Primarschüler bekriegen sich im Internet

Wenn Kinder miteinander chatten, artet das oft in wüste Streitereien aus. Die Online-Konflikte lodern auf den Pausenplätzen weiter.

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Die Pause am Montagmorgen gilt unter Lehrern als harmlos. «Die Kinder sind dann noch fast am Schlafen», sagt Christian Bochsler, Primarlehrer im Wiediker Schulhaus Friesenberg. Rempeleien würden nur selten vorkommen.

Bochsler und seine Kollegen staunten deshalb nicht schlecht, dass seit kurzem auch am Montagmorgen Schlägereien ausbrechen. Lange rätselten sie über die Gründe. Bis Bochsler, der im Friesenberg auch als Gewaltbeauftragter arbeitet, von besorgten Eltern auf die Lösung gebracht wurde. Diese heisst: Messenger.

Messenger-Programme wie MSN und Netlog ermöglichen eine schnelle schriftliche Kommunikation übers Internet. Im Gegensatz zu Chatrooms kennt man aber die Menschen, mit denen man sich austauscht. Bochsler vermutet, dass mindestens ein Drittel aller Mittelstufenschüler regelmässig miteinander «messengern», vor allem am Wochenende. Und in eben diesen Onlinegesprächen bauen sich Aggressionen auf. «Etwa die Hälfte aller Messenger-Sitzungen artet irgendwann aus», sagt Bochsler. Nach einer Weile würden sich die Schüler gegenseitig beschimpfen und mit Flüchen eindecken. Dann kommt der Montag. Und plötzlich stehen sich die virtuellen Gegner im Schulhaus real gegenüber. Kein Wunder, dass es manchmal auch real «tätscht».

Dass Internettalks oft in Reibereien enden, liegt an der fehlenden sozialen Kontrolle. Online gibt es keine Mitschüler, die ihre Kollegen zurückhalten. Es fehlen die relativierende Mimik und Drohgebärden, welche die Kinder über das Gesagte nachdenken lassen. Ausserdem kann kein Erwachsener die Flüche hören. «Allein vor dem Computer, lassen sich die Kinder mitreissen. Oft sind sie sich gar nicht bewusst, welche negativen Folgen ihr Verhalten auslöst», sagt Bochsler.

Die Beschimpfungen reichen von «Arschloch» und «huere Nutte» bis zu Todesdrohungen wie «Ich hole meine Pistole und knall dich ab». Viele Kinder würden gar nicht so weit gehen wollen. Aber auf Beleidigungen würden sie mit noch härteren Beleidigungen antworten. «Ich hab meine Schüler ihre Online-Tiraden im Klassenzimmer vorlesen lassen. Im Tageslicht und vor ihren Kameraden haben sie sich richtig geschämt dafür», sagt Bochsler.

Roland Zurkirchen, Troubleshooter des Schuldepartements, bestätigt diese Entwicklung. «Die Anonymität des Internets verspricht falsche Sicherheit», sagt Zurkirchen. Sowohl Zurkirchen als auch Bochsler schätzen die Situation aber nicht als dramatisch ein. «Zu Schlägereien wegen Online-Konflikten kommt es noch relativ selten», sagt Bochsler. Die Drohungen setzten die Kinder aber psychisch unter Druck. Ausserdem werde die Gewalt dann in der Oberstufe zunehmend brutaler.

Bochsler findet, dass diese Probleme neben der viel handfesteren Gefahr durch Pädophile etwas in Vergessenheit geraten. «Die Kinder wissen mittlerweile, dass sie nicht auf Fremde reagieren dürfen.» Es falle ihnen aber schwer, ihr Verhalten gegenüber Gleichaltrigen einzuschätzen. Hier bräuchten sie Hilfe. «Ich will die Messenger-Programme nicht verteufeln. Oft reicht es, wenn man den Kindern erklärt, was sie anrichten können und wann sie aufhören sollten.»

Auch die Eltern aufklären

Die Messenger-Beschimpfungen zeigen einmal mehr, dass Kinder neue Technologien schneller nutzen als ältere Generationen. «Viele Eltern stellen ihren Kindern einen Computer hin. Und verstehen nicht, was diese damit alles anstellen könnten», sagt Bochsler. Auch die Lehrer seien durch die neuen Medien und deren Gewaltpotenzial oft überfordert.

Bochsler fordert deshalb, dass in jedem Schulhaus mindestens ein Lehrer zusätzlich als speziell geschulter Gewaltbeauftragter arbeitet. «Ich habe für diese Aufgabe einen Nachmittag pro Woche Zeit. Dadurch kann ich schon viel bewirken.» Die Stadt prüft derzeit eine solche Lösung für weitere Schulhäuser. Auch Roland Zurkirchen will Eltern künftig stärker darüber aufklären, welche Gefahren im «neuen Lebensraum Internet» lauern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2008, 22:22 Uhr

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