Schlange stehen für eine Schipfe-Wohnung

An bester Lage an der Limmat ist eine 2-Zimmer-Altstadtwohnung ausgeschrieben. Mietzins: 1342 Franken. Bei der Besichtigung am Montag stauten sich die Interessenten bis zur Rudolf-Brun-Brücke.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Wohnungsbesichtigung beginnt um 11.30 Uhr. Eine Viertelstunde vorher stehen bereits 80 Leute in der Schlange, die kurze Zeit später vom Hauseingang an der Schipfe 41 bis fast zur Rudolf-Brun-Brücke reicht. Zur Besichtigung geladen hat die Stadt, zur Vermietung steht eine ihrer begehrtesten Wohnungen: Sie liegt im ersten Stock eines Hauses aus dem frühen 18. Jahrhundert, mit Blick auf Limmat und Limmatquai.

Die Zimmer haben Parkettböden, in einem sind die Deckenbalken zu sehen, im anderen getäferte Wände. Die Stadt lässt in den nächsten Wochen eine neue Küche einbauen. Bezugstermin ist Mitte März, die Miete beträgt 1342 Franken. Der Hauswart lässt die Wartenden gestaffelt ins Haus, in der Wohnung halten sich nicht mehr als etwa sechs Interessenten gleichzeitig auf. Nach dem Augenschein lassen sie sich ein Bewerbungsformular aushändigen; fast 170 Blätter werden am Montagmittag abgegeben.

Familien haben Vorrang

Einige der Interessenten wollen einfach nur wissen, wie die Wohnung aussieht, die meisten aber sind ernsthaft auf der Suche. Ein Mann nimmt bereits zum 35. Mal an einer Besichtigung teil. Die hohe Zahl der Interessenten an der Schipfe erscheint ihm und den anderen Habitués nicht ungewohnt. Hätte die Wohnung mehr als zwei Zimmer, wäre die Schlange noch länger, sagt eine Frau. Dann stünden vor allem Familien an.

Wer die Wohnung bekommt, bestimmt die städtische Liegenschaftenverwaltung. Bei ihrer Entscheidung richtet sie sich nach einer Verordnung, die der Gemeinderat 1995 erlassen hat. Ziel ist eine gute soziale Durchmischung. Die Liegenschaftenverwaltung muss Folgendes berücksichtigen: ein angemessenes Verhältnis zwischen Mietzins und Einkommen, den Einbezug von Menschen, die auf dem freien Wohnungsmarkt benachteiligt sind, und die Dringlichkeit eines Gesuchs. Weiter gilt: «Personen, die mit Kindern zusammenleben, geniessen Vorrang.»

Kritik an der Vergabe

Eine andere Regel besagt, dass die Personenzahl die Anzahl Zimmer höchstens um 1 unterschreiten soll. Ausnahmen kann es für Mieter geben, die wegen ihrer freiberuflichen Tätigkeit auf Büroraum angewiesen sind. Die 2-Zimmer-Wohnung will die Stadt an zwei Personen abgeben, da sie mit 65 Quadratmetern relativ gross ist. An der Schipfe gehören der Stadt 80 Wohnungen und 20 Gewerbelokale, über ganz Zürich verteilt sind es 9000 Wohnungen und 980 Gewerberäume.

In der Warteschlange stehen auch Menschen, die bereits in einer städtischen Wohnung leben. Einige von ihnen kritisieren, dass sich die Stadt nicht immer an die Grundsätze hält. «Vor kurzem hat die Liegenschaftenverwaltung eine Wohnung in der Altstadt an ein Paar vermietet, obwohl sich auch Eltern mit Kindern beworben hatten», sagt jemand. Oder: «Mir sind einige Beispiele bekannt, wo ältere Paare auch nach dem Auszug der Kinder in ihrer städtischen 5-Zimmer-Wohnung bleiben, auch wenn Familien dringend darauf angewiesen wären.»

250 Interessenten

Laut der Liegenschaftenverwaltung halten sich die Verantwortlichen an die Vorgaben. Ausnahmen kann es bei Wohnungen geben, die sich aufgrund ihres Grundrisses, wegen des Denkmalschutzes oder aus anderen Gründen nicht für die Vermietung an Familien mit Kindern eignen. Wenn es zu Änderungen in der Belegung kommt, sucht die Stadt das Gespräch mit den Mietern. Sonst kann sie rechtlich nichts unternehmen. Um das zu ändern, schliesst die Stadt seit fünf Jahren nur noch Mietverträge ab, in der die Mindestbelegung festgeschrieben ist. Wird diese unterschritten, hat die Liegenschaftenverwaltung das Recht, den Vertrag zu künden.

Die Besichtigung der Wohnung an der Schipfe 41 ist bis 12 Uhr angesetzt, zu Ende ist sie erst kurz nach halb eins. Gegen 250 Menschen waren im Haus. Der Mann, der bereits zum 35. Mal angestanden ist, macht sich mit einem Bewerbungsformular in der Hand auf den Heimweg. «Ich probiere es mal», sagt er. Seine Hoffnung, dass er die Wohnung bekommt, ist gering. Er hat sich bereits weitere Termine vorgemerkt.

Erstellt: 12.02.2013, 07:26 Uhr

Artikel zum Thema

Eine 4½-Zimmer-Wohnung für 29'000 Franken pro Monat

Wohnen wie im 5-Stern-Hotel hat seinen Preis – auch wenn das Haus nur an der Pfnüselküste steht: In Kilchberg ist eine Luxuswohnung zu haben, bei der Bademäntel und Bootsgarage inbegriffen sind. Mehr...

Renitente Zwischenmieter verzögern Umbau von Alterswohnungen

Die Stiftung Alterswohnungen will ein Hochhaus im Kreis 6 sanieren. Doch acht Mieter stellen sich quer. Das verursacht Kosten von 500'000 Franken – und gefährdet künftige Zwischennutzungen. Mehr...

«Mit Mietern allein hätten wir dieses Resultat nicht erzielen können»

Beim Mieterverband freut man sich über das Ja zur Vorlage «Transparente Mieten» – und ärgert sich, dass der Stichtag zur Einführung der Formularpflicht knapp verpasst wurde. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...