«Sch-Binz-Oi?»

Die genialste Menütafel Zürichs steht vor dem Restaurant Hot Pasta an der Universitätstrasse 15. Dafür verantwortlich ist der Radiomoderator Reeto von Gunten.

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Auf dem Weg zur Arbeit kehrt Reeto von Gunten im Ristorante Hot Pasta ein. Er setzt sich an einen der Holztische und bestellt eine Latte macchiato mit kalter Milch und Eis. Dann liest er die Zeitung. Aufreger ist eine Demo vom vergangenen Wochenende, die aus dem Ruder gelaufen ist. Versprayte Wände, brennende Container, Plünderungen. Reeto von Gunten legt die Zeitung weg und trinkt seinen Kaffee aus. Dann zückt er einen weissen Stift und schreibt auf die Schiefertafel vor dem Lokal: «Sch-Binz-Oi?» und «Eat Hot – Stay Cool». Die Latte geht aufs Haus, das ist der Deal.

Hot-Pasta-Mitinhaber Marcel Porrenga ist stolz auf seinen prominenten Stammgast und Tafeltexter: «Tagliatelle al Pesto können alle schreiben. Reeto bringt uns mit seinen Sprüchen schweizweit ins Gespräch.» Zum Beispiel, als durchgesickert ist, dass der scheidende Novartis-Präsident Daniel Vasella 72 Millionen Franken für ein fünfjähriges Berufsverbot bekommen soll. «Valpolicella Vasella – Unverschämt im Abgang!», textete darauf Reeto von Gunten. Dank Facebook und Twitter sahen Tausende das Foto. Nachdem bekannt wurde, dass Vasella verzichtet, verpasste von Gunten seinem Schild kurzerhand ein Update. Er strich den Wein durch und schrieb: «Ausgetrunken!»

«Habemus Pasta»

Seit letztem Sommer wirkt der Moderator und Schriftsteller im Hochschulquartier. In dieser Zeit sind 30 Schilder entstanden. Das jüngste lautet «Habemus Pasta», wir haben Teigwaren, eine Anspielung auf die Papstwahl, bei der es am Ende heisst: «Habemus papam». Im Internet kommentierte er sein Bild mit: «Der Zeit einen Hauch Rauch voraus.»

Vorgaben gibts vom Wirt keine. «Ich darf alles», sagt Reeto von Gunten. Niemals würde er jedoch mit den Worten «Spaghetti bolognese» für Spaghetti bolognese Werbung machen. Dies sei ein verbreiteter Fehler in der Produktwerbung. Ihm geht es darum, die Passanten auf dem Trottoir zum Schmunzeln zu bringen. Gelingt dies wieder und wieder, verbinden diese Leute bald die lustigen Einfälle mit dem Restaurant – und werden zu Gästen. Ob wegen der Tafel tatsächlich mehr Kunden kommen, weiss Chef Porrenga nicht.

«Four More Beers!»

Für ihn sei es ein Traum, so Werbung machen zu dürfen, sagt Reeto von Gunten, der momentan an seinem nächsten Soloprogramm tüftelt. Er schreibe gerne von Hand, so sei es am angenehmsten. «Nur regt es mich auf, dass ich keine schönere Schrift habe.» Die Tafel-Fans stört das nicht. Sie freuen sich über die geistreichen Inhalte. Etwa über Schild Nummer 16, «die Titulargipfeli Edition». Dieses gelangte im Herbst 2012 aufs Trottoir, nachdem SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli sein Büro an der Uni hat räumen müssen. «Weiterhin mit Zmörgeli», kalauerte Reeto von Gunten. Als US-Präsident Barack Obama für vier weitere Jahre gewählt wurde, frohlockte das Hot-Pasta-Schild: «Four More Beers!» Puristisch die Variante «Frauentag»: Am 8. März hiess ein Venussymbol die Gäste im Hot Pasta willkommen.

Ganz bescheiden gab sich die Tafel, als sie verkündete: «Dünne Werbung, starker Kaffee.» Und politisch wurde sie, als sie sich mit den eingesperrten Aktivistinnen von Pussy Riot solidarisierte: «Free Pasta Riot!» Sowieso tobt sich Reeto von Gunten auf «seiner» Schiefertafel gerne als Revoluzzer aus. Wenn er etwa in Che-Guevara-Manier ausruft: «Hasta la Pasta siempre!» Oder wenn er ganz unverfroren LSD aufs Menü setzt. Freilich stehen im Kleingedruckten die drei Buchstaben für «Linguine, Suppe und Domaten». Die Ideen gehen ihm nicht aus. Und Reeto von Gunten verspricht, auch nach seinem Outing als Autor der genialsten Tafel Zürichs weiterzumachen. Allein schon der kalten Latte wegen, die er so gerne trinkt. Oder wegen der «coolsten Sandwichs der Stadt». Einzig einen Angestellten will er sich zu Weihnachten vielleicht gönnen. Einen, der schöner schreiben kann.


Hotpasta.ch

Reetovongunten.com (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2013, 09:57 Uhr

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