SBB-Mitarbeiter verstopfen Pendlerzüge

In den Stosszeiten besetzen Mitarbeiter der SBB bis zu einem Viertel aller Sitze in den Fernverkehrszügen. Jetzt sollen sie früher oder später losfahren.

Hausgemachtes Problem: In den «sitzplatzkritischen Zügen» sitzen viele SBB-Mitarbeiter.

Hausgemachtes Problem: In den «sitzplatzkritischen Zügen» sitzen viele SBB-Mitarbeiter. Bild: Keystone

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Die Zahl erstaunt und deckt sich wohl nicht ganz mit den Erfahrungen von Pendlern: Nur gerade sechs Züge im Fernverkehr bezeichnen die SBB als «sitzplatzkritisch». Die Pendler sagen dem überfüllte Züge. Sitzplatzkritisch bedeutet für die SBB: In den Wagen sind über 95 Prozent aller Sitze besetzt. Nicht mehr alle Fahrgäste können deshalb bequem reisen und müssen in den Gängen oder auf den Treppen stehen.

Sitzplatzkritisch nach Definition der SBB sind die drei Verbindungen morgens von Zürich nach Bern mit Abfahrt um 7.02 Uhr, 7.32 Uhr und 8.02 Uhr. Sowie die beiden Züge abends von Bern nach Zürich, Abfahrt um 17.02 Uhr und 18.02 Uhr. Zudem ist der 6.59-Uhr-Zug von Olten nach Bern derart ausgelastet.

Ein Viertel SBB-Mitarbeiter

Dass angeblich nur sechs Züge im Fernverkehr derart voll sind, ist nicht die einzige Überraschung. Erstaunlich ist auch die grosse Zahl von SBB-Mitarbeitern, die genau in diesen Zügen sitzen. Bis zu 25 Prozent der Fahrgäste haben eine sogenannte FVP, also eine Fahrgastvergünstigung Personal. Diese wird im Volksmund auch Mitarbeiter-GA genannt.

Anrecht darauf haben alle Mitarbeiter und Pensionierte des öffentlichen Verkehrs – also auch ZVV-Angestellte – sowie deren Angehörige. Beim Zug Olten–Bern um 6.59 Uhr sind 25 Prozent aller Fahrgäste SBB-Mitarbeiter, beim 7.02-Uhr-Zug Zürich–Bern und beim 17.02-Uhr-Zug Bern–Zürich sind es je 15 Prozent und bei den restlichen drei jeweils 10 Prozent. Laut Pressesprecherin Lea Meyer hängt die hohe Zahl von SBB-Mitarbeitern vor allem mit den beiden Hauptstandorten der Bundesbahnen in Zürich und Bern zusammen.

Die neue Pflicht des Kaders

Die SBB wollen das Problem mit den überfüllten Zügen lösen. Denn sie wissen: Mit Stehplätzen verärgern sie die Kunden. Die Lösungen hat SBB-Chef Andreas Meyer als Weisung abgesegnet. Er hat sie diese Woche an der Konferenz mit 1350 SBB-Kadermitarbeitern in Montreux präsentieren lassen.

Die SBB-Mitarbeiter sind laut Sprecherin Lea Meyer ab sofort verpflichtet, die «Fernverkehrszüge zu den Hauptverkehrszeiten zu meiden – wenn immer das möglich ist». An der Konferenz erhielten sie gleich alternative Verbindungen. Statt um 7.02 Uhr sollen sie in Zürich den Zug nach Bern um 6.49 Uhr besteigen. Oder abends um 17.11 Uhr von Bern nach Zürich fahren statt bereits um 17.02 Uhr. Die alternativen Verbindungen benötigen nur ein paar wenige Minuten mehr Reisezeit. Den 18.02-Uhr-Zug sollen sie auslassen und erst eine halbe Stunde später heimfahren.

Eine zweite Lösung sehen die SBB in neuen Arbeitsmodellen: Mitarbeiter sollen teilweise daheim arbeiten oder an anderen Orten ausserhalb ihres angestammten Büros. Dass das funktioniert, haben die SBB gemeinsam mit der Swisscom in einem Feldversuch vor einem Jahr getestet. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz ergab, dass flexible Arbeitszeiten und Heimarbeit sich positiv auf die Produktivität und die Arbeitszufriedenheit auswirkten. Von den 260 Mitarbeitern der beiden Unternehmen, die am Versuch teilnahmen, gaben über die Hälfte an, motivierter zu arbeiten.

«Mythos» der überlasteten Züge

SBB-Sprecherin Lea Meyer betont, dass die präsentierten Zahlen zu den sitzplatzkritischen Zügen nur für den Fernverkehr gelten, aber nicht für den Nahverkehr mit den S-Bahnen in Zürich. «Dort kommt es leider regelmässig zu Stehplätzen», sagt sie. Das Problem mit Stehplätzen im Fernverkehr entstehe oft in den mittleren Wagen der Züge. Die vordersten und hintersten Wagen seien oft weniger stark besetzt und würden auch zu Stosszeiten noch freie Sitze haben. «Dass zur Stosszeit per se jeder Zug überlastet ist, ist deshalb ein Mythos», sagt Meyer.

Erstellt: 21.03.2014, 09:12 Uhr

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