Schlechte Noten für die Chefs im Zürcher Unispital

Die Mitarbeitenden kritisieren die schlechte Kommunikation und einen «alten Machostil». Nun eskaliert auch noch ein Streit um die Arbeitszeit.

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Spitäler sind längst keine sozialen Einrichtungen mehr, wo kranke und verunfallte Menschen geheilt werden und am Schluss der Staat oder eine Stiftung die angefallenen Kosten deckt. Spitäler sind heute Unternehmen. Sie nehmen Kranke nicht einfach nur auf, sondern akquirieren sie. Sie messen ihren Erfolg an der Höhe des Ebitda – und eine hohe Gewinnmarge erzielt, wer seine Operationssäle und Betten voll auslastet.

Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens hat schon vor langem begonnen, doch seit der Einführung der Fallpauschalen im Jahr 2012 legen die Spitaldirektoren den Fokus noch stärker auf die finanziellen Kennzahlen. Derzeit akzentuiert sich die Situation zusätzlich, weil die Spitalaufenthalte insgesamt rückläufig sind. Das verschärft den Wettbewerb zwischen den Spitälern um Patientinnen und Patienten weiter.

Die Angestellten bekommen das zu spüren. Sie müssen flexibel sein: für Umstrukturierungen, neue Arbeitsorte, unplanmässige Einsätze. In der Regel sind sie dazu auch bereit. Denn Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, haben ein hohes Berufsethos und sind motiviert. Allerdings nur, wenn sie den Sinn einer Sache verstehen und die Arbeitsbedingungen grundsätzlich stimmen.

Schlechte Kommunikation

Und da hapert es in vielen Spitälern, wie das Branchenportal Med­inside kürzlich berichtete. Es hat analysiert, wie Angestellte von grossen Schweizer Spitälern auf der Bewertungsplattform Kununu ihre Arbeitgeber beurteilen. Über alles resultierte ein «mittelmässig». Durchwegs gelobt werden die interessante Arbeit und der Zusammenhalt im Team. Hingegen sind die Leute sehr oft unzufrieden mit der internen Kommunikation und mit dem Verhalten ihrer Vorgesetzten. Die schlechteste Note erhielten die Chefs im Unispital Zürich: 2,38 von 5 möglichen Sternen. Von «Führungsmängeln» ist die Rede und von «kleinen Königreichen». Gemeint sind damit einzelne Kliniken mit Direktoren, die im alten Machostil führen. «Götter in Weiss», wie sie früher normal waren, aber heute nicht mehr goutiert werden. Mit einer Weiterempfehlungs­rate von 41 Prozent rangiert das Unispital am Schluss von elf analysierten Betrieben.

Zur Zeit der Auswertung befanden sich auf der Bewertungsplattform 208 Kommentare von Mitarbeitenden des Zürcher Unispitals. Das ist zwar nur ein Bruchteil der über 8000 Angestellten, doch die Resultate decken sich mit den Erfahrungen, welche die Gewerkschaft VPOD mit dem Unispital macht. Nach dem Bericht von Med­inside doppelte der VPOD mit einem Communiqué nach. Das Sünden­register sei lang, schreibt er und zählt auf: zu wenig Personal, Überforderung bis zum Kollaps ganzer Abteilungen mit Burn-outs, keine Wertschätzung, keine Lohnerhöhungen, unfaire Ferienregelung. «Management und Direktion fällen laufend Entscheide, ohne die Betroffenen einzubeziehen», kritisiert der VPOD und konstatiert in klassenkämpferischer Manier: «Der Frust und die Wut der Angestellten, die sich einzig als Werkzeug zur Renditeerwirtschaftung sehen, ist entsprechend gross.»

Laut Gewerkschaftssekretär Roland Brunner führt der VPOD momentan eine eigene Umfrage in allen Spitälern des Kantons durch. Der bisherige Rücklauf zeige, dass das Unispital punkto Mitarbeiterbehandlung sehr schlecht abschneide. Die ständigen Veränderungsprozesse seien belastend. «Das Management will kein Personal, das ihm dreinredet. Es will Entscheide treffen, und die Leute sollen einfach funktionieren», beschreibt Brunner die Führungskultur im Unispital. Mit dem geplanten Umzug von Hunderten von Angestellten nach Stettbach sowie in den Circle am Flughafen werde die Situation noch schlimmer.

Kleiderausgabe per Automat

Als Beispiel erwähnt Brunner ein neues Umkleidesystem, das demnächst eingeführt wird. Künftig haben die Angestellten keine persönlichen Garderobenkästchen mehr und müssen ihre Arbeitskleider bei einer automatisierten Ausgabestelle holen. «Das betrifft die Leute in ihrem Alltag stark, dennoch wurden ihre Einwände übergangen.» Die Spitalleitung lässt die Vorwürfe nicht gelten. In einer repräsentativen Mitarbeiterumfrage seien die direkten Vorgesetzten positiv beurteilt worden. Auch werde das Personal regelmässig in Hörsaalveranstaltungen über aktuelle Themen informiert und könne seine Meinung äussern. Unispital-Direktor Gregor Zünd räumt allerdings ein, dass die Angestellten heute mehr belastet seien als früher, vor allem die vielen administrativen Aufgaben würden kritisiert.

Das Unispital wolle ein attraktiver Arbeitgeber sein, sagt Zünd. Die Spitaldirektion habe deshalb beim Spitalrat mehrere Verbesserungen beantragt, und dieser hat soeben entschieden. So erhalten alle Angestellten ab 2020 eine Vergünstigung auf ihr ZVV-Abo. Rückwirkend ab 1. April stehen 0,6 Prozent der Lohnsumme für individuelle Lohnerhöhungen zur Verfügung. Zudem übernimmt das Unispital die Ferienregelung des Kantons, das heisst mindestens fünf Wochen für alle Altersgruppen.

Ob die Verbesserungen aus Einsicht oder aus Angst vor Abwanderung beschlossen wurden, bleibt dahingestellt. Tatsache ist, dass die Spitäler auch beim Personal in einem Wettbewerb stehen. Gute Pflegefachleute sind ebenso gesucht wie gute Ärztinnen und Ärzte. Von beiden bildet die Schweiz zu wenig aus.

Erstellt: 09.07.2019, 19:43 Uhr

Hunderte ziehen wegen unbezahlter Umkleidezeit vor Gericht

Ein Grossteil des Spitalpersonals trägt Berufskleidung. Bisher wurde die Umkleidezeit nicht bezahlt. Die Gewerkschaft VPOD und der Berufsverband der Pflegenden SBK wollen das ändern; sie können sich dabei auf das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) stützen, das die Umkleidezeit als Arbeitszeit definiert hat.

In den vergangenen Wochen haben sie mit den Zürchern Spitälern, die massive Mehrkosten befürchten, über eine für beide Seiten akzeptable Lösung des Problems verhandelt. So auch mit dem Universitätsspital. Laut SBK-Präsidentin Regina Soder sah es eigentlich gut aus: «Das Unispital zeigte sich bereit, auf unseren Vorschlag einzugehen, wonach die Umkleidezeit mit Kompensationstagen abgegolten wird.» Doch nun hat der Spitalrat, das oberste Führungsgremium des Unispitals, anders entschieden: Es gibt keine zusätzlichen freien Tage.

Denn das würde, so die Begründung, in Kombination mit der neuen Ferienregelung zu Personalengpässen führen. Stattdessen wird jetzt einfach definiert, dass 15 Minuten Umkleidezeit zur Dienstzeit gehören, und die Arbeitszeit pro Dienst bleibt gleich. Für den SBK wie für den VPOD ist das inakzeptabel. Regina Soder: «Damit würden die Übergabezeiten verkürzt, die Rapporte der einen an die nächste Schicht wären kürzer. Das ist nicht machbar in der Pflege.» Der SBK will nun nochmals mit der Leitung des Unispitals reden. Kommt es zu keiner Einigung, prüft der Verband juristische Schritte. Der VPOD hat bereits für mehrere Hundert Spitalangestellte im Kanton Zürich Lohnklagen vorbereitet oder schon eingereicht. Laut Gewerkschaftssekretär Roland Brunner gibt es allein im Unispital bisher 157 Angestellte, die für die letzten fünf Jahre Lohn für die Umkleidezeit einfordern; die Gesamtsumme der Forderungen betrage rund 2 Millionen Franken. Bei einer akzeptablen Lösung hätten viele wohl auf die Klagen verzichtet, so Brunner. «Doch jetzt werden wir vor Gericht kämpfen.»

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