Geheime Pläne für eine riesige Erholungszone am Seebecken

Eine Gruppe will in Zürich einen Park von Tiefenbrunnen bis Wollishofen errichten – wir kennen die ersten Details.

Ideen waren da, doch das Zürcher Seebecken veränderte sich über die Jahrzehnte kaum. Foto: Urs Jaudas

Ideen waren da, doch das Zürcher Seebecken veränderte sich über die Jahrzehnte kaum. Foto: Urs Jaudas

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Der 74-jährige Architekt Walter Wäschle ist in Zürich bekannt für seine Visionen – und dafür, dass viele nie realisiert werden. Doch bei seiner neusten Idee kann er auf herausragende Unterstützung zählen. Wäschle will die Grünflächen rund ums Zürcher Seebecken verbinden und eine grosse Erholungszone schaffen.

Unter der Leitung des Immobilieninvestors Urs Ledermann hat sich der Verein IG Seepärke Zürich gegründet. Mit dabei sind Landschaftsarchitekt Enzo Enea, Architekt Daniel Ménard und die FDP-Nationalrätin Doris Fiala als Verbindung zur Politik. Die Kommunikation übernimmt der ehemalige Chefredaktor der «SonntagsZeitung», Andreas Durisch. Und auch die Direktorin von Grün Stadt Zürich, Christine Bräm, sitzt im Vorstand.

Über die konkrete Idee hüllt sich die IG in Schweigen. Man wolle im Frühling 2020 zur Medienkonferenz laden und Visualisierungen zeigen. Nach der TA-Anfrage wurden alle Vorstandsmitglieder angewiesen, nicht über die Pläne zu sprechen.

Tiefer gelegte Strassen

Das Protokoll der ersten Vorstandssitzung liegt dem TA aber vor: Als Diskussionsgrundlage für den Park rund ums Seebecken dient eine Skizze von Walter Wäschle. Ihm schwebt offenbar ein riesiger Fussgängerboulevard vor. Dazu könnten die Strassen tiefer gelegt werden. Die Quaibrücke möchten die Initianten mit einer Seebrücke entlasten («analog Rapperswil»).

Es geht um mehr als ein paar kosmetische Änderungen, wie das Protokoll zeigt: «Der weitere Prozess und der Zeitplan für dieses Jahrhundertprojekt sind langfris­tig zu definieren und als erste Priorität interne Hausaufgaben zu lösen, Konzepte inhaltlich abzustimmen sowie die Öffentlichkeit für das Projekt zu begeistern (‹umarmen›).»

Es geht um mehr als ein paar kosmetische Änderungen, wie das Protokoll zeigt.

Die Stadt Zürich äussert sich zurückhaltend zur Beteiligung am privaten Verein. Man habe grundsätzlich Interesse an Vorschlägen für die Gestaltung des Seebeckens. Mit dem Einsitz in der IG sei man aus erster Hand über die Aktivitäten des Vereins informiert, heisst es beim Tiefbaudepartement. Die Beteiligung der Direktorin von Grün Stadt Zürich zeigt aber: Man nimmt die Ideen ernst. Fast das ganze Land um den See gehört der Stadt. Konkreter informierten Durisch, Ledermann und Wäschle bisher eine Reihe von Personen wie Stadtpräsidentin Corine Mauch sowie die Stadträte André Odermatt und Richard Wolff. ­Bescheid wissen mehrere Kader der Stadtverwaltung und die Präsidenten der betroffenen Quartiervereine.

Auch die ETH Zürich ist eingeweiht. Ledermann und Durisch haben mit ETH-Präsident Joël Mesot gesprochen. Künftig soll sich der Chef des Architektur­departements der Sache annehmen. Die Medienstelle der ETH bestätigt das Treffen und sagt, im November sei ein weiteres geplant. Eine offizielle Beteiligung stehe momentan aber nicht zur Diskussion.

Damit ihre Vision eine Zukunft hat, will die IG möglichst viele Meinungsmacher involvieren. Im Protokoll ist eine erste Zusammenstellung aufgeführt: «Vertreter/in der Grünen Partei und SP (zwingend), ­Studentenmitglieder, Soziologie/Alice Hollenstein (Spezialistin für urbane Psychologie), Kunstszene, Architektur, Nicola Forster, Ärztin, Kantonsvertreter wie Martin Neukom (Baudirektor), Thomas Jung (Kantonsbaumeister)».

Schon oft gescheitert

Der neue Verein will nicht als erster das Seebecken umgestalten. Seit den 1940er-Jahren gab es mehr als ein Projekt. Zu den bekanntesten gehört jenes von Werner Müller. Er wollte 1956 den See vom Bellevue bis zum Hafen Enge aufschütten. Das Vorhaben brachte dem 1995 verstorbenen Architekten den Namen «Seepark-Müller» ein. An ihn dürften Ledermann und seine Mitstreiter gedacht haben, als sie die IG Seepärke gründeten.

Der Seepark, wie ihn Werner Müller sich vorstellte. Foto: Keystone

Ob «Seepark-Müller» für das selbst ernannte Jahrhundertprojekt ein guter geistiger Pate ist, ist fraglich. Wirklich gebaut hat der Zürcher Architekt in seinem Leben so gut wie nichts.

Der Raum um das Zürcher Seebecken ist beliebt und umkämpft – Spaziergängerinnen, Velofahrer und Autos beanspruchen ihn für sich. Um dieses Platz- und Verkehrsproblem zu lösen, gab es in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene mehr oder weniger visionäre Vorschläge. Zuletzt hat das SP-Co-Präsidium im Wahlkampf 2017 in der «NZZ» die Idee eines Seetunnels neu lanciert. Und seit einigen Monaten plant der private Verein IG Seepärke Zürich eine Erholungszone rund um das Seebecken.


Solche und andere Ideen gab es seit den 1940er-Jahren, wie ein Rückblick zeigt:

1946 skizziert der Zürcher Stadtbaumeister Albert Heinrich Steiner zum ersten Mal seine Idee eines Restaurants mit Seeterrasse beim Bürkliplatz. Er scheitert damit mehrfach. Einen letzten Anlauf unternimmt er 1991. Auch als 2013 die Idee eines Seerestaurants erneut aufgenommen wird, wird sie verworfen.

1956 präsentiert Werner Müller seinen Seepark. Er will die Quaipromenade aufschütten und darauf ein Stadtplatz mit Theater, Restaurant, Kulturhaus, Hotel und unterirdischem Parkhaus errichten. Eine Fussgängerbrücke soll die Bahnhofstrasse bis zum See verlängern und ein Tunnel die Quaibrücke vom Verkehr entlasten. Wegen geologischer Risiken wird die Idee verworfen. Eine etwas abgespeckte Variante scheitert 1974 an der Urne.

1961 lanciert André E. Bosshard in der «NZZ» seine Idee einer aufgeschütteten Insel. Darauf sollen Bürohochhäuser, Läden, Hotels, ein Theater und ein Museum sowie ein unterirdisches Parkhaus Platz finden. Wollishofen und Tiefenbrunnen sollen mit zwei Brücken und einer Schnellstrasse verbunden werden. Die «City im See» wird aber schnell wieder vergessen.

1969 plant Hugo Wandeler eine mehrgeschossige Seebrücke zwischen Wollishofen und Tiefenbrunnen. Darin integriert er eine Schnellstrasse, eine Ladenpassa­ge, ein Jugendhaus, Büros und Wohnungen. Der Bau der Brücke würde aber die Aussicht am Bellevue versperren. Sie wird deshalb nicht weiterverfolgt.

Der Sechseläutenplatz von Willi Walter. Foto: Keystone

1986 nimmt sich Willi Walter den Sechseläutenplatz vor. Er ­möchte die Verkehrsachse Utoquai im Boden versenken und so einen «Platz zum Aufatmen» zwischen Bellevue und Opernhaus ­schaffen.Das Versenken der Strasse erweist sich als zu visionär.

Erstellt: 13.10.2019, 22:42 Uhr

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