Analyse

Scharf und schön

Sternen-Grill: Alles neu in der Zürcher Kultbraterei? Zum Glück nicht ganz.

Bewährtes Personal, edles Ambiente: Der Sternen-Grill ist seltsam steril.

Bewährtes Personal, edles Ambiente: Der Sternen-Grill ist seltsam steril. Bild: Sabina Bobst

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Zürich altert nicht. Zürich wird aufgewertet. Was in die Jahre gekommen ist, glätten Architekten. Ihr Beton ist das Botox der Stadt. Jüngstes Beispiel ist eine Liegenschaft beim Bellevue, Adresse des berühmtesten Wurststandes der Schweiz: des Sternen-Grills.

Knapp zwei Jahre dauerte der Neubau. Letzten Samstag verschwand das Provisorium auf dem Sechseläutenplatz, seit Sonntag gehen Bratwurst und Güggeli wieder am alten Standort über die Theke.

Hell und steril

Keine Frage: Der Sternen-Grill ist schön geworden. Helle Farben dominieren, der Raum wirkt freundlicher als früher. Und wärmer. Das mag auch daran liegen, dass nicht mehr Plastikblachen vor der Witterung schützen, sondern eine Glasfront – inklusive automatischer Schiebetüren. An die alte Bude erinnern nur noch die roten Holzstühle im Freien. Und das stets freundliche Personal. Ihre Hemdsärmeligkeit bildet einen hübschen Kontrast zum edlen Businessclasslounge-Ambiente.

Das Problem liegt im Gesetz der Aufwertung: Schlägt die Abrissbirne ein Loch in verlebtes Mauerwerk, entweicht die Seele eines Gebäudes. So wirkt der Sternen-Grill bei unserem Besuch seltsam steril. Kein Rauch dringt einem in die Nase, kein Verkehrslärm ins Ohr. Und auch die Spatzen müssen draussen bleiben.

Das Gesetz der Aufwertung

Die Zeit wirds richten. Und die Menschen, die dem Ort Leben einhauchen. Die Schüler, Touristen, Rentner und Banker. Die eleganten Damen vom Zürichberg und die Fussballjournalisten vom «Blick». Die Stammgäste sind zum Glück geblieben.

Sie haben keinen Grund, ihrem Sternen-Grill die Liebe zu entziehen. Denn schliesslich geht es um die Wurst. Sieben Franken kostet sie immer noch, und serviert wird sie wie gewohnt so schnell, dass man noch verlegen im Portemonnaie sein Münz zusammenklaubt, während hinten schon der Nächste bestellt. Zur perfekt grillierten Bratwurst gibts ein frisches Bürli – und natürlich diese teuflisch scharfe Meerrettichsauce. Geschmacklich bleibt alles beim Alten, das ist die Hauptsache.

Trotzdem: Das Tränchen, welches uns der scharfe Senf in die Augen treibt, widmen wir dem rauen Charme vergangener Tage.

Sternen-Grill, Theaterstrasse 22, Zürich.

Erstellt: 15.03.2013, 11:15 Uhr

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