ein früherer Polizeikommandant habe über die Rolle der Angehörigen eines Polizisten gesagt: «Die Familie arbeitet mit. Auch ihr gebührt Dank.» Ein guter Polizist müsse, so Mathys, «Menschenfreund sein und Menschenfreund bleiben».

Entspannung findet Mathys beim Ausreiten auf seinem Islandpferd Hekla. Doch vorerst geht es nun zur Arbeit nach Schwamendingen, einem Quartier, das «viel besser ist als sein Ruf» sei. Über seinen Krimi sagt Peter Mathys: «Mal schauen, was er auslöst.» Auf der letzten Seite seines Buches steht der programmatische Satz: «Die Erinnerung kehrt wieder, immer wieder. Sie schlummert unter der Haut wie ein Abszess.»

Erstellt: 28.11.2016, 21:21 Uhr

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