Ruhe auf diesem Platz gefordert

Der Zürcher «Platz der Künste» – der Heimplatz – hat Besseres verdient als das heutige Verkehrsregime, sagen die Grünen.

In den Stosszeiten kommen sich auf dem Pfauen die Kolonnen in die Quere. Links im Bild das Kunsthaus. Foto: Dominique Meienberg

In den Stosszeiten kommen sich auf dem Pfauen die Kolonnen in die Quere. Links im Bild das Kunsthaus. Foto: Dominique Meienberg

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In fünf Jahren steht der Neubau des Kunsthauses, und wer nach Monets Seerosen noch einen Mondrian anschauen möchte, muss das Haus wechseln. Es gibt einen unterirdischen Gang, doch der ist aus Kostengründen ziemlich schmal gebaut worden. Also gehts oberirdisch über den Platz, doch müssen dort vier Autospuren und zwei Tramgleise überquert werden – was im Bilderrausch gefährlich sein kann.

Mit dem Kunsthaus auf zwei Seiten und dem Schauspielhaus auf der Ostseite werde der dreieckige Heimplatz zu einem «eigentlichen Platz der Künste», meinen die Grünen. Damit er diesem Anspruch genügt, verlangen sie eine gestalterische und verkehrsplanerische Aufwertung. «Zeit also, den Heimplatz völlig neu zu denken», schreiben sie in ihrer Motion. Sie wollen die Aufenthaltsqualität des Pfauens, wie der Heimplatz im Volksmund heisst, erhöhen und die Sicherheit verbessern. Konkret schlagen sie vor, die Strassenverbindung zwischen Hirschengraben/Heimstrasse und Zeltweg zu kappen, die sich direkt vor dem Altbau des Kunsthauses befindet. Nur der Trolleybus dürfte dann noch ohne Umweg zwischen Central und Kreuzplatz verkehren.

«Grösste Nachteile»

Der Gemeinderat hat diese Motion Mitte 2013 gegen den Willen des Stadtrats mit 71 gegen 47 Stimmen überwiesen. Jetzt liegt die Antwort vor. Der Stadtrat hält eine Änderung des heutigen Verkehrsregimes «nur mit grössten Nachteilen umsetzbar»: Die wichtigsten Verkehrsbeziehungen auf diesen Hauptstrassen würden unterbrochen, auf dem Heimplatz entstünden unübersichtliche und gefährliche Situationen, und eine grosse Verkehrsmenge würde in die Quartiere abgeleitet. Grundlage dieser Aussagen ist eine Verkehrsstudie des Ingenieurbüros Basler & Hofmann, das sieben Varianten durchgerechnet hat.

Variante 1 ist der Vorschlag der Grünen, die Strasse vor dem bestehenden Kunsthaus für den Privatverkehr zu sperren. Die Umfahrung vom Central her führt über die Kantonsschulstrasse, die zweispurig nur noch bergwärts befahren wird. Vom Kreuzplatz her wird links in die Rämistrasse eingebogen, die bis zum Rechtsabzweiger in den Hirschengraben ebenfalls zweispurig talwärts führt. Konsequenz: Überlastung der Kreuzungen bis zu 20 Prozent, Rückstau bis zu den umliegenden Knoten, Verlustzeiten beim Tram und der Buslinie 31, weil die Priorisierung des öffentlichen Verkehrs kaum mehr möglich ist.

Andere untersuchte Varianten sind: keine Strasse neben der Tramhaltestelle der Linie 3 direkt vor dem neuen Kunsthaus, Tram- und Autospuren zusammenlegen, eine Begegnungszone mit Tempo 20, die Vollsperrung des Heimplatzes oder seine Untertunnelung. Die Konsequenzen sind gemäss Gutachten die gleichen wie bei Variante 1: Stau, Ausweichverkehr im Wohnquartier, stehende Trams und Busse. Je nach Version müssen an der Kantonsschulstrasse oder an der Rämistrasse wegen doppelspuriger Kurven Eckhäuser abgebrochen werden. Die Trams haben Zeitverluste bis 55 Sekunden, und mehrere Strassenabschnitte müssen um eine Spur erweitert werden.

Würde der Pfauen gar unterfahren, wären die Tunneleinfahrten in der Hottingerstrasse, im Zeltweg und im Hirschengraben 130 Meter lang und «städtebaulich eine grosse Herausforderung». Auch müssten die Tramgleise auf eine Seite verlegt werden, was zu Problemen am Heimplatz und am Central führen würde. Eine Begegnungszone mit Tempo 20 wiederum würde laut Stadtrat zum Ausweichverkehr in die Quartiere führen und wäre rechtlich gar nicht zulässig, da sie gemäss Signalisationsverordnung nur auf Nebenstrassen zulässig ist. Alle Strassen am Heimplatz aber sind Staatsstrassen.

Der Verkehr beginnt am See

Zusammenfassend schreibt der Stadtrat, dass die Konsequenzen eines anderen Verkehrsregimes am Heimplatz nicht im Interesse der Stadt seien. Auch wären die Folgen auf andere regional oder kantonal klassierte Strassen so gravierend, dass der Regierungsrat die Genehmigung nicht erteilen würde. Im städtischen Verkehr dürften nicht nur einzelne Knoten betrachtet werden, entscheidend sei das grossräumige Verkehrssystem. Was bedeutet, dass der Verkehrsfluss am Pfauen bereits unten am Bellevue vorbestimmt wird. An der Kreuzung Utoquai/Falkenstrasse wird nur so viel Verkehr aufs Bellevue gelassen, wie oben wieder abfliesst. Fazit des Stadtrats: Die Aufwertung des Heimplatzes muss unter den gegebenen Verkehrsbedingungen stattfinden.

Sein Antrag, die Motion der Grünen als erledigt abzuschreiben, wird nach den Ferien in der Verkehrskommission des Gemeinderats beraten. Wann und wie der Heimplatz aufgewertet wird, ist ebenfalls vom Parlament abhängig. Das Tiefbauamt wird im Budget 2016 einen Projektierungskredit beantragen. Schon letztes Jahr war das der Fall, doch eine Allianz von links und rechts strich den Kredit: Rot-Grün vermisste im Projekt die Velowege; die Bürgerlichen wollten keinen Parkplatz hergeben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2015, 06:28 Uhr

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