«Rückblickend muss ich zugeben, dass wir ein wenig naiv waren»

Schlaflose Nächte, viel Pioniergeist und eine dramatische Rettungsaktion: Linda Gosteli erinnert sich an die Gründung der ersten Waldkinderkrippe von Zürich vor 15 Jahren.

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Vor 15 Jahren haben Sie die Waldkinderkrippe Troll mitgegründet – die erste dieser Art in Zürich. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Eigentlich war es unserer damaligen Krippe zu verdanken. Mein Partner und ich waren sehr unzufrieden mit der dortigen Betreuung unserer Tochter. Die Gruppenleiterinnen wechselten alle zwei Monate und die Kinder kamen selten nach draussen, obwohl der Irchelpark direkt vor der Türe lag. Die Mutter eines anderen Krippenkindes kannte das System Waldkindergarten aus Deutschland. Dort gab es solche Einrichtungen schon Anfang der 90er-Jahre. Sie hat uns sehr schnell mit ihrer Begeisterung für diese Betreuungsform angesteckt. Bald konnten wir uns für unsere Kinder nichts Besseres mehr vorstellen. Also haben wir gemeinsam mit einem weiteren Elternpaar den Troll gegründet ...

… und sind dann selbst mit den Kindern in den Wald gegangen?
Nein, einige von uns sind zwar ausgebildete Pädagogen, wir waren aber bereits berufstätig. Glücklicherweise konnten wir eine Gruppenleiterin unserer damaligen Krippe mit dem «Waldvirus» anstecken. Sie hat sich nicht nur bereit erklärt, die Betreuung zu übernehmen, sondern hatte einen sehr praktischen Ordner zu Hause: «Wie gründe ich eine Kita?» Dort haben wir die einzelnen Schritte nachgeschlagen und den Troll gemäss Richtlinien für Kinderkrippen der Stadt Zürich konzipiert und schliesslich im Jahr 2000 die Bewilligung für die Betreuung von Kindern im Alter von 2 bis 6 Jahren erhalten.

Klingt alles recht locker und einfach.
Die Anfänge waren aber alles andere als locker. Rückblickend muss ich zugeben, dass wir ein wenig naiv waren. Uns war nicht bewusst, wie viel Aufwand ein solches Unterfangen mit sich bringen würde. Wie viel Papierarbeit zu leisten ist, wie viele Bestimmungen als Arbeitgeber es einzuhalten gilt und wie aufwendig die Buchhaltung ist. Ich habe damals neben der Familien- und Lohnarbeit sehr viele Troll-Nachtschichten eingelegt. Umso mehr freue ich mich, dass es den Troll heute immer noch gibt. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

«Ich habe viele Nachtschichten eingelegt»: Troll-Mitgründerin Linda Gosteli mit Waldkrippenkindern. (Bild: Urs Jaudas)

Wieso musste es denn ausgerechnet eine Waldkinderkrippe sein? Hätte ein Waldtag pro Woche oder eine Stunde pro Tag im Wald nicht ausgereicht?
Ich sehe das nicht so. Der Umgang mit der Natur und das Bewegen im Freien werden selbstverständlicher, wenn man sich täglich im Wald aufhält. Abgesehen davon wird der Bewegungsspielraum von Kindern ohnehin viel zu stark eingeschränkt. Kinder haben in der freien Natur kein vorgefertigtes Spielmaterial – aber endlos viele Möglichkeiten, sich Spielfelder zu schaffen. Dabei ist allerdings ihre Fantasie gefragt. Sie müssen eigene Ideen entwickeln.

Und Ihre Kinder hatten wirklich Spass daran, jeden Tag – auch bei Regen und Kälte – in den Wald zu gehen?
Meine Kinder machten auf mich generell den Eindruck, dass sie gerne im Wald waren. Meine nun 18-jährige Tochter hat die Waldtage in guter Erinnerung, sagt aber, dass die Tage mit Dauerregen und Kälte schon eher ungemütlich waren. Mein Sohn scheint ohnehin kälte-, wasser- und wetterresistent zu sein, und wenn er ab und zu nicht so gerne in die Kita ging, dann aus Gründen, aus welchen Kinder auch sonst lieber zu Hause bleiben. Beide Kinder sind mit der Pfadi immer noch viel und gerne im Wald unterwegs.

Ist es für Waldkinder nicht viel schwieriger, nach der langen Zeit in der freien Natur plötzlich ruhig in einem Klassenzimmer an einem Pult zu sitzen?
Das ist zwar eine relativ grosse Umstellung, aber in der Regel kein Problem für die Kinder. Im Gegenteil. Wer sich viel bewegt, ist eher im Gleichgewicht – sowohl physisch als auch psychisch. Wird der Bewegungsdrang von Kindern früh unterbunden oder nicht gefördert, fällt es ihnen später schwerer, sich zu konzentrieren.

Der Tag der Vereinsgründung: Die Troll-Initianten
am 2. Juni 2000. Linda Gosteli sitzt unten links. (Bild: zvg)

Wie hat eigentlich die Stadt Zürich auf Ihre Idee reagiert, Kinder im Vorschulalter bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit ganztägig im Wald zu betreuen?
Wir wurden zwar von Anfang an sehr von der Stadt unterstützt. Trotzdem war eine gewisse Skepsis zu spüren. Vor allem, als wir mit unserer Waldkrippe bereits im Herbst starten wollten. Einige hielten die Idee, ein solches Projekt just zu Beginn der kalten Jahreszeiten zu lancieren, für gewagt. Für uns war es von Anfang an von zentraler Bedeutung, dass die Stadt unser Projekt finanziell unterstützt. Nur so konnten wir es auch Leuten mit weniger Geld ermöglichen, ihre Kinder in die Waldkrippe zu geben. Doch ausgerechnet im ersten Jahr haben wir aufgrund eines Budgetstopps das zugesprochene Geld nicht erhalten. Glücklicherweise konnte unsere damalige Gruppenleiterin durch einen dramatischen Tele-24-Auftritt eine Spende von 15'000 Franken erwirken. Das hat uns damals gerettet. Anfang Februar 2001 wurden wir schliesslich in den Kreis der regulär subventionierten Krippen der Stadt Zürich aufgenommen.

Nutzen Eltern mit wenig Einkommen die Waldkrippe überhaupt?
Leider ist es für viele nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus logistischen Gründen nicht machbar, ihre Kinder in den Wald zu geben. Die Betreuungszeit der Waldkrippe beginnt erst nach 8 Uhr und endet um 14 Uhr. Das deckt in den meisten Fällen die ohnehin sehr langen Arbeitszeiten der Eltern nicht ab. Eine ganztägige Betreuung würde wiederum für die Waldkrippe einen enormen Mehraufwand bedeuten und zusätzliche Kosten verursachen, weil es noch mehr geschultes Personal dazu braucht. Wer sich also für eine Waldkrippe entscheidet, muss Abstriche an der Betreuungszeit machen oder sich privat engagieren. Das hat innerhalb des Trolls mit gegenseitiger Betreuung an den Nachmittagen eigentlich immer sehr gut funktioniert. Wie ich gehört habe, wird im Waldkindergarten Troll neu auch eine Zusammenarbeit mit einem Hort angeboten.

In einigen Kantonen wollen Politiker aus Kosten- und Platzgründen öffentliche Waldkindergärten einführen. Kann diese Rechnung gemäss Ihren Erfahrungen aufgehen?
Das glaube ich nicht. Schliesslich braucht es in einem Waldkindergarten mehr Personal als in einem regulären Kindergarten. Eine Gruppe von 20 Kindern könnte dort von einer einzigen Kindergärtnerin betreut werden. Im Wald müssten es mindestens zwei Betreuungspersonen sein. Allerdings fände ich es gut, wenn alle Eltern die Möglichkeit hätten, ihre Kinder in einen Waldkindergarten zu schicken. Einen Waldchindsgi in jedem Stadtkreis würde ich sehr befürworten – nicht zuletzt auch, weil die Kinder ihre Waldspielkollegen dann in der Nachbarschaft hätten.

Spass im Unterholz: Troll-Kinder geniessen die Zeit im Wald (Bild: Holger Salach)

Sie sind noch immer Feuer und Flamme für Waldkrippen und -kindergärten. Warum haben Sie den Troll-Vorstand trotzdem nach acht Jahren verlassen?
Ich habe aufgehört, als die Kindergartenpflicht eingeführt wurde und der Troll mit seinen drei Gruppen in zwei Waldkinderkrippen und in einen Waldkindergarten aufgeteilt werden musste. Es war zwar schwer loszulassen, aber das war ein guter Grund, um zu gehen.

Weshalb?
Früher haben Kinder von 2 bis 6 Jahren miteinander im Wald gespielt. Die altersdurchmischte Gruppe war wie eine Bande: Die Kleinen konnten von den Grossen lernen, und die Grossen konnten wiederum langsam in die Rolle des Helfers oder des «Helden» hineinwachsen. Diese vielfältigen Verhaltensmuster, welche die Kinder auf ganz natürliche Weise einnehmen konnten, können heute kaum mehr entstehen. Das finde ich nach wie vor sehr schade.

Der Verein Troll feiert sein 15-jähriges Bestehen am 14. Juni 2015 ab 14 Uhr in der Wirtschaft Ziegelhütte in Zürich-Schwamendingen.

Erstellt: 12.06.2015, 10:00 Uhr

«Ich freue mich, dass es den Troll heute immer noch gibt. Das ist keine Selbstverständlichkeit»: Waldkrippenpionierin Linda Gosteli. (Bild: Urs Jaudas)

Linda Gosteli

Linda Gosteli (47) arbeitete zur Zeit der Troll-Gründung als Werklehrerin und Suchtberaterin. Sie ist heute im Bereich Soziokultur und als Beraterin tätig und lebt zusammen mit ihrer Familie in Zürich.

Waldkindergärten im Kanton Zürich

Das Führen eines Waldkindergartens liegt in der Verantwortung der Schulgemeinde und wird nicht statistisch erfasst. Dem Zürcher Volksschulamt sind gemäss Angaben von Amtsleiter Martin Wendelspiess fünf öffentliche Waldkindergärten bekannt, die derzeit geführt werden: in Brütten, Langnau, Nürensdorf, Winterthur Brühlberg und Rychenberg.

Brütten führte 1998 den ersten Waldkindergarten im Kanton Zürich ein. Er existiert heute noch. Wegen mangelnder Nachfrage wird er jedoch ab kommendem Schuljahr 2015/16 wieder als normaler Kindergarten geführt – allerdings mit regelmässigen Waldbesuchen. Winterthur ist die erste Stadt des Kantons, die über einen öffentlichen Waldkindergarten verfügt. Im August 2012 startete dort der Naturkindergarten Brühlberg. Im Schuljahr 2013/2014 eröffnete in der Schule Rychenberg der zweite Winterthurer Waldkindergarten.

Der Troll erhielt als erste Privatschule im Kanton Zürich im Juli 2008 die Bewilligung zum Führen eines Waldkindergartens. Den Verein Troll haben drei befreundete Elternpaare aus Zürich bereits im Frühling 2000 gegründet. Es war der Beginn der ersten Waldkrippe von Zürich.

Laut Wendelspiess sind Waldkindergärten aufwendiger im Betrieb als reguläre Kindergärten. Er geht davon aus, dass sie eine Randerscheinung bleiben, die besonders engagierte und von der Waldpädagogik überzeugte Beteiligte voraussetzt. Auch seien die Lehrpersonen nicht für die spezielle Waldpädagogik ausgebildet und es sei nicht anzunehmen, dass ein Grossteil diese Unterrichtsform wünschen würde. «Im Hinblick auf das Naturverständnis der Kinder stellt sich aber die Frage, ob es nicht effektiver wäre, wenn alle Kindergärten regelmässig im Wald wären, statt eine ganz kleine Minderheit die ganze Unterrichtszeit im Wald verbringen zu lassen.» (tif)

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