Preisgekrönter Journalismus

Vier Journalisten haben einen der wichtigsten Preise der Branche erhalten. Unter den Geehrten sind auch umstrittene Presseleute.

Geehrt mit dem Zürcher Journalistenpreis 2014: Frank A. Meyer, Mark Dittli, Simone Rau und Alex Baur (v. l.). Foto: Doris Fanconi

Geehrt mit dem Zürcher Journalistenpreis 2014: Frank A. Meyer, Mark Dittli, Simone Rau und Alex Baur (v. l.). Foto: Doris Fanconi

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Nicht einmal unter Journalisten ist es üblich, an einem Festanlass einander zu bekritteln. Schon gar nicht einen Preisträger, zu dessen Ehren der Anlass überhaupt stattfindet. Aber Fredy Gsteiger, stellvertretender Chefredaktor von Schweizer Radio SRF und Jurypräsident des Zürcher Journalistenpreises, begann seine Laudatio auf den Hauptpreisträger so: «Es gibt einige gute Gründe, Frank A. Meyer zu kritisieren.» Im grossen Saal des Kaufleuten konnten sich die etwa 300 zur Preisverleihung versammelten Branchenvertreter schnell einen Reim auf diese Gründe machen. Für die einen ist Meyer in seinen Kommentaren einfach zu giftig, den anderen ist er in seinen Interviews einfach zu zahm. Gsteiger wundert sich, wie er sagte, «wie es einzelne Journalisten geradezu lieben, Frank A. Meyer zu hassen». Denn es gebe auch schlechte Gründe, Meyer zu kritisieren.

Gsteigers Fazit: In der Hand des heute 70-jährigen Altmeisters aus dem Medienhaus Ringier werde «die Feder zum Schwert». Meyer teile hart aus, genau deswegen werde er gern gelesen. Aber: «Wer angreift, wird auch angegriffen.» Den Preis für das Gesamtwerk verleihe die Stiftung Zürcher Journalistenpreis, sagte Gsteiger als Fazit, «gerade auch deswegen, wofür ihn andere schelten».

Preis für Carlos-Interview

Ein Quäntchen Mut brauchte die Jury auch, um Alex Baur auszuzeichnen. Baur arbeitet für die umstrittene «Weltwoche», und der Beitrag, für den er ausgezeichnet wurde, gehört auf den ersten Blick ins anrüchige Boulevard-Fach: das bisher einzige ausführliche Interview mit Carlos, dem in einen Medienstrudel geratenen jugendlichen Straftäter. Die Jury zeichnete Baur aber nicht allein dafür aus, Carlos endlich eine faire Plattform gegeben zu haben. Baur habe, sagt die Jury, auf dem Weg zu diesem Interview echte Grösse gezeigt. Der «Weltwoche»-Reporter löste sich von seinen bereits publizierten Schnell- und Vorurteilen. Statt im Empörungsmodus harte Strafen zu fordern, lieh Baur dem jungen Mann ein offenes Ohr. Im Eingeständnis seines journalistischen Irrtums besteht für die Jury Baurs grosse Leistung.

Den Zürcher Journalistenpreis 2014 hat auch ein Reporter gewonnen, der sich nicht allein mit dem Klein-Klein von Zürcher Justizskandalen beschäftigt, sondern mit den Finanzströmen auf der ganzen Welt. Mark Dittli schrieb in «Das Magazin» (gehört wie der «Tages-Anzeiger» zum Tamedia-Verlag) über die globale Finanzkrise und ihre frappante Nicht-Bewältigung, und zwar «so gut erklärt und erzählt», wie das bei einem so wichtigen Thema nötig wäre, was aber viel zu selten geleistet wird.

Die vierte Preisträgerin schliesslich ist Simone Rau, Reporterin beim «Tages-Anzeiger» sie erhält den Preis für das postume Porträt eines «Anti-Carlos». Sie schrieb über einen Häftling im Kanton Zug, der in einen Hungerstreik trat – und verhungerte, obwohl alle, die Simone Rau später befragte, sagten, er habe nicht sterben wollen. Rau beschreibe das Sterben, sagt die Jury, ohne zu urteilen und ohne anzuheizen. «Herausgekommen ist ein Stück Zeitgeschichte, das man gelesen haben muss.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.05.2014, 22:17 Uhr

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