Promi wider Willen

Im Streit mit den Behörden sagt Milliardär Urs E. Schwarzenbach, er habe beschränkt flüssige Mittel. Auf solche ist sein Luxus-Hotelkomplex im Dolder dringend angewiesen.

Im Fokus der Fahnder: Dolder-Besitzer Urs E. Schwarzenbach. Foto: Nicola Pitaro

Im Fokus der Fahnder: Dolder-Besitzer Urs E. Schwarzenbach. Foto: Nicola Pitaro

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Urs E. Schwarzenbach war der unbekannte Milliardär von nebenan – bis er das Nobelhotel Dolder kaufte. Der Deal machte den diskreten Devisenhändler aus Küsnacht, der lieber mit Prinz Charles Polo spielte, als Interviews zu geben, zum Promi wider Willen. Das war 2001. Heute ist die Situation umgekehrt. Nun steht wegen des 67-Jährigen plötzlich das Dolder in grellem Licht: Ein Streit mit dem Zoll um undeklarierte Kunstwerke und damit verbundene Steuerschulden ist so weit eskaliert, dass am Dienstag die Fahnder zum Hotel fuhren und dort 30 kostbare Gemälde einpackten.

Zürichs erste Adresse – so der Anspruch des Dolders – wurde zur Bühne für ein unrühmliches Schauspiel. Egal, wer letztlich als Gewinner aus diesem öffentlichen Kräftemessen hervorgeht. Schwarzenbach selbst sagt in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten»: Die in den Medien inszenierte Beschlagnahmung schade dem Ansehen des Dolder Grand erheblich.

Bloss: Wer inszeniert da was? Schwarzenbach sagt, er werde die nackten Bohrlöcher im Dolder demonstrativ in den Wänden lassen, bis die Bilder wieder dort hängen würden. Leute, die ihn kennen, haben den Eindruck, er sei im Stolz gekränkt und handle entsprechend. Bei der Zollverwaltung wiederum heisst es, man habe die Medien nicht über die Aktion im Hotel informiert und sei nicht verantwortlich dafür, dass es dabei plötzlich von Journalisten wimmelte. Zudem sei man erst zum Dolder gefahren, weil zuvor eine Beschlagnahmung von Bildern in Schwarzenbachs Villa vereitelt worden sei.

Die neue Strategie: Schweigen

Inzwischen ist man im Dolder offenbar zur Einsicht gelangt, dass es klüger ist, das Hotel aus der Schusslinie zu nehmen. Schwarzenbach hat als Kommunikationsnothelfer Sacha Wigdorovits engagiert, der auch schon Carl Hirschmann vertrat, und der antwortet auf alle Anfragen nur noch: «Die Dolder Hotel AG und ihre Hotels Dolder Grand und Dolder Waldhaus haben mit der Auseinandersetzung der Zollbehörden mit Urs Schwarzenbach nichts zu tun und sind davon auch nicht betroffen.»

Doch die Fragen stehen im Raum, namentlich, was die Zukunft des Dolders betrifft. Denn Schwarzenbach hat aus Anlass seines Streits mit dem Zoll gesagt, dass er tiefe zweistellige Millionenbeträge nicht einfach flüssig habe. Auch deshalb nicht, weil 200 Millionen seines Vermögens wegen eines viel grösseren zweiten Streitfalls mit den Steuerbehörden vorderhand blockiert seien. Hellhörig macht das erstens, weil das Dolder von Zuwendungen Schwarzenbachs etwa so abhängig ist wie ein Fussballverein von seinem Mäzen. Zweitens, weil mit dem Neubau der Dépendance Waldhaus ein 100-Millionen-Franken-Unterfangen ansteht, das bezahlt werden will.

Schwarzenbach und die Dolder Hotel AG sind praktisch identisch. Er ist nicht nur Verwaltungsratspräsident, sondern besitzt nach letztem Stand auch über 90 Prozent der Aktien. Als er im Dolder einstieg, hatte das Haus laut der damaligen Führung zwar seinen Schuldenberg erfolgreich reduziert, aber es fehlte an Geld für die dringende Renovation. Deshalb ging das Hotel für einen Preis weg, den Schwarzenbach als «günstig» bezeichnet. Er versprach Zürich eine spektakuläre Erweiterung von Stararchitekt Norman Foster – und lieferte. 500 Millionen kostete das, angeblich «voll und ganz» von ihm selbst aufgeworfen, weil die Banken das Risiko scheuten.

Die Zweifler erhalten seit der Neueröffnung 2008 aber stetig Nahrung. Laut Geschäftsbericht machte das Dolder Grand in den letzten fünf Jahren zwischen 13 und 26 Millionen Verlust. Schwarzenbach bestritt zwar, dass er Geld einschiesse, aber seine Darlehen wuchsen auf weit über 300 Millionen Franken. Teils explizit, um Liquidität zu schaffen. Eine scheinbare Trendwende gab es zuletzt nur deshalb, weil er auf etwa zehn Prozent der Darlehen definitiv verzichtete. Ein Geschenk. Die Überschuldung wurde so abgewendet, aber die Buchprüfer mahnten im letzten Bericht: Der Bilanzverlust sei relativ zu Aktienkapital und Reserven nun so gross, dass das Gesetz Sanierungsmassnahmen verlange. Was daraus geworden ist, war gestern nicht zu erfahren.

Ohne Mäzen geht es nicht

Unbeantwortet bleibt auch die Frage, woher die 100 Millionen für den Waldhaus-Neubau kommen sollen. Selbst wenn die Banken diesmal wegen der Tiefstzinsen bessere Konditionen anbieten sollten: Ohne das Geld Schwarzenbachs – oder eines anderen Gönners – dürfte es kaum gehen. Das zeigen Erfahrungswerte aus der Hotelfinanzierung.

Laut Peter Gloor, Finanzierungsleiter der Gesellschaft für Hotelkredit, orientieren sich Banken am Ertragswert eines Hotels, der auf dem Businessplan basiert. Das Problem ist: In der Hotellerie ist der Anlagewert, also der Preis eines Hotels, heute meist höher als der Ertragswert. Es gibt darum eine Lücke, die man mit Eigenkapital füllen muss. «Meist übernehmen das Mäzene», sagt Gloor. Fast alle Schweizer Fünfsternhotels hätten einen. «Rein rational ist eine solche Investition vielleicht fragwürdig, aber Emotionen und Prestige spielen dabei ein wichtige Rolle.»

Bei Schwarzenbach, der gerne Architekt geworden wäre, kommt eine echte Begeisterung fürs Bauen hinzu. Sagt er selbst, und das attestieren ihm alle, die ihn kennen. Aber als Finanzfachmann kann er auch rechnen. Die Hotellerie scheint ihn nur mässig zu interessieren. Er betont, er habe im Dolder in eine Immobilie investiert: 40'000 Quadratmeter Nutzfläche hätten an dieser Lage 1,2 Milliarden Wert, sagte er vor Jahren. Zieht man die Quadratmeterpreise des Statistisches Amts heran, kommt man indes nicht mal auf halb so viel. Zudem steht das Hotel zwar in der Bauzone, der Altbau ist aber denkmalgeschützt.

Das gilt nicht fürs marode Waldhaus. Warum wird es also nicht durch einträglichere Wohnbauten ersetzt, in die Banken lieber investieren? Die offizielle Begründung: Synergien zwischen den beiden Häusern. Eine andere wäre: Ein Hotel ist primär für eine Zielgruppe eine interessante Immobilieninvestition – für Ausländer, die wegen der Lex Koller sonst vom Schweizer Markt ausgeschlossen sind. Ob solche über Schwarzenbach schon heute im Dolder investiert sind, ist eine weitere unbeantwortete Frage. Über den Ursprung seines eigenen Vermögens sagt er nur, er habe in den Achtzigern erfolgreich gegen das Pfund und auf den Dollar gewettet. Es heisst, am Schwarzen Montag 1987 habe er so in einer Nacht 400 Millionen verdient.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 23:13 Uhr

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