Reflexhammer wird zum Zauberstab

Wie Kinderarzt Sepp Holtz seine Patienten heilt – und junge Ärzte zu guten Pädiatern macht.

Kinderarzt Sepp Holtz ist für seine kleinen Patienten zuerst einmal ein Zauberer. Foto: Urs Jaudas

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In Zürich gibt es zu wenig Hausärzte, aber auch zu wenig Pädiater. Über die Gründe kann man spekulieren: Können sie imagemässig und einkommensmässig nicht mit den Starchirurgen oder Herzspezialisten mithalten? Oder hängt es damit zusammen, dass Kinderärzte nicht nur gute Mediziner, sondern ebenso gute Psychologen und Kommunikatoren sein müssen? Einer der etwas in der Praxis gegen das Nachwuchsproblem unternimmt, ist Sepp Holtz. Er hat eine «Lehre für angehende Kinderärzte» entworfen.

Für seine Patienten ist Sepp Holtz kein Kinderarzt, sondern zuerst einmal ein Zauberer. Er trägt keinen weissen Kittel, sondern ein T-Shirt, auf dem farbige Fische abgebildet sind. Seine Uhr trägt er nicht am linken Arm, sondern am rechten Schuh. Sein Reflexhämmerchen ist mehr als ein medizinisches Gerät, es ist auch ein Zauberstab. Am Ende der Behandlung erhalten seine Patienten keine Pillen, sondern eine Überraschungskugel. «Spätestens dann», sagt Sepp Holtz, «strahlt jedes Kind wieder und hat alle Untersuchungen vergessen. Für dieses Strahlen lebt Holtz so wie ein Schauspieler für den Applaus. «Kinder sind die dankbarsten Patienten.»

Praxisalltag – ein Kulturschock

Sepp Holtz mag aussehen wie ein Zauberer, doch arbeiten tut er wie ein Schwerarbeiter. Regelmässig sind es zwischen 50 und 60 Stunden die Woche. Diese Zeit verbringt er abwechslungsweise in seiner Praxis und als Oberarzt im Kinderspital. Dazwischen ist er noch klinischer Dozent an der Universität Zürich. Das ist kein Zufall. Die Ausbildung junger Kinderärzte ist eines seiner grossen Anliegen. Mehr noch: Wenn es darum geht, Assistenzärzte für seinen Beruf zu begeistern, ist Holtz zum Pionier geworden. Dazu hat er ein eigenes Modell entwickelt: Er nimmt sie in seiner Praxis in die Lehre. Sechs oder zwölf Monate können sie bei ihm arbeiten, um herauszufinden, ob es ihre Sache ist.

Wie sinnvoll ein solches Modell ist, erklärt Simona Pagani, eine junge Assistenzärztin. Sie ist seit Juli bei Holtz in der Weiterbildung. «Der Wechsel vom Kinderspital in den Praxisalltag war ein Kulturschock», sagt sie. «Ich lerne hier einen neuen Beruf kennen.» Im Spital hat Simona Pagani kranke Kinder behandelt. Nun arbeitet sie in der Prävention auch mit gesunden Kindern zusammen oder mit solchen, die vor oder nach einem Spitalbesuch zur Kontrolle kommen. «Das sind zwei Paar völlig verschiedene Schuhe», sagt sie. «Im Spital arbeiten wir mit den Spezialisten unter einem Dach. In der Praxis lerne ich meine Grenzen kennen beim Entscheid, ob ich ein Kind einem Spezialisten zuweise.»

Verdeckte Beobachtung

Das Praxisassistentenarzt-Modell von Holtz war kein Geniestreich, es wurde aus der Not geboren. Vor 15 Jahren suchte er eine längere Ferienvertretung. Daraus entwickelte sich sein Projekt. Es ermöglicht es jungen Assistenzärzten, während ihrer klinischen Ausbildung praktische Erfahrungen bei einem Kinderarzt zu sammeln. Allmählich entstand so ein Stufenmodell: Zuerst schaut die Assistenzärztin dem Kinderarzt zu. Dann tauschen sie die Rollen, wobei der Lehrarzt unsichtbar hinter einer Einwegscheibe die junge Kollegin beobachtet, wie sie das Kind untersucht und sich mit den Eltern bespricht. Die Eltern müssen mit der verdeckten Beobachtung allerdings einverstanden sein. In der nächsten Stufe arbeitet die Praxisassistenzärztin selbstständig, bespricht aber noch alle Fälle mit dem Lehrarzt. Später ist dieser nur noch auf Abruf da, die Praxisassistenzärztin arbeitet allein.

Das Modell hat sich bewährt. Seit 2003 hat Holtz die praktische Weiterbildung für Assistenzärzte in seiner Praxis mit dem Kinderspital vertraglich geregelt. Nun schickt ihm das Spital regelmässig eine Auswahl von zwei bis vier Assistenzärzten, die bei ihm eine Lehre absolvieren wollen. Die Auswahl wird mit den Mitarbeitenden getroffen. «Ich pflege flache Hierarchien», sagt Holtz. «Da geht nichts von oben nach unten.» Harmonie ist ihm wichtig. Weil er seine Praxisassistenzärzte in alles Einblick nehmen lässt, will er genau wissen, mit wem er es zu tun hat.

Vertrauensbasis aufbauen

Das Vertrauen zahlt sich aus. Zu den meisten der 20 ehemaligen «Lehrabsolventen» pflegt er einen guten Kontakt. Bis auf drei sind alle Kinderärzte in einer Praxis geworden. Einer seiner Lehrabsolventen ist Raphael Guggenheim. Für ihn ist Holtz ein origineller und offener Denker. Was er vor allem schätzt: «Er lässt einem als Arzt seine Freude und Begeisterungsfähigkeit spüren. Ich habe hier nicht nur gelernt, dass Zaubern die Kunst der Medizin ist, sondern auch, dass eine Sprechstunde für den Arzt eine Hörstunde ist.»

Auch wer später keine eigene Praxis eröffnet, profitiert. Nicolas Binz, der als Kinderarzt die Spitalkarriere einschlug, sagt über sein Praxisjahr bei Holtz: «Es war das wertvollste Jahr meiner Ausbildung. Ich lernte, was es heisst, wenn sich ein Kind normal entwickelt, kam in Kontakt mit den Herausforderungen des Kinder- und Elternalltags, lernte eine Vertrauensbasis zu Kindern aufzubauen, eine Gesprächskultur kennen – lauter Wissen, das mir heute im Spitalalltag zugute kommt.»

Auch die beste Ausbildung kann nicht alle Bereiche gleich gut abdecken. Claudia Moran war die 13. Praxisassistenzärztin von Holtz. Inzwischen ist sie Mutter zweier Kinder. Zusammen mit anderen Teilzeitärztinnen hat sie sich selbstständig gemacht. «Das ganze Praxiswissen habe ich von Holtz gelernt», sagt sie. Wofür sie sich damals nicht interessierte, fehlt ihr jetzt: unternehmerisches Know-how sowie Personalführung. «Jetzt muss ich mir das aneignen», seufzt sie. Der Aufwand wird sich lohnen. Sepp Holtz, Vater von vier Kindern und seit kurzem Grossvater, bereut den Aufwand nicht. «Kinder sind die ultimative Herausforderung. Sie halten einen jung und sind die lohnendste Investition, die es gibt.»

Erstellt: 06.10.2014, 09:12 Uhr

Nachgefragt

Felix Sennhauser, ärztlicher Direktor des Kinderspitals Zürich, über den Kinderarzt-Mangel.

Warum haben wir heute zu wenig Kinderärzte?
Der Kinderarzt wird zunehmend zu einem Frauenberuf. Kinderärztinnen arbeiten häufig Teilzeit, und sie schliessen sich zu Praxen zusammen, wo auch andere Teilzeit arbeiten. Das bedeutet: Die bestehende Zahl an Praxisoptionen für Kinder geht zurück.

Haben wir auch zu wenig Aus- und Weiterbildungsplätze?
Wir benötigen mehr Studienplätze und Weiterbildungsstellen, weil wir zu wenig junge Ärztinnen und Ärzte haben. Bereits heute sind wir darauf angewiesen, dass gut ausgebildete Kinder- und Jugendmediziner besonders aus deutschsprachigen Ländern den Mangel in der pädiatrischen Praxis abfedern.

Wie viele Kinderärztinnen und Kinderärzte schliessen ihre Fachausbildung jährlich am Kinderspital ab?
Zwischen 25 und 35. Davon sind rund zwei Drittel Frauen.

Wie viele eröffnen nach der Fachausbildung eine eigene Praxis?
Nur einige. Viele machen eine Spezialausbildung, oder sie werden Oberärzte in einer Kinderklinik.

Was tun Sie, um das Nachwuchsproblem zu mindern?
Am Kinderspital bauen wir das Angebot an Teilzeitstellen laufend aus, ebenso die familienexterne Betreuung für Kinder. Wer schwanger wird, darf nach der Mutterschaftspause die Weiterbildung am Kinderspital fortsetzen.

Warum können Kinder nicht vom Hausarzt behandelt werden?
In ländlichen Gegenden ist das häufig der Fall. Angesichts der geografischen Verteilung der Bevölkerung ist eine flächendeckende Betreuung von Kindern nur durch Kinder- und Jugendmediziner gar nicht realistisch.

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