Schnelles Essen verdrängt billige Kleider

Über 150 Fast-Food-Anbieter kämpfen an der Bahnhofstrasse um Kundschaft. Immobilienexperten glauben nicht, dass es bereits zu viele sind.

Einst Yendi, nun Bachmann: Die Bahnhofstrasse wird immer mehr zur Fressmeile. (Archiv)

Einst Yendi, nun Bachmann: Die Bahnhofstrasse wird immer mehr zur Fressmeile. (Archiv) Bild: Manuel Lopez/Keystone

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Über hundert Verpflegungsmöglichkeiten im Hauptbahnhof, Dutzende an der unteren Bahnhofstrasse und an der Löwenstrasse – zu viele für die City-Vereinigung. Präsident Milan Prenosil sagte kürzlich anlässlich der Eröffnung der Luzerner Confiserie Bachmann an der Bahnhofstrasse: «Hatten wir früher am unteren Teil der Bahnhofstrasse zu viele Kleiderläden, übersättigt sich der Markt dort nun mit der schnellen Verpflegung.»

An sich sei es ja erfreulich, wenn sich die Bahnhofstrasse verändere. Doch in dieser Umgebung bestehe bei der Verpflegung unterdessen ein Überangebot. Prenosil kennt die Gegend gut. Er ist nicht nur Chef des Dachverbands des städtischen Gewerbes, sondern auch Verwaltungsratspräsident von Sprüngli mit dem Hauptgeschäft am Paradeplatz, je einer Filiale an der Bahnhofstrasse und am Löwenplatz sowie vier Filialen im Hauptbahnhof selber.

Hunderttausende Kunden

Tatsächlich bieten von den total 202 Geschäften, die das Shop-Ville auflistet, genau die Hälfte Essen und Getränke an: von den zwölf Kiosken über die vier Burger-King-Filialen, die Metzgerei Kaufmann oder das Restaurant Au Premier bis zu den Grossdetaillisten Migros und Coop. Das Baur au Lac verkauft exklusive Weine, Drinks of the World hat Biere aus aller Welt im Angebot.

Die meisten Geschäfte haben von frühmorgens bis spätabends geöffnet, Take-away-Buden und Restaurants bis um Mitternacht. Die Zahl der möglichen Kunden ist hoch: Gegen eine halbe Million Passagiere strömen tagtäglich durch die Gänge und Hallen des Zürcher HB. In der nahen Umgebung des Hauptbahnhofs zählt man schnell weit über drei Dutzend Restaurants, Lokale und Geschäfte, in denen die Laufkundschaft sich verpflegen oder über die Gasse Sandwichs, Schinkengipfeli, Burger, Schokolade, Sushi oder andere Snacks kaufen kann. Wobei grosse Geschäfte wie die Migros gleich hinter dem Löwenplatz oder der Globus eine riesige Auswahl an Takeaway-Gerichten anbieten.

Fressmeile Löwenstrasse

Im unteren Teil der Bahnhofstrasse ist das Angebot an schneller Verpflegung zum Mitnehmen gar nicht so gross: Da ist die Confiserie Bachmann, gegenüber das Sushi-Lokal Yoji's, ein Appunto-Take-away und seit einigen Monaten das Vicafe, das aber nur Kaffee über die Gasse verkauft.

Zur eigentlichen Food-Meile entwickelt sich dagegen die Löwenstrasse. McDonald’s hat sich dort niedergelassen, weil sich abzeichnete, dass der Fast-Food-Riese die Filiale am nahen Pestalozziplatz nicht halten konnte. Gleich daneben hat sich Holy Cow eingerichtet, die auch vor allem Burger anbietet. Vor dem Globus stehen immer zwei Foodtrucks und verkaufen je nach Anbieter Brezeln, Hotdogs, Burger oder Tacos. Am Löwenplatz ist Sprüngli vertreten, gleich um die Ecke hat Hatecke, der Bündner Kultmetzger, ein trendiges Lokal. Nicht weit entfernt ist die Migros, die auch den thailändischen Fast-Food-Stand Kaimug-Box betreibt. An der Löwenstrasse lassen sich demnächst zudem ein indisches und ein italienisches Restaurant nieder.

Noch vor kurzem hat dort ein Herrenausstatter Anzüge und Schuhe für Geschäftsleute verkauft. Es ist nicht das einzige Modegeschäft, das einem Verpflegungslokal Platz machen musste: Wo McDonald’s Burger brät, war früher das Herrenmodegeschäft Mettler. Bei Holy Cow bot vor nicht allzu langer Zeit PKZ ebenfalls Herrenkleider an. Das sind alles Lokale an der Löwenstrasse, die damit einen viel stärkeren Wandel von der Mode-zur Fressmeile durchmacht als die Bahnhofstrasse.

Doch auch dort ist der Trend zu beobachten. Neustes Beispiel ist die Confiserie Bachmann, die ihre Produkte in den Räumen anbietet, in denen die Modekette Yendi bis zum Konkurs im Frühling 2017 beheimatet war. Die Krise der Modebranche, ausgelöst vor allem durch das Onlineshopping und Einkäufe im grenznahen Ausland, hat vor der attraktiven Zürcher Innenstadt nicht haltgemacht.

Immobilienspezialisten, die die Bahnhofstrasse und Umgebung kennen, sind allerdings nicht der Ansicht, dass bei der Verpflegung ein Überangebot herrsche. Es handle sich dabei um eine gute Ergänzung des Angebots, die Bahnhofstrasse entwickle sich in die richtige Richtung. «Das Angebot in der Gegend hat sich verändert, es wurde diversifiziert. Und es wird sich weiterverändern», sagt Urs Küng, Mitinhaber von Partner Real Estate. Kleiderketten würden teils verdrängt, weil sie die nötige Wertschöpfung nicht mehr erreichten. Küng weiss, dass zusätzlich Geschäfte aus dem Technologiebereich an die Strasse ziehen werden. «Mit Produkten, die man zwar online kaufen kann, bei denen es aber wichtig ist, dass man sie im Original sehen und in die Hand nehmen kann.» Zwei Verträge mit solchen Unternehmen seien kürzlich unterzeichnet worden. Weitere Informationen wollte Küng nicht geben.

Mietermix ist nicht wichtig

Robert Weinert, Leiter Immo-Monitoring bei Wüest Partner, bestätigt den Trend hin zum Food. Er erklärt ihn vorab mit den Passantenfrequenzen, die in Bahnhofsnähe sehr hoch seien; darauf seien diese Unternehmen angewiesen, um Umsatz zu machen. Die einzelnen Hauseigentümer profitierten von der regen Nachfrage nach Flächen – und sie müssen nicht auf einen guten Mietermix achten, wie dies Vermieter in Shoppingcentern tun würden.

Laut Küng sind die Mietpreise an der Zürcher Bahnhofstrasse momentan stabil. Er rechnet damit, dass sie in Zukunft eher wieder steigen werden. «Wer hierherzieht, hat eine grosse Wertschöpfung.» Weinert sagt, die Mietzinse an der Bahnhofstrasse seien unter Druck, könnten sich im Gegensatz zu Spitzenlagen in anderen Städten aber noch halten. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.01.2019, 13:00 Uhr

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