Sanft, brutal, sinnlich: Wenn das «Dörfli» zur Performance inspiriert

«Pimp the Dorf – Reclaim Kreis 1» heisst eine Aktionsreihe des Neumarkt-Theaters. Morgen Freitag folgt Teil vier: eine Perfomance der Compagnie Sündenbock.

Verstörende Kraft von Gegensätzen: Performance der Compagnie Sündenbock im Rahmen von «Pimp the Dorf – Reclaim Kreis 1». Video: Sabina Bobst/Tamedia Webvideo

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Amüsierviertel, Schauplatz der «Niederdorfoper», Heimat von Sexkinos und Schwulenclubs, Bierhallen, Bars und eigenwilligen Ladenlokalen: Das Niederdorf ist Kult. Oder besser: war Kult. Denn die Altstadtgasse zwischen Central und Stüssihofstatt wird mehr und mehr dominiert von den Filialen austauschbarer Globalketten und einem Publikum, das es gern laut, feucht und fröhlich mag.

Das Niederdorf – oder, wie es die Einheimischen fürsorglich nennen: «s Dörfli» – wäre freilich nicht das Niederdorf, würde es diese Bedrohung seines Charakters ohne Einspruch zulassen. Dass mit dem Neumarkt-Theater so etwas wie ein Hotspot der Zürcher Kreativszene und quasi-offizieller Unruhestifter im Quartier zu Hause ist, hilft beim Dagegenhalten fraglos mit. Und so ist es denn auch das Neumarkt-Theater, das in seiner (ebenfalls im «Dörfli»-Quartier gelegenen) Dépendance an der Chorgasse seit einigen Monaten eine Aktionsreihe im Programm führt, welche den ambitionierten Titel trägt: «Pimp the Dorf – Reclaim Kreis 1».

Verstörende Gegensätze

Morgen Freitag und übermorgen Samstag geht der Reclaim-Effort in die vierte Runde. Das Muster ist stets dasselbe: Ein Künstler oder eine Künstlergruppe nimmt den Raum in der Chorgasse für zwei Wochen in Beschlag und gestaltet eine Aktion, die dann zur Aufführung kommt.

Aktuell sind Fiamma Camesi und Malika Khatir an der Reihe. Die beiden Frauen, beide in Zürich (aber nicht im «Dörfli») zu Hause, bilden zusammen die Compagnie Sündenbock. Die Performance, welche die Künstlerinnen aufführen werden, ist reduziert aufs Minimale: Ein Tisch, ein kleines Spielzeug-Schweinchen, ein bescheidenes Bühnenbild und die eigenen, nackten Körper sind die Elemente, mit denen die Sündenbock-Artistinnen «lebendige Skulpturen» schaffen und das Reclaim-Thema auf ihre eigene, sehr freie Art interpretieren möchten.

Zwei Tage vor der Premiere sitzen die beiden Frauen im Raum an der Chorgasse und erzählen von den Fragen, die sie beschäftigen. Es geht um die verstörende Kraft von Gegensätzen, um Sanftheit und Sinnlichkeit, um Brutalität, Angst, Gewalt und Flucht, um Gemütlichkeit und Unwirtlichkeit, um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.

Die Kontraste und ihre künstlerische Umsetzung sind das Thema von Fiamma Camesi und Malika Khatir. Dabei sind sie mit ihren ganz grossen, quasi existenziellen Fragen weit entfernt von den Niederungen des Niederdorfs. Und doch auch wieder nicht: Das Kontrastierende, die Gleichzeitigkeit von Lieblichkeit und Schroffheit: Sie kennzeichnen auch das Quartier, in dem sie auftreten werden. «Wir leben und verkehren vor allem in den Kreisen drei, vier und fünf», sagt Fiamma Camesi. Ihr falle auf, dass Leben und Leute dort viel homogener und uniformer seien als im «Dörfli».

Und was das Fluchtthema betrifft, dem sich Camesi und Khatir angenommen haben – im Veranstaltungsflyer fragen die beiden: «Wohin flieht der moderne Städter im Krisenfall?» Die Frage ist dem Niederdorf nicht gänzlich fremd: 1876 brach hier eine Cholera-Epidemie aus, welche in der Folge auf andere Stadtteile übergriff.

Sorgen entsorgen

Die «Pimp the Dorf – Reclaim Kreis 1»-Reihe startete im März mit der Aktion «Sorgen frei» von Regisseur Ron Rosenberg. Er interessierte sich während seiner zwei Wochen an der Chorgasse für die Sorgen der Leute und für die Frage, wie man sich seiner Sorgen entledigen kann. Auf Spaziergängen durchs Niederdorf sprach er mit Anwohnern, Passanten und Wirten und bot sich als «Sorgen-Annahmestelle» an.

Andere Varianten wählten Fabian Chiquet oder die Gruppe Ortreport. Chiquet schrieb Protestlieder fürs Niederdorf, Ortreport bauten, als «Hommage an Zürichs Ur-Menschen» eine Kette aus Holz, die während einer Woche in der Spitalgasse zu betrachten, berühren und besteigen war.

«Wir wollen das Niederdorf zurückerobern als einen Raum der Auseinandersetzung», sagt Neumarkt-Direktor Peter Kastenmüller. Die Künstlerinnen und Künstler würden während ihrer Zeit an der Chorgasse das «Dörfli» auf ihre eigene Art erkunden. «Sie sprechen unterschiedliche künstlerische Sprachen, interessieren sich aber alle für den direkten Austausch mit den Leuten im Kreis 1.»

Kastenmüllers Zwischenbilanz fällt positiv aus: «Wir bieten mit der Reihe einen Gegenpol zu Kommerz und Konsum und fügen den vielen Geschichten rund ums Dörfli neue hinzu» – und dies, so der Neumarkt-Chef, «nicht auf belehrende, sondern auf lustvolle, sinnliche Weise».

Die Performance von Compagnie Sündenbock findet am 13. und 14. Oktober um 20.30 Uhr im Raum an der Chorgasse statt. Eintritt 15 Franken. Vorverkauf unter www.theaterneumarkt.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2017, 15:38 Uhr

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