SVP-Nachfolgestau: Zuppiger klammert, Bortoluzzi bockt

Die SVP hätte mit Gregor Rutz und Thomas Matter zwei hoch motivierte Ersatz-Nationalräte. Weil sich der Fall Zuppiger verzögert und von den Alten niemand gehen will, ist die Zürcher Delegation erstarrt.

Wer im Nationalrat bleibt oder neu dazukommt, ist weiterhin unklar: Bruno Zuppiger, Toni Bortoluzzi, Thomas Matter und Gregor Rutz (v.l.).

Wer im Nationalrat bleibt oder neu dazukommt, ist weiterhin unklar: Bruno Zuppiger, Toni Bortoluzzi, Thomas Matter und Gregor Rutz (v.l.). Bild: Keystone, PD

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Was macht eigentlich Bruno Zuppiger? Beim Auffliegen der Erbschaftsaffäre und seinem abrupten Rückzug als Bundesratskandidat dominierte er die Schlagzeilen. Heute ist es verdächtig ruhig um ihn. Dafür gibt es zwei Gründe: Die Affäre Blocher/Hildebrand kam für den tief gefallenen Fast-Bundesrat im richtigen Moment; niemand spricht mehr über Zuppiger. Auch das Tempo der Zürcher Staatsanwaltschaft kommt Zuppiger entgegen. Anfang Jahr, nach dem Einleiten des Strafverfahrens wegen Veruntreuung und ungetreuer Geschäftsbesorgung, ging man von Ergebnissen im Frühling aus, dann wurde der Sommer als Termin in Aussicht gestellt. Nun erklärt Corinne Bouvard von der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft: «Wir planen, die Untersuchung noch dieses Jahr abzuschliessen.»

Dieses Aussitzen der Affäre durch Zuppiger passt der Zürcher SVP nicht in den Kram. Parteipräsident Alfred Heer hatte mit Zuppiger abgemacht, dass dieser zurücktritt, «wenn er angeklagt wird oder einen Strafbefehl erhält». Heer beruft sich bei dieser Aussage auf Zeugen. Zuppiger hingegen will diese Abmachung anders verstanden wissen. Er möchte bei einer allfälligen Anklage die Lage neu beurteilen. Das ist aus seiner Sicht verständlich: Eine Anklage ist noch keine Verurteilung.

Rutz hatte mit anderen offenen Türchen gerechnet

«Lame Duck» Zuppiger wirkt unauffällig und isoliert. Sogar in der Zürcher SVP zeigt er sich kaum mehr, mit Ausnahme eines Jassturniers. Da habe er mitgejasst, wie wenn nichts wäre, berichten Mitspieler. Der 60-Jährige klammert sich an sein Amt – und vor allem ans entsprechende Einkommen.

Frustrierend ist das für Zuppigers potenzielle Nachfolger. Mit dem langjährigen Generalsekretär und Juristen Gregor Rutz (40) aus Küsnacht wartet auf dem ersten Ersatzplatz ein Hoffnungsträger der Partei. Er ist Kantonsrat und Unternehmensberater – und könnte jederzeit in Bern eingreifen. Bei den Wahlen im Herbst hatte sich Rutz vom 21. auf den 12. Platz vorgekämpft. Rutz hatte ursprünglich mit anderen offenen Türchen gerechnet: Altersrücktritten. Kaum eine Kantonalpartei hat so viele alte und erfahrene Nationalräte wie die SVP Zürich. Christoph Blocher ist 72, Max Binder, Hans Fehr und Toni Bortoluzzi je 65, Hans Kaufmann 64. Sie hatten in Aussicht gestellt, dass der eine oder andere vorzeitig zurücktritt.

Bortoluzzi entlastet sich beruflich

Doch von einem Rücktritt will keiner mehr etwas wissen. Daran ist unter anderem Gregor Rutz selber schuld. Als PR-Fachmann brachte er an vorderster Stelle die Managed-Care-Vorlage zu Fall, die Bortoluzzi als versierter Gesundheitspolitiker überzeugt befürwortete. Christoph Mörgeli, der ebenfalls gegen Managed-Care kämpfte, wurde von Bortoluzzi gar als «Despot» bezeichnet.

Heute sagt Bortoluzzi: «Aufgrund der Vorkommnisse in der Kantonalpartei und dem Engagement einiger Exponenten mit viel absurder, gesundheitspolitischer Schaumschlägerei fällt es mir leichter, die Amtsdauer bis zum letzten Tag wahrzunehmen.» Bortoluzzi entlastet sich dafür beruflich und ist im Moment daran, seine selbstständige Tätigkeit, die Schreinerei, nach 36 Jahren aufzugeben.

Finanzier für Finanzier?

Klar scheint auch, dass weder Landwirt Max Binder noch Hans Fehr die leiseste Absicht auf einen Rücktritt haben. Vor allem der langjährige Auns-Geschäftsführer Fehr ist von der Politik so besessen wie eh und je. Da Blocher eh nicht zurücktritt, bliebe noch Hans Kaufmann. Er hat sich von seinen zwei Herzinfarkten 2011 nach eigenen Angaben «sehr gut erholt». Die Fraktion braucht ihn zudem als Bankenfachmann. Er selber sagt: «Die Themen des Finanzplatzes liegen mir sehr am Herzen, dafür möchte ich mich engagieren.»

Bei der Nachfolgeregelung hat die SVP noch ein Problem. Auf dem dritten Ersatzplatz liegt mit Bankier Thomas Matter (46) der Shootingstar der Partei. Er hat bei den Wahlen 2011 elf Plätze gutgemacht und sich eben mit seinen Millionen zur Rettung der Kloten Flyers zusätzlichen Goodwill geholt. Das Hindernis jedoch heisst Ernst Schibli. Der Otelfinger Gemüsebauer schlug Matter um 171 Stimmen – und müsste freiwillig auf ein Nachrücken verzichten. Auf Anfrage sagt er: «Ich bin bloss zweiter Ersatzmann, im Moment stellt sich für mich die Frage gar nicht.» Doch Schibli wird sich wohl hüten, wie Ulrich Schlüer nachzurutschen und gleich wieder abgewählt zu werden. Für Matter heisst das: Wenn Schibli verzichtet, würde Hans Kaufmann wohl eher Platz machen. Nach dem Motto: Finanzer beerbt Finanzer.

Erstellt: 22.06.2012, 07:42 Uhr

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