Quartierfest-Macher kritisieren die Stadt: Zu viel Papierkrieg

Der Aufwand sei für ehrenamtliche Organisatoren kaum mehr tragbar. Die Dörflifest-Organisatoren überlegen sich gar, das traditionelle Fest in der Altstadt abzusagen.

«In Schwamendingen ist Chilbi . . .» Die Organisation sei mit zu viel Papierkrieg verbunden, klagen die Veranstalter. Foto: Sophie Stieger

«In Schwamendingen ist Chilbi . . .» Die Organisation sei mit zu viel Papierkrieg verbunden, klagen die Veranstalter. Foto: Sophie Stieger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für René Spahn geht die Stadt zu weit. Die Hürden, um in Zürich ein Fest auf die Beine zu stellen, würden immer höher, sagt der langjährige Organisator des Dörflifests: «Ich habe das jetzt 15 Jahre gemacht. Früher reichte man eine handgeschriebene Seite ein, und zwei Wochen später kam das Okay – auf einer A4-Seite.» Heute müsse man vier Seiten Gesuch, acht Seiten Abfallkonzept und dazu Standpläne einreichen. «Nur schon um diese Pläne zu machen, brauche ich einige Tage.» Da stosse ein ehrenamtliches Organisationskomitee an Grenzen. Auch die Kontrollen würden ausführlicher, zum Beispiel verlange die Stadt heute, dass ein Sanitär-Installateur die Schläuche der Gasflaschen – etwa für Grills – überprüfe und absegne. «Jede Abteilung der Stadt will sich gegen alles absichern», so Spahn.

Schwierig, Freiwillige zu finden

Zweck des Dörflifests sei es – neben der Party – die Weihnachtsbeleuchtung am Limmatquai zu finanzieren. «Das funktioniert immer weniger, weil wir kaum noch Gewinn machen.» Letztes Jahr seien rund 3000 Franken in der Kasse geblieben, der Aufwand für Sicherheit und Entsorgung steige ständig. «Wir haben das Gefühl, die Stadt will die Quartierfeste gar nicht mehr.»

FDP-Fraktionschef Roger Tognella sitzt im OK der Schwamendinger Chilbi. Er pflichtet Spahns Kritik bei, vor allem für nebenamtliche Organisatoren sei das Einholen einer Bewilligung zu aufwendig – zumal bis zu acht verschiedene Behörden involviert seien: Feuerpolizei, Baupolizei, Entsorgung und Recycling Zürich, die VBZ, das Tiefbauamt, Grün Stadt Zürich, die Stadtpolizei und das EWZ. «Kein Wunder, wird es schwieriger, Leute für freiwillige Mitarbeit zu motivieren.»

Für Grossanlässe seien die Vorschriften der Stadt angemessen, sagt Robert Kaeser, OK-Präsident des Züri-Fäschts: «Bei uns kommen in drei Tagen über zwei Millionen Besucher, da gibt es hohe Anforderungen an Sicherheit und Entsorgung.» Wenn man hingegen den kleineren Quartierfesten mit zu hohen Hürden das Leben schwer mache, sei das kontraproduktiv. «Diese Feste müssen in den Quartieren verankert bleiben. Sie stiften dort Identität.»

Stadt weist Kritik zurück

Die Stadt weist die Kritik der Veranstalter zurück. Eine Abfallgebühr sei nötig – «sonst müssten die Steuerzahler für die Entsorgung aufkommen», sagt Urs Spinner, Sprecher des Hochbaudepartements. «Wir versuchen, die Bewilligung so einfach wie möglich zu gestalten», sagt Robert Soós, Sprecher im Polizeidepartement. Es stimme, dass die Veranstalter genug Papier erhalten würden, aber das sei auch ein Service: Man liefere bei der Bewilligung immer die wichtigsten rechtlichen Grundlagen mit. Nicht alle Organisatoren seien über alle Regeln informiert, die für ein Strassenfest gelten – «und wenn dann zum Beispiel die Polizei eine Kontrolle macht und einen Standinhaber büsst, heisst es, man habe von der Regel nichts gewusst.» Dem wolle man vorbeugen.

Die Stadt habe zudem eine zentrale Drehscheibe eingerichtet, um das Prozedere zu vereinfachen: das Büro für Veranstaltungen. Das Prüfen der Gesuche finde zwar nach wie vor in den einzelnen Abteilungen statt; die Bearbeitung erfolge aber zentral beim Büro für Veranstaltungen, sodass die Organisatoren nur ausnahmsweise mit verschiedenen Ansprechpartnern zu tun hätten.

Wie «20 Minuten» publik machte, trifft sich das Dörflifest-OK am 10. Januar, um zu entscheiden, ob das Fest dieses Jahr durchgeführt werden soll. FDP-Mann Tognella will sich mit Polizeidirektor Daniel Leupi (Grüne) und Tiefbauvorsteherin Ruth Genner (Grüne) treffen, um über das Herunterschrauben der Anforderungen bei Strassenfesten zu verhandeln. Es solle nicht zu einem weiteren «Fall Langstrassenfest» kommen: Dieses wurde letztes Jahr abgesagt – angeblich wegen zu hohen Anforderungen der Stadt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2013, 07:06 Uhr

Artikel zum Thema

Dörfli-Bewohner nerven sich über die Hühnerpartys

Polterabende werden immer öfter lauthals im Niederdorf gefeiert. Von Frauen wie Männern. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Blogs

Sweet Home Homestory: Klein, fein und viel Design

Tingler Glück gehabt

Die Welt in Bildern

Fruchtige Platte: Ein Hund trägt ein Ananaskostüm an der jährlichen Halloween-Hundeparade in New York (21. Oktober 2017).
(Bild: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)) Mehr...