Rentnerin mit Rollator musste im Bus stehen

Obwohl eine Seniorin offensichtlich gehbehindert ist, bietet ihr im voll besetzten Bus niemand einen Platz an. Die VBZ sagen, was in so einem Fall zu tun ist.

Gehbehinderte Menschen sind im öffentlichen Verkehr auf einen Sitzplatz angewiesen: Eine Frau mit Rollator im Tram.

Gehbehinderte Menschen sind im öffentlichen Verkehr auf einen Sitzplatz angewiesen: Eine Frau mit Rollator im Tram. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Es ist der 1. Mai. Am Lindenplatz in Zürich-Altstetten stehen eine betagte Frau und ein Begleiter an der Bushaltestelle. Sie ist gehbehindert und auf einen Rollator angewiesen. Dann hält der 78er. Der Mann führt die Seniorin in den Bus, wo sie sich festhalten kann, während er ihren Rollator holt. Alle Sitze sind besetzt, in der Mehrheit von erwachsenen Personen. Und niemand steht auf und bietet der Dame den Platz an. Sie hält sich, so gut sie kann, an einer Stange fest.

«Das ist unglaublich», sagt der empörte Begleiter gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Dabei war es so offensichtlich, dass diese Frau absitzen möchte.» Er sei aber so perplex gewesen, dass er nicht reagiert habe, erzählt der Mann. Er habe sich so hingestellt, dass er die Frau hätte auffangen können, falls sie aus dem Gleichgewicht geraten wäre. «Die Anwesenden rund um uns schauten sehr angestrengt in eine andere Richtung», berichtet er weiter. «Sie gaben sich Mühe, nicht mitbekommen zu müssen, dass es angebracht wäre, den Sitzplatz anzubieten.»

Mangelnde Solidarität

Nach drei Stationen wird ein Platz frei, die Frau kann sich endlich setzen. Im Nachhinein ärgert sich der Begleiter, dass er niemanden aufgefordert hat, einen Platz freizugeben. Die gehbehinderte Frau habe nur gesagt: «So ist es halt, es sind nicht alle Leute gleich.» Er aber konnte sich kaum beruhigen und meint: «Es sind immer mehr Menschen so rücksichtslos.»

So mancher im Bus sei wohl zuvor an der 1.-Mai-Kundgebung gewesen, mutmasst der Mann. Dort hätten sie sicher die Solidarität hochleben lassen. «Wenn aber wirklich Solidarität gefordert wäre, bleiben sie auf ihren Hintern sitzen und schauen weg.»

Einfach anständig fragen

Daniela Tobler von den VBZ kann nicht bestätigen, dass die Rücksicht allgemein abgenommen hat. Im geschilderten Fall müsse es sich um eine bedauerliche Ausnahme handeln. «Wir haben im Rahmen unserer Aktionstage ‹Sicher unterwegs› viele gute Rückmeldungen von Seniorinnen und Senioren.» Die meisten erhielten einen Sitzplatz, wenn sie einen Bus oder ein Tram beträten.

Oft sei Abgelenktheit die Ursache für die mangelnde Hilfsbereitschaft. Viele Passagiere lesen Gratiszeitungen, hören über Kopfhörer verträumt Musik oder starren ins Smartphone. «Wenn man sie anständig fragt, bieten sie sofort ihren Platz an», so die VBZ-Sprecherin. Das ist auch der Rat, den sie den gehbehinderten Menschen gibt: Selber um Hilfe zu bitten, bringt am meisten.

Tobler hat auch schon die umgekehrte Erfahrung gemacht. Sitzplatzangebote werden manchmal unwirsch abgelehnt. «Ich muss nicht sitzen», sagen dann rüstige Rentner.

Erstellt: 08.05.2014, 12:13 Uhr

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