Reinigung als Peinigung

Mit 70 Kameras und strengen Regeln geht die Zürcher Kunsthochschule gegen die eigenen Künstler vor. Der Hausdienst steigt schon mal aufs Dach.

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Die Fettecke von Joseph Beuys ist legendär. 1982 brachte der Künstler in einer Ecke seines Ateliers fünf Kilogramm Butter an. Der Hausmeister der Kunstakademie Düsseldorf entfernte das Fett wenige Monate nach Beuys’ Tod, er hatte das Kunstwerk nicht als solches erkannt und zerstört.

Der Eigentümer der «staatlich zerstörten Fettecke» klagte und erhielt 40’000 Deutsche Mark Schadenersatz. Die Geschichte zeigt: Hauswarte von Kunsthochschulen sind besonders gefordert. Auch im Toni-Areal in Zürich, in dem seit letztem Sommer rund 5000 Studierende und Dozierende der ZHDK und ZHAW ein- und ausgehen.

Noch hängen im Toni-Areal keine Fettklumpen an der Wand. Das Haus dominieren weisse Wände, Sichtbeton, Neonröhren. Die Unbeflecktheit des Gebäudes ist Konzept. Bei der Planung des Toni-Areals verzichteten die Architekten Daniel Niggli und Mathias Müller bewusst auf Kunst am Bau.

«Die Studierenden sollen sich mit dem Haus beschäftigen, es gestalten müssen», erklärten sie im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» im September. Und hofften, dass die Hauswarte die Studierenden machen lassen würden.

Über 70 Überwachungskameras

Wer mit Dozierenden und Studierenden spricht, erfährt, dass der Hausdienst öfters Grenzen setzt. Kunstwerke mussten wieder abgebaut werden, weil sie Fluchtwege versperrten. Nach einem Feuerwerk-Experiment auf der Dachterrasse rückte innert Minuten eine ganze Hausdienstdelegation an. Ein Student wurde beim Aufstellen von Kartons aufgehalten, weil der Hausdienst ihn über eine der 70 Überwachungskameras beobachtet hatte.

Die Anforderungen des Hausdienstes zum Aufhängen von Bildern («Keine Schrauben, keine Nägel») schränkten seinen «gestalterischen Erschliessungsraum» ein, kritisiert ein Student auf dem Toniblog. Die Website dokumentiert, wie sich ZHDK-Studierende und Dozierende das Toni-Areal zu eigen machen.

Die Auseinandersetzung mit dem Neubau ist intensiv und reicht von Feldforschung in den Teeküchen über kritische Essays über die Eingangstüren bis zur Dokumentation eines fast dreistündigen Rundgangs durch das Gebäude.

Hausdienst «hängt sich voll rein»

Designdozent Magnus Rembold hat eine Toniapp entwickelt und dafür viele Hausbenutzer befragt. Er schreibt auf dem Toniblog: «Es gibt viele Mitarbeitende, die das neue Gebäude ablehnen, weil es einen ‹Verbotscharakter ›ausstrahlt.» Den Hausdienst lobt er. Viele Studierende und Dozierende seien unzufrieden über Baumängel, doch: «Die Leute vom Facility Management hängen sich voll rein.»

Auch Heike Pohl, die Leiterin der Hochschulkommunikation ZHDK, nimmt den Hausdienst in Schutz. «Er muss die Studierenden bei ihren Projekten unterstützen und gleichzeitig die Sicherheit gewährleisten.» Knapp ein Jahr nach dem Einzug seien die Hochschulangehörigen immer noch daran, sich mit dem Haus vertraut zu machen.

Damit erklärt sich Pohl auch, dass es erst wenig Kunst am Bau gibt. Vieles wäre erlaubt: Kritzeleien, Bilder, Gemälde liesse der Hausdienst stehen. Die Schulen sind eingemietet, erlaubt sei, was rückgängig gemacht werden kann, so Pohl.

«Peinigung» statt «Reinigung»

Bleibende Spuren haben die jungen Kreativen erst wenige hinterlassen. Die Studierenden bemalen und bekritzeln zwar eifrig die Wände in ihren Ateliers und verhängen oder beschreiben die Fenster («This Is Not a Zoo»). In den öffentlicheren Teilen des Gebäudes entdeckt man die Interventionen aber erst beim genauen Hinschauen: In einem Treppenhaus gibt es Sprüche zu lesen («Wird die Freiheit von Vögeln überbewertet?», «Hast du Feuer?»), auf der Dachterrasse wurden Hochbaubeete eingerichtet und im 7. Stock hat jemand die Aufschrift «Reinigung» in «Peinigung» verwandelt.

«Die Studierenden dürften manchmal ruhig etwas mutiger sein», sagt Pohl. Eine Studentin, die lieber ausprobiert, bevor sie fragt, ist Nora Longatti. Anfang Juni zeigte sie an der Diplomausstellung ihre Bachelordiplomarbeit. Sie heisst «Becoming Explosive» und besteht aus einem nassen Badetuch, das mit Salpeter und Schwefelsäure getränkt wurde. Trocken ist die sogenannte Schiessbaumwolle hochexplosiv. Daneben steht ein Wachmann vom Hausdienst – als Teil der Installation.

«Kurz vor Beginn der Ausstellung haben mir Dozenten geraten, den Hausdienst via E-Mail anzufragen, da ich einen Wachmann brauchte.» Er wurde ihr umgehend zur Verfügung gestellt, «eine grossartige Kollaboration», sagt Longatti. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 11:59 Uhr

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