Porca Miseria!

Es wiegt wirklich schwer, dass Italien ausgeschieden ist. Erinnerungen unserer ­Autoren – alles Schweizerinnen und Schweizer.

O Italien! Was soll diesen Sommer nur aus uns werden ohne dich? Italien-Fans 1982 in Zürich. Foto: Keystone

O Italien! Was soll diesen Sommer nur aus uns werden ohne dich? Italien-Fans 1982 in Zürich. Foto: Keystone

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Es war eine Zeit, in der es sich für Mädchen noch nicht gehörte, Fussball zu spielen. Und in der die Schweizer Nati einen Trainer nach dem anderen hatte und doch auf keinen grünen Zweig kam. Das höchste der Gefühle war ein Unentschieden oder wenn eine Niederlage «ehrenvoll» war. In dieser Zeit, ich spreche von den beginnenden 1970er-Jahren, fanden wir Primarschüler Exil bei den Azzurri. Das fiel uns besonders leicht, weil wir im Limmattal damals den Spitznamen «Klein-Italien» trugen. Die italienische Nationalmannschaft war super für die Völkerverständigung. Und dann war da noch das Jahrhundertspiel, der Halbfinal in Mexiko-Stadt im Juni 1970, in dem Italien unser aller Lieblingsgegner besiegte: Deutschland. Seit diesem Moment waren wir Schweizer fussballtechnisch Azzurri – bis 1982, als die Schweiz in einem Testspiel auswärts auf den amtierenden Weltmeister Italien traf und 1:0 gewann. (net)

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Nicola hatte ein selbst gemachtes Trikot der SSC Napoli, nicht azur-, sondern himmelblau, inklusive sorgfältig aufgemalter Buitoni-Werbung auf der Brust. Es war die Zeit von Maradona, also galt auch die 10 auf dem Rücken als gesetzt. Zusammen spielten Nicola (mit Betonung auf dem O) und ich bei den Junioren des FC Bülach. Auf der Rückbank des Alfa Romeo seines Vaters, der uns jeweils vom Training abholte, lernte ich, dass «pallone» Ball heisst. Und seine Mutter (über)fütterte mich jeweils mit Penne. Klischees zwar, aber wahr. Es war aber nicht nur die Erinnerung an die Pasta, die mich gestern übellauniger machte als erwartet. Es waren vor allem Nicola und die anderen italienischen Freunde, ihr Zugang zum Spiel. Richtige Schweizer übrigens, ausser wenn es um Fussball geht. Mir ging also plötzlich die Tragweite dieses Ausscheidens auf. Oder besser: Ich ahnte sie, denn wir Schweizer haben ja keine Ahnung, was Fallhöhe, grosse Bühne oder Leidenschaft angeht. Item. Auch wenn es zum Schweizer Grundverständnis gehört, immer mal wieder gegen Autokorso und Theater auf dem Rasen zu schimpfen, sind wir ehrlich, wurmt es uns – still schweizerisch vielleicht, aber ­trotzdem. (dsa)

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Es sind die Tragödien, welche die Erinnerung beflügeln – so ergeht es mir auch mit dem azurblauen Debakel vom Montagabend. Plötzlich ist sie sehr präsent: die Erinnerung an den Sommer 1982. Es war die erste WM, die ich bewusst verfolgte. Meine Eltern hatten sich überreden lassen, einen Fernseher zu mieten. So kam in die normalerweise (und zu meinem Leidwesen) fernsehabstinent lebende Familie für ein paar Wochen ein Gerät – und mit ihm kamen Paolo Rossi, Dino Zoff, Marco Tardelli oder Claudio Gentile ins Wohnzimmer. Sie wurden zu meinen Helden. Wobei Rossi, wegen Betrügereien bis unmittelbar vor WM-Beginn gesperrt, alle anderen überragte. Beim 3:2 gegen Brasilien, einem Monument der Fussballgeschichte, schoss er drei Tore, im Halbfinal gegen Polen zwei, im Final gegen Deutschland dann das erste Tor. Die Erinnerungsbilder sind glasklar – auch jenes von Bundeskanzler Helmut Schmidt und Staatspräsident Sandro Pertini, die den Final im Stadion in Madrid mitverfolgten. Rauchend. Und noch eine Erinnerung: Auf die italienischen Siege folgte jeweils das italienische Hupen auf der Strasse. Es war das erste Mal, dass ich es wahrnahm. Im Sommer 1982 keimte meine Liebe zur italienischen Nationalmannschaft. Klar, sie war und ist bis heute Nummer zwei. Doch dieser hielt und halte ich die Treue. (han)

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Meine Partnerin und ich hätten uns während eines WM-Sommers wenig zu sagen, weil ihr die WM wurst ist. Das mag stereotyp klingen in einer Zeit, in der die Mädchen Flanken schlagen wie Beckham. Ist aber so, weil: andere Generation. Wir hätten uns also wenig zu sagen – wenn da nicht die Italiener wären. Sie besetzten in ihren blauen Leibchen jeweils jene winzige verbliebene Schnittmenge an Interessen, dank der Kommunikation möglich blieb. Weil die Squadra azzurra den Bereich des Sportlichen transzendiert. Dank der singenden Sprache, dem Hang zur Theatralik, dem Sinn für Eleganz. Und vor allem dank Gigi Buffon, der all das seit 20 Jahren idealtypisch verkörpert. Sie hat seinetwegen sogar Panini-Bildli gesammelt. Und ich habe mir die Reaktion verkniffen, auf seine Faschosprüche hinzuweisen. O Italien! Was soll diesen Sommer nur aus uns werden ohne dich? (hub)

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In unserem Dorf im Sihltal war man zu meinen Primarschulzeiten im Fussball zunächst einmal gegen die Deutschen und dann gegen die Italiener. Also war ich für die Deutschen und dann für die Italiener. Das ist bis heute so. Einem Land, das Rennbahnen für Kinder-Elektroautos und Gnocchi mit Scampi hervorgebracht hat, muss man ganz einfach die Daumen drücken. Selbst dann, wenn einem beim Anblick der Shirts der Squadra azzurra nicht immer «Un’estate italiana» von Gianna Nannini und Edoardo Bennato einfallen würde. Das Ausscheiden der Italiener an der WM 1990 spülte ich als Zwölfjähriger mit einer Flasche Rosé aus einer dem WM-Pokal nachempfundenen Flasche runter und litt am nächsten Morgen mindestens so sehr wie Toto Schillacis Sturmpartner Aldo Serena wegen seines fatalen Fehlversuchs im Penaltyschiessen des Halbfinals gegen Argentinien. Analog ist eine WM ohne Italien nur eines: zum Kotzen. (ak)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 21:29 Uhr

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