Schlangestehen nach dem Super-GAU

In diesen Tagen verschickt der Bund Jodtabletten an jene, die im Umkreis von 50 Kilometern zu einem AKW wohnen. Die Bewohner des süddeutschen Grenzgebietes warten indes vergeblich.

Anstehen für Jodtabletten statt zu Hause bleiben und Fenster und Türen schliessen: Im süddeutschen Raum werden die Tabletten für den Ernstfall zentral gelagert.

Anstehen für Jodtabletten statt zu Hause bleiben und Fenster und Türen schliessen: Im süddeutschen Raum werden die Tabletten für den Ernstfall zentral gelagert.

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Vor rund zwei Wochen hat der Bund eine gross angelegte Verteilaktion von Jodtabletten gestartet. Bis Ende November bekommen rund 4,6 Millionen Schweizerinnen und Schweizer, die im Umkreis von 50 Kilometern um die Kernkraftwerke Mühleberg, Gösgen, Beznau I + II und Leibstadt leben, ihre persönliche Packung ins Haus geschickt. Sogar an die Betriebe in den betroffenen Gebieten werden Jodtabletten abgegeben (siehe Box).

Ganz anders sieht die Situation im süddeutschen Raum aus. Obwohl auch die dortige Bevölkerung von einem Katastrophenfall in einem der Schweizer Kernkraftwerke im grenznahen Gebiet betroffen wäre, werden die Tabletten dort nicht direkt an die Haushalte versandt, sondern zum Abholen an zentralen Stellen wie Apotheken oder Schulhäusern gelagert. Einzig im Umkreis von 10 Kilometern zu den jeweiligen Atomkraftwerken werden die Tabletten direkt an die Betroffenen versandt.

Zentrale Lagerung «kompletter Humbug»

Für Ulrike Elliger, Vorsitzende des Vereins Hochrheinaktiv, ist die zentrale Lagerung von Jodtabletten ein «kompletter Humbug»: «Wenn diese Tabletten im Notfall helfen sollen, dann müssen sie auch sinnvoll an die Bevölkerung gebracht werden – nämlich vor Kontakt mit dem radioaktiven Fallout.» In Elligers Wohngemeinde sind die Tabletten beispielsweise im Realschulgebäude gelagert. «Man stelle sich das Szenario in einem Katastrophenfall vor! Wenn alleine 1000 der 5000 Einwohner vor dem Schulhaus für die Tablette Schlange stehen, statt im Haus zu bleiben und Fenster und Türen zu schliessen, wie es in allen Empfehlungen für den Ernstfall heisst.»

In einem Schreiben vom 6. November 2014 an die süddeutschen Gemeinden Jestetten, Lottstetten und Dettighofen sowie die zuständigen Behörden des Landes Baden-Württemberg fordert der Verein nun, dass die Jodtabletten direkt an besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen abgegeben werden. «In Kindergärten und Schulen müssen die Tabletten stets vorrätig sein. Auch alle unter 45-Jährigen müssen sie direkt zu Hause lagern», so Elliger. Zudem müssten die Anwohner darüber informiert werden, wie sie sich im Falle eines Reaktorunglücks zu verhalten haben. Denn gemäss Elliger wissen die meisten noch nicht einmal, was sie zu tun haben, wenn eine Sirene ertönt. «Wir werden darüber nicht informiert.»

Der Umstand, dass sie in unmittelbarer Nähe des ältesten Atomkraftwerks der Welt leben, bereite ihr und anderen Anwohnern im süddeutschen Grenzgebiet Sorgen. «Beznau dürfte bei uns in Deutschland gar nicht mehr betrieben werden», sagt Elliger. Umso mehr warte man nun gespannt auf die Reaktionen der zuständigen Behörden zu den gestellten Forderungen. «Wir hoffen, dass wir nicht mit pauschalen Antworten abgespeist werden.»

Jedes Land ist selbst für Jodverteilung verantwortlich

Auf eine Anfrage beim Innenministerium Baden-Württembergs, ob ein direkter Versand von Jodtabletten an die betroffenen Haushalte im Grenzgebiet geprüft werde, verweist Pressesprecher Günter Loos auf das Arzneimittelgesetz, gemäss dem in Deutschland eine grundsätzliche Apothekenpflicht für Arzneimittel besteht. Ein Postversand der Tabletten ist daher aufgrund der Rechtslage nicht möglich.

Auch wenn radioaktive Strahlung nicht an der Grenze Halt macht: Grundsätzlich ist jedes Land selbst für die Art und den Umfang der Verteilung von Jodtabletten an seine Bevölkerung zuständig. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) habe die deutschen und französischen Stellen frühzeitig über das neue Verteilkonzept in der Schweiz informiert, sagt BAG-Mediensprecher Daniel Dauwalder. «Weder die deutschen noch die französischen Behörden stellten einen Antrag für eine Jodtablettenverteilung auf ihrem Territorium.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2014, 11:02 Uhr

Wie die Tabletten verteilt werden: Zur Vergrösserung bitte anklicken. (Bild: Keystone )

Jodtabletten-Abgabe in der Schweiz

Bei der Abgabe von Jodtabletten handelt es sich um eine vorsorgliche Schutzmassnahme für den Fall eines Störfalls in einem der Schweizer Kernkraftwerke Beznau 1, Beznau 2, Gösgen, Leibstadt und Mühleberg. Rechtzeitig eingenommen können die Tabletten verhindern, dass sich über die Atemluft aufgenommenes radioaktives Jod in der Schilddrüse anreichert.

Im Januar 2014 hat das Bundesamt für Gesundheit mitgeteilt, dass in der Schweiz künftig all jene Personen direkt mit Jodtabletten beliefert werden, die innerhalb eines Radius von 50 Kilometern um ein Kernkraftwerk wohnen. Bisher war das nur bei Haushalten der Fall, die sich im Umkreis von 20 Kilometern von KKW befanden. Grund für diese Änderung in der Jodversorge war das Reaktorunglück im japanischen Fukushima.

Die Tabletten (Kaliumiodid 65 AApot) werden alle zehn Jahre an die Bevölkerung verteilt. Am 27. Oktober hat das BAG mit dem Versand begonnen. Ende November 2014 werden rund 4,6 Millionen Menschen ihre persönliche Packung erhalten haben. Für alle Personen ausserhalb des Verteilgebiets ändert sich nichts im Vergleich zu heute.

Gemäss einer Medienmitteilung des BAG belaufen sich die Kosten für die Verteilaktion auf insgesamt 30 Millionen Franken und werden vollumfänglich von den KKW-Betreibern übernommen. (tif)

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