Rämibühl: Lehrer kommt nicht auf die schwarze Liste

Der Gymilehrer, der wegen angeblich pornografischen Lesestoffs in ein Strafverfahren verwickelt wurde, darf weiter unterrichten.

Doch keine pornographische Literatur am Literargymnasium Rämibühl: Der Lehrer, mit seinen Schülern Wedekind und Zürn las, darf weiter unterrichten.

Doch keine pornographische Literatur am Literargymnasium Rämibühl: Der Lehrer, mit seinen Schülern Wedekind und Zürn las, darf weiter unterrichten. Bild: Thomas Burla

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Lehrperson, die im Kanton Zürich wegen eines Sexualdelikts mit Kindern verurteilt wird, verliert von Gesetzes wegen das Diplom. Auch der Besitz von kinderpornografischem Material hat ein landesweites Berufsverbot zur Folge. Diese Voraussetzung ist beim Deutschlehrer D. S. eigentlich erfüllt. Trotzdem hat die Bildungsdirektion nun entschieden, ihn nicht auf diese schwarze Liste zu setzen.

D. S. ist in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, weil er 2009 am Literargymnasium Rämibühl in seiner Klasse mit 14- bis 15-jährigen Schülern Bücher gelesen hatte, die sich um jugendliche Sexualität und Pubertät drehen – zum Beispiel «Frühlings Erwachen» von Frank Wedekind oder «Dunkler Frühling» von Unica Zürn. Die Mutter einer Schülerin erfuhr davon und erstattete Anzeige, weil der Deutschlehrer die Jugendlichen mit übermässig pornografischen Inhalten konfrontiert habe. Daraufhin liess die mit dem Fall betraute Staatsanwältin die Wohnung und den Computer des Lehrers durchsuchen.

Literatur, keine Pornographie

Im Oktober 2011 sprach das Bezirksgericht Zürich den bei den Schülern beliebten Lehrer frei. Es handle sich bei den Texten um Literatur, nicht um Pornografie. Die Begründung der Staatsanwaltschaft sei «völlig unzureichend». Gleichzeitig verurteilte das Gericht den Lehrer in einem zweiten Punkt: Auf seinem Computer hatten die Ermittler Aktbilder gefunden, die das Gericht zum Teil als kinderpornografisch taxierte. Weil die Staatsanwaltschaft ihre Berufung am letzten Tag vor der Verhandlung zurückzog und sich der Lehrer nicht gegen das Ersturteil wehrte, blieb es dabei.

Damit wären die Bedingungen für einen Eintrag auf der schwarzen Liste gegeben. Und doch hat die Bildungsdirektion entschieden, D. S. nicht darauf zu setzen. Die Verurteilung sei in einem Nebenpunkt erfolgt, sagt Marc Kummer, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts. Im Hauptpunkt, der Verbreitung pornografischer Literatur, sei er freigesprochen worden. Das Gericht habe sein Verschulden als leicht taxiert; «deshalb wäre lediglich ein befristeter Entzug des Lehrdiploms zur Diskussion gestanden». Und: D. S. hatte die illegalen Bilder vor dem Jahr 2012 auf seinem Computer – zu einem Zeitpunkt, als es im Kanton Zürich noch keine rechtliche Grundlage für ein Berufsverbot gegeben habe. Also sei die Regel nicht auf D. S. anwendbar, sagt die Bildungsdirektion.

D. S. will nicht zurück in die Schweiz

Damit könnte D. S. nun wieder als Deutschlehrer arbeiten. «Wir hätten ihn sehr gerne zurück», sagt Michael Schneckenburger, Prorektor des Literargymnasiums Rämibühl. Allerdings könne die Schule nur einen Antrag stellen, am Ende entscheide die Bildungsdirektion. Dazu wird es aber kaum kommen, D. S. lebt in Deutschland, will nicht in die Schweiz zurück: «Meine Frau hat eine Professur erhalten. Wieder nach Zürich zu kommen, ist für uns kein Thema.» Für ihn habe es keine grosse Bedeutung, dass er nicht auf der schwarzen Liste eingetragen worden sei: «Das geschehene Unrecht wird nicht kleiner, wenn ich nicht auf dieser Liste bin.» Zurzeit schreibt D. S. an einem Buch über seinen Fall, das im Frühling 2014 erscheinen soll.

Selbstkritik der Staatsanwälte

Letzte Woche waren erstmals auch vonseiten der Staatsanwaltschaft selbstkritische Worte zum Fall zu hören. Andreas Brunner, Leitender Oberstaatsanwalt und damit oberster Zürcher Strafverfolger, nahm am Ramibühl an einer Podiumsdiskussion zum Thema teil – und räumte Fehler ein. Auf Anfrage sagt er: «Die Untersuchung hat bei uns zu lange gedauert, und die Verfahrensführung war nicht professionell.» Ebenso sei aber zu sagen, dass auch die Kantonsschule und die Bildungsdirektion den Fall zu Beginn nicht voll erfassten. Brunner: «Die Fehler kumulierten sich.»

«Das waren neue Töne der Staatsanwaltschaft», sagt Rämibühl-Prorektor Schneckenburger. «Nach dieser skurrilen Strafuntersuchung, in der nie jemand offen mit uns geredet hat, war das eine gute Aussage.» Nun hofft er auf eine offizielle Entschuldigung der Staatsanwaltschaft. Das kommt für Brunner aber nicht infrage. Die Untersuchung sei angezeigt gewesen, immerhin sei der Lehrer am Ende wegen Besitz von pornografischen Bildern verurteilt worden. Die Staatsanwältin, welche die Untersuchung geführt hatte – laut Brunner eine erfahrene und sehr gut qualifizierte Mitarbeiterin –, muss keine disziplinarischen Konsequenzen befürchten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2013, 07:46 Uhr

Artikel zum Thema

Politiker fordern Schutz vor literarischem Sex

Von links bis rechts wird die Ächtung von «pornografischen Werken» an den Mittelschulen verlangt. Mehr...

«Sex sollte nicht zensiert werden»

Rhea Blems Lehrer landete vor Gericht, weil er mit seiner Klasse «Frühlings Erwachen» las. Nun spielt sie das Drama am Rämibühl. Mehr...

Doch keine Pornografie im Unterricht

Der Zürcher Kantilehrer, der wegen Pornografie im Unterricht angeklagt war, bleibt freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Berufung zurückgezogen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Nachspielzeit Die Zitrone Champions League ist ausgepresst

Politblog So reden Verlierer

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...