Hintergrund

Privatklinik Hirslanden wirbt Uni-Herzmedizin Spitzenärzte ab

Ein Kardiologe, ein Herzchirurg und drei weitere Herzspezialisten wechseln per 1. Juli zur Privatklinik Hirslanden. Das schwächt Zürich im Kampf um die Spitzenmedizin.

Besser operieren in einem Hybrid-Operationssaal: Chirurgen bei einer Herzoperation am Zürcher Kinderspital. (Archivbild 2010)

Besser operieren in einem Hybrid-Operationssaal: Chirurgen bei einer Herzoperation am Zürcher Kinderspital. (Archivbild 2010) Bild: Keystone

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«Die Herzmedizin der Klinik Hirslanden wird sich in eine neue Dimension entwickeln.» Klinikdirektor Daniel Liedtke ist sichtlich zufrieden. Es ist ihm gelungen, ein achtköpfiges Team anerkannter Herzspezialisten an seine Klinik zu holen – angeführt von Herzchirurg Jürg Grünenfelder und Kardiologe Roberto Corti, derzeit leitende Ärzte im Zürcher Universitätsspital.

Die beiden wollten sich nicht persönlich zu den Gründen für ihren Wechsel äussern. Laut Daniel Liedtke waren nicht die Verdienstmöglichkeiten ausschlaggebend. Die beiden Chefs würden zu Beginn weniger als im Unispital verdienen. Es stimme zwar, sagt Liedtke, dass die Belegärzte der Klinik Hirslanden früher mit den Privatpatienten sehr gut verdienen konnten. Doch heute sei das etwas anders, weil die Klinik nun auch Allgemeinpatienten aufnehme. Und für diese zahlen Kassen und Kanton die gleichen Fallpauschalen wie in jedem anderen Spital.

Drei Möglichkeiten für Eingriff

Für den Wechsel der beiden Herzspezialisten war laut Liedtke ausschlaggebend, dass die Klinik Hirslanden ihnen den Spielraum bot, ein Behandlungsmodell nach ihren Wünschen zu entwickeln und zu verwirklichen. Im neuen Kliniktrakt, der im Frühling eröffnet wird, erhalten die beiden Klappen-Spezialisten einen sogenannten Hybrid-Operationssaal. Dieser bietet optimale Bedingungen für gemeinsame Eingriffe von Kardiologen und Chirurgen. Er ist steriler als ein Katheterlabor und hat mehr bildgebende Geräte als ein konventioneller Operationssaal. Bisher hatte in Zürich nur das Unispital einen solchen Operationssaal, seit 2011 arbeiteten Corti und Grünenfelder darin.

Dem Hybrid-Operationssaal gehört die Zukunft, denn die Grenzen zwischen Herzchirurgie und Kardiologie verschwimmen immer mehr. Grünenfelder und Corti gehörten zu den Ersten, die zusammen mit einem Anästhesisten ein interdisziplinäres Herzteam bildeten. Gemeinsam schauen sie sich die Patienten an, deren Herzklappen verengt sind, und entscheiden, auf welche Art die neue Herzklappe am besten eingesetzt wird: mit einem Katheter über Beingefässe und Aorta, minimalinvasiv über die Herzspitze oder durch eine Öffnung des Brustkorbes. Bei der dritten, der herkömmlichen Methode muss der Kreislauf des Patienten unterbrochen werden, was vor allem bei alten Menschen ein relativ hohes Risiko bedeutet.

Weniger Partikularinteressen

Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit werde die Qualität der Behandlung verbessert, sagen die Fachleute. Gleichzeitig würden die Partikularinteressen der einzelnen Spezialisten abgeschwächt. Im alten System hängt die Art der Behandlung davon ab, wen der Patient zuerst aufsucht: Geht er zum Chirurgen, wird er operiert. Geht er zum Kardiologen, erhält er einen Stent. Im neuen System schauen die Ärzte den Patienten gemeinsam an.

Corti und Grünenfelder haben im Mai 2008 erstmals eine Aortenklappe mittels Katheter implantiert. Ein Jahr später setzten sie die erste Mitralklappe mit der neuen Methode ein. Insgesamt haben sie und ihr Team bis heute rund 400 Eingriffe an der Aortenklappe und 150 an der Mitralklappe durchgeführt. Dabei nahmen die Zahlen von Jahr zu Jahr kontinuierlich zu. Die Klinik Hirslanden will mit dem neuen Team ihre Herzmedizin «im lokalen und nationalen Umfeld neu positionieren», wie Direktor Daniel Liedtke sagt. Neben den Klappen sollen für weitere Herzerkrankungen spezialisierte Teams gebildet werden. Um die Zahl der Patienten zu steigern, schafft die Klinik einen Herz-Notfall. Personen mit einem akuten Herzleiden treten direkt dort ein und können so rascher behandelt werden. Denn wie beim Schlaganfall entscheidet auch bei einem Herzinfarkt die Zeit, ob und wie jemand überlebt.

Alles ausser Herztransplantationen

Die Privatklinik investiert in den Ausbau der Herzmedizin insgesamt 8,6 Millionen Franken. Man werde in Zukunft alles anbieten können ausser Herztransplantationen und Kinderherzmedizin, sagt Liedtke. Um sogleich anzufügen: «Wir wollen den Platz Zürich in der Diskussion um die hoch spezialisierte Medizin nicht schwächen.» Die Klinik Hirslanden habe der Gesundheitsdirektion und dem Unispital mehrmals gesagt, dass sie eine Kooperation begrüssen würde, um die Zürcher Herzmedizin zu stärken. Auch an Forschung und Lehre wolle man sich beteiligen. «Die Ärzte, die vom Unispital zu uns kommen, wollen hier weiterforschen», sagt Liedtke. Doch bis jetzt habe sich die Universität leider nicht interessiert gezeigt.

Volkmar Falk, Professor für Herzchirurgie, lässt diese Kritik nicht gelten. «Es liegt nicht an uns, sondern an den Ärzten, die vom Unispital weggehen. Wer akademisch interessiert ist, geht nicht in die Hirslanden-Klinik.» Liedtke räumt ein, dass dies bisher zutraf. «Unsere Ärzte haben kaum weitergebildet und nur wenig geforscht.» Doch jetzt, wo die Klinik ein Listenspital ist und auch Allgemeinversicherte behandelt, soll sich das ändern. «Wir wollen uns an Forschung und Lehre beteiligen.» Mittlerweile habe Hirslanden auch in fast jedem Fachgebiet die Anerkennung des Ärzteverbandes FMH als Weiterbildungsstätte. Corti wie Grünenfelder haben habilitiert und sind Titularprofessoren.

Nur provisorisch auf der Liste

2012 hat der Regierungsrat die Klinik Hirslanden erstmals auf die Zürcher Spitalliste aufgenommen und ihr einen provisorischen Leistungsauftrag bis Ende 2014 erteilt. Seither behandelt die traditionsreiche Privatklinik auch allgemein versicherte Patientinnen und Patienten stationär. Im ersten Jahr wurde die Öffnung erst zögerlich genutzt. So waren von 2500 Herzpatienten nur 360 allgemeinversichert. Das sind rund 14 Prozent. Über das ganze Spital gesehen sei das Verhältnis zwischen Zusatzversicherten und Grundversicherten ähnlich, sagt Mediensprecherin Andrea Heim. Die Tendenz sei steigend. Befürchtungen, wonach die schicke Privatklinik unangenehme Patienten abzuwimmeln versuche, haben sich nicht bewahrheitet. Die Beschwerdestelle, welche die Gesundheitsdirektion extra einrichten liess, hat bisher jedenfalls keine solchen Fälle verzeichnet.

Kann die Klinik Hirslanden den Anteil der Allgemeinversicherten nicht erhöhen, droht sie den Listenplatz wieder zu verlieren. Ihr Expansionskurs würde gestoppt. Und damit auch ihre Ambitionen, in der hoch spezialisierten Medizin mitzumachen. Denn dort werden Mindestfallzahlen vorgeschrieben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2013, 06:31 Uhr

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