Rein in die grösste Kreativfabrik der Schweiz

«That's the f***ing avantgarde, man!» Das grosse Fest der neuen Zürcher Hochschule der Künste lud ein zum Geniessen.

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«Do-do-do-dominez-pas. Pas-pas-pas-passion. Il es né à l’année. Mais-mais-mais-même-m’aime. Je t’aime. Je t’aime. Je t’aime. Do-do-do-domage. Age-Age-Age.»

Diese und ähnlich klingende Worte vernehmen wir am Samstagabend um 20.30 Uhr via Lautsprecher, auf der Dachterrasse der neuen Hochschule der Künste stehend, ungefähr da, wo eben ein Happening namens «Wind Tunnel Smoke» passiert . . . bei dem allerdings nicht wirklich viel passiert. Zu diesem Zeitpunkt haben wir bereits herausgefunden, was «Creative City» nicht ist:

1. «Fünf Quartierfeste in einer Stadt»: Mit dieser Message ist die Sache angepriesen worden – dabei ging offensichtlich vergessen, dass an einem Quartierfest mit jedem Bier auch Geschichte getrunken und mit jeder Wurst auch Tradition grilliert wird, das wäre hier frühestens in ein paar Jahren möglich.

2. Eine politische Kunstveranstaltung: Ein solcher Anspruch wird im Programm auch gar nicht erhoben – da aber am selben Tag landesweit über 100 Künstler und Kulturinstitutionen mit Aktionen gegen die Ecopop-Initiative Stellung beziehen, hätte ein wenig Agitprop niemandem wehgetan. Einziges sichtbares «politisches» Manifest sind eine Wand voll Post-it-Zettel, auf denen Solidarität mit den Hongkong-Demonstranten kundgetan wird . . . und selbstverständlich die Präsenzen von Stadtpräsidentin Mauch, Bildungsdirektorin Aeppli und Polizeivorsteher Wolff.

Es geht nicht ums Verstehen

Noch aber haben wir keine Ahnung, was uns der Anlass mitteilen möchte. Auch wissen wir nicht, dass just dieser kognitive Ansatz des Begreifenwollens der völlig falsche ist: Es bedarf langer Wege und Tausender Schritte, die uns kreuz und quer durch die acht Ebenen des spektakulären Gebäudes führen, bis wir verstanden haben, dass es in der «Creative City» gar nicht ums Verstehen geht – wobei auch das bloss der erste Schritt zur Erleuchtung ist. Diese überkommt die Fotografin gegen 22.30 Uhr, beim Bier, fröstelnd vor dem Mehrspurklub sitzend. Doch dazu später.

Dass wir zu Beginn unseres Rundgangs nach dem Sinn der gezeigten Sinnlichkeit suchen, kommt nicht von ungefähr. Immerhin thront da, wo einst die grösste Molkerei Europas stand, jetzt die grösste Kreativfabrik der Schweiz – geboren durch die Zusammenführung der fünf ZHDK-Abteilungen Darstellende Künste & Film, Design, Kulturana­lysen & Vermittlung, Kunst & Medien und Musik, die sich gegenseitig befruchten sollen. Oder wie es ein Besucher in expliziten Lyrics formuliert: «That’s the f***ing avantgarde, man!»

Tatsächlich sind auch wir Laien überzeugt: Das, was in diesen Denkstuben ausgeheckt und in diesen Seminarräumen geschaffen wird, dürfte künftig unser ästhetisches Bewusstsein prägen, unsere artifiziellen Sehnsüchte befriedigen, zum State of the Art werden. Und heute Nacht, dies die Hoffnung, werden erste Kostproben davon serviert.

Komischerweise führt unser gezieltes Vorgehen nach Programm aber pausenlos in eine Erkenntnisdürre: Egal, ob wir uns an einer audioreaktiven Installation versuchen, der Baustellen-Symphonie lauschen, die Tanzperformance «Mind’s Eye» betrachten – alles endet mit ratlos gerunzelter Stirn, ein kleines Stimmungstief macht sich breit. Dieses führt dazu, dass wir entscheiden, unseren Fortbewegungsmodus sofort auf «treiben und treiben lassen» umzuschalten – und plötzlich wirds interessant.

60 Minuten Reizüberflutung

Verführt von einem «Lecker Softeis»-Plakat, stranden wir bald in einer Wohlfühlzone namens «Designer Rummel», wo grad ein unsichtbarer DJ Elektronisches spielt, ein unrasierter Hase eine Operette flötet und Shots im Stile von Delikatessen zubereitet werden. Das weckt Erinnerungen an die Dachkantine, jenen einzigartigen Kunstclub, der sich auf selbigem Toni-Areal zwischen 2003 und 2006 seinen eigenen Mythos kreierte.

Die Kamera klickt jetzt im Akkord, im Block wird Seite um Seite vollgekritzelt, wir sind in der «Creative City» angekommen, und sie in uns: In den folgenden 60 Minuten hören-riechen-sehen wir (ungefähr in dieser Reihenfolge):

Die selbstdarstellende Kunst einer strickenden Garderobiere, das grosse Finale der irrwitzigen Disco-Broadway-Darbietung «Show for Toni», drei fancy Girls, zwei schüchterne Müllmänner, volle Thai-Curry-Pappteller, eine Hommage an die gmögige Sendung «SRF bi de Lüt» in Form eines menschlichen Alp­aufzugs über die Toni-Rampe, eine psychedelisch sendende Analog-TV-Armada, eine Band beim Soundcheck, ein Erwachsenen-Dancefloor mit erstaunlich hohem Kinderanteil, lächelndes Sicherheitspersonal, ein Kunst­plakat mit der Aufschrift «Less is enough» (das passende Motto fürs nächste Fest), ein Mantel mit Leopardenmuster, ein Stillleben aus Bier, Cuba Libre, Zigipäckli und Hausschlüssel, rauchende Studis, die zu einer ZHDK-Fachschaft gehören, in der (wie sie verstohlen gestehen) das Rauchen strikt untersagt ist, eine tanzende Discokugel, Hunderte Fahrräder und auch ein paar Bärte (allerdings weniger als erwartet).

Die Konsequenz unseres intensiven Roundtrips ist eine coole, aber doch erschöpfende Reizüberflutung, eine Art Rausch ohne Drogen. Und dieser führt die Fotografin dann um halb elf zur Erkenntnis, dass wahrscheinlich alles, was im Kontext dieser Nacht steht, als Kunst gesehen werden soll und will – egal, ob es sich um ein hübsches «L’art pour l’art»-Projekt oder bloss um modisches Artifarti-Zeugs handelt. Eine Analyse auf bestem ZHDK-Niveau, keine Frage! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2014, 06:24 Uhr

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