Renitenter Hausbesetzer vor Gericht

Das Bezirksgericht Zürich hat einen Schweizer zu einer bedingten Strafe von sechs Monaten verurteilt.

Bezirksgericht Zürich: Der Mann wurde des Hausfriedensbruchs, der Beschimpfung, der Gewalt und Drohung gegen Beamte und der Hinderung einer Amtshandlung beschuldigt. Bild: Keystone

Bezirksgericht Zürich: Der Mann wurde des Hausfriedensbruchs, der Beschimpfung, der Gewalt und Drohung gegen Beamte und der Hinderung einer Amtshandlung beschuldigt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Kappe ab», befahl der Richter dem 23-jährigen Schweizer, als dieser mit einer Wollmütze auf dem Kopf vor die Gerichtsschranken trat. Dass der junge Mann nichts von staatlicher Autorität hält, bewies er auch am Ende des Prozesses, als er nach der Urteilsverkündigung den Gerichtsvorsitzenden wüst beschimpfte.

Der Mann, der sich seit Jahren in der Hausbesetzerszene bewegt und bereits vier einschlägige Vorstrafen hat, wurde des Hausfriedensbruchs, der Beschimpfung, der Gewalt und Drohung gegen Beamte und der Hinderung einer Amtshandlung beschuldigt. Der Staatsanwalt verlangte eine zu vollziehende Freiheitsstrafe von neun Monaten, da die bedingt ausgesprochenen Geldstrafen in der Vergangenheit beim Beschuldigten keine Wirkung hinterlassen hätten. In der Tat spielte der Zürcher bei vielen Polizeimeldungen im Zusammenhang mit Hausbesetzern und Linksautonomen in den vergangenen Jahre eine Rolle.

Dank DNA in Spuckspuren identifiziert

Am gestrigen Prozess vor dem Bezirksgericht Zürich verweigerte der Mann jegliche Aussage. Dafür listete der Staatsanwalt ausführlich auf, was er dem 23-jährigen Mann, der keinen Beruf hat, alles vorwirft. So soll er sich im November 2016 in Oerlikon an einer illegalen Besetzung beteiligt haben, ebenso im vergangenen Februar in Altstetten, im inzwischen abgebrochenen Gebäude der Swiss Life gegenüber des Einkaufscenters Letzipark. Bei zwei Personenkontrollen durch die Polizei versuchte er zu fliehen und wehrte sich in einem Fall heftig mit Händen und Füssen.

«Polizisten anzuspucken, die Sanitäter bei einem Einsatz unterstützten, war unterste Schublade.»Staatsanwalt am Prozess

Als «absolut unterste Schublade» bezeichnete der Staatsanwalt die Spuckattacke auf zwei Polizisten. Die Beamten hatten im Juli 2017 Sanitäter bei einem Einsatz am Limmatplatz im Kreis 5 unterstützt. Der Beschuldigte fuhr mit dem Velo an den beiden Polizisten vorbei und spuckte sie unvermittelt an. Dann floh er mit dem Velo. Der Mann konnte anhand der DNA in den Spuckspuren auf den Kleidern der Polizisten ermittelt werden.

Laut dem Staatsanwalt fehlt dem Hausbesetzer jegliche Sozialkompetenz. Es handle sich um beispiellose Uneinsichtigkeit. Eine Nacherziehung im Gefängnis würde ihm guttun, damit er in Ruhe über sein permanentes Provozieren nachdenken könne. Deshalb forderte er eine unbedingte Freiheitsstrafe, nicht zuletzt, weil der Hausbesetzer in der Probezeit schon wieder delinquiert hat.

Erfolgreich vor der Polizei davongerannt

Der Verteidiger des Beschuldigten verlangte einen Freispruch; lediglich im Fall einer verhinderten Polizeikontrolle im Februar 2017 an der Wasserwerkstrasse in Wipkingen beantragte er eine bedingte Geldstrafe von zehn Tagessätzen. Damals konnte der Mann vor der Polizei davonrennen. Laut dem Verteidiger hatte bei der Hausbesetzung in Altstetten die Vermieterin Swiss Life den Strafantrag gestellt, nötig wäre aber ein Strafantrag vom betroffenen Mieter gewesen. Bei der Hausbesetzung in Oerlikon sei sein Mandant nicht im Haus, sondern vor der Liegenschaft von der Polizei fotografiert worden.

Im Weiteren sagte der Verteidiger, dass es sich nicht um eine gezielte Spuckattacke gehandelt habe. «Gründe um zu spucken gibt es viele.» Bei einer weiteren Polizeikontrolle habe ein Übergriff eines Polizisten stattgefunden. Der Vorfall ist von einem Zeugen gefilmt worden, und der Verteidiger hat Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Dieser Fall müsse deshalb eingestellt werden, sagte der Anwalt.

Von einem Freispruch wollte das Gericht nichts wissen. Es sprach den jungen Mann wegen Hausfriedensbruchs in Altstetten schuldig, nicht aber in Oerlikon. Dort gebe es zu wenig konkrete Angaben, wo sich der Beschuldigte aufgehalten habe. Zudem wurde der 23-Jährige auch wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte und Beschimpfung und Hinderung einer Amtshandlung schuldig gesprochen und zu einer bedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt.

Genugtuung andie beiden Polizisten

Damit sich der Mann auch daran halte, wurde die Probezeit auf vier Jahre festgesetzt. Beim nächsten Mal muss er die Strafe absitzen. Zudem widerrief das Gericht die bedingt ausgesprochenen Vorstrafen. Er muss nun eine Geldstrafe von 200 Tagessätzen zu zehn Franken zahlen und 250 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Die Spuckattacke, so der Richter, sei eklig und abwertend gewesen, deshalb muss der 23-Jährige den beiden Polizisten je hundert Franken Genugtuung bezahlen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2018, 21:24 Uhr

Artikel zum Thema

Zürcher Hausbesetzer verdienen Geld mit Airbnb

Bewohner schreiben zur Zwischennutzung gedachte Häuser an der Goldküste, in Winterthur und in der Stadt Zürich zur Untermiete aus – verbieten lässt sich das nicht. Mehr...

Hausbesetzer im Zürcher Kreis 4 lassen Ultimatum verstreichen

Das Gebäude der Heilsarmee im Zürcher Kreis 4 ist von den Besetzern trotz Ultimatum um Mitternacht nicht geräumt worden. Mehr...

Anti-Hausbesetzer-Vorstoss fällt durch

Besetzte Häuser müssen nicht nach 48 Stunden geräumt werden. Doch bald kommt der nächste Vorstoss. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Portugal ist in Solothurn

Tingler Zeichen der Zukunft

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...