Schöne Nägel in Zürich plötzlich zum halben Preis

Vietnamesinnen erobern die hiesige Nagelbranche. Und was bedeutet das für die Alteingesessenen?

Fühlt sich von der Billigkonkurrenz nicht bedroht: Eine Naildesignerin bei der Arbeit im Zürcher Salon Sanja Nails. Foto: Doris Fanconi

Fühlt sich von der Billigkonkurrenz nicht bedroht: Eine Naildesignerin bei der Arbeit im Zürcher Salon Sanja Nails. Foto: Doris Fanconi

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Die Schönheitstour beginnt an der Zürcher Europaallee. Dort, wo Bia Cosmetic & Nails und die Schminkbar by Bea Petri Tür an Tür liegen. Über das Kasernenareal führt der Weg in die Bäckerstrasse, wo das Biokosmetik-­Studio 58, Erika’s Beauty Contour, der Longfinger und die Beauty Bar Eclat de Beauté zu Hause sind. In der Müllerstrasse, die parallel verläuft, erblicken wir BB’s Bianca’s Beauty, das Flamboyant Beauty Center, das MyNails2Go, M. Matter Beauty und Paradise Nails, ehe wir das Sihlufer erreichen.

Knapp 700 Meter sind zurückgelegt. 8 Minuten Gehdistanz, wie Google Maps anzeigt. Und elf Gelegenheiten, sich die Nägel feilen, pflegen und polieren zu lassen. Die Dichte an Nagelstudios im Zürcher Kreis 4 beeindruckt und steht exemplarisch für die ganze Stadt. Nur Restaurants und Imbisse, allenfalls Coiffeursalons sind ähnlich zahlreich.

Halbierung der Preise

Dabei ist die Branche so intransparent wie unreguliert: Weder Behörden noch der nationale Verband Swissnaildesign führen ein verlässliches Register der Salons. Wer den Beruf ausüben möchte, braucht keinen eidgenössischen Leistungsnachweis, es gibt keinen Mindestlohn, keine verbindlichen Hygienevorschriften und keinen gesetzlichen Ferienanspruch für Angestellte. Dennoch boomt der Markt. Vermutlich gerade weil die Eintrittshürden so niedrig sind. Der «Tages-Anzeiger» hat mit über zehn Nagelstudio­betreiberinnen im Raum Zürich gesprochen. Ihre einhellige Meinung: Die Konkurrenz hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Folgen seien Preiszerfall und schlechtere Qualität.

«Eine Nagelverlängerung mit klassischem Gelsystem sollte nicht weniger als 150 Franken kosten», sagt Steffi Brühlmann, Verbandspräsidentin von Swissnaildesign und Nagelstudio­besitzerin in Winterthur. In Billigstudios sei das Angebot bereits ab 60 Franken zu haben. Verantwortlich seien unter anderem asiatische Nagelstudioketten, die aggressiv auf den Markt drängen würden. «Das schadet letztlich dem Ruf der gesamten Branche», sagt Brühlmann. Dennoch stosse das Angebot auf grosse Nachfrage. «Einigen Kundinnen kann es nicht billig genug sein.»

«Das Geschäft ist lukrativer als in Deutschland, die Konkurrenz schwächer.»Nagelstudiobesitzerin

Eine deutsche Nagelstudiobesitzerin mit vietnamesischen Wurzeln erzählt, weshalb sie in die Schweiz gekommen ist: «Das Geschäft ist lukrativer als in Deutschland, die Konkurrenz schwächer.» 2011 eröffnete sie die erste Filiale in Oftringen AG. Es folgten Salons im Kanton Bern und einer in Effretikon. Vietnamesische Naildesignerinnen seien erfolgreich, weil sie «überdurchschnittlich fingerfertig» seien. Als das Gespräch auf den Aufenthaltsstatus ihrer Mitarbeiterinnen kommt, legt sie den Hörer auf und ist später nicht mehr erreichbar.

Vietnamesische Nagelstudios, die zusehends den Markt beherrschen, sind ein Phänomen, das in den USA begann und sich danach in Europa fortsetzte. In Deutschland beherrschen sie längst die Märkte grosser Städte. Einige Schweizer Kantone haben nun begonnen, ihre Arbeitsmarktkontrollen auf die Nagelbranche zu fokussieren. Darunter Bern, Basel-Stadt, Thurgau, St. Gallen und seit März auch Luzern, wie die «NZZ am Sonntag» im Juni berichtete. Mit Erfolg: Der aktuelle Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft zeigt, dass die Trefferquote bei Kontrollen in Kosmetiksalons überdurchschnittlich hoch ist.

Probleme sind bekannt

Zürich hielt sich bisher zurück. Im Kanton ist die Tripartite Kommission (TPK) des kantonalen Amtes für Wirtschaft (AWA) für die Überwachung unregulierter Branchen zuständig. Halbjährlich werden Fokusbranchen definiert. Nagelstudios und Kosmetikgeschäfte sind nicht dabei. «Die genannten Probleme im Bereich der Nagelstudios sind der TPK durchaus bekannt», sagt AWA-Sprecherin Lucie Hribal. Der Kanton kontrolliere einzelne Studios deshalb «stichprobenartig». Wie oft, liess sich nicht eruieren.

«Die Kontroll- und Sanktionierungsmöglichkeiten für Nagelstudios sind zahnlos», sagt Lorenz Keller, Co-Leiter der Unia Zürich-Schaffhausen. Mehr als eine Empfehlung könne nicht ausgesprochen werden. Kurz: Es kann nichts sanktioniert werden, solange es keine Bestimmungen gibt. Eine Verbesserung sei nur politisch zu erreichen. Bei den Nagelstudios handle es sich um eine Tieflohnbranche, die derart unterreguliert sei, dass ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) kaum infrage komme. «Dazu brauchte es erst einmal eine Gewerkschaft und einen stärkeren Berufsverband», sagt Keller. Dennoch brauche es einen Mindestlohn, um die Abwärtsspirale bei den Löhnen aufzuhalten.

Dieser könnte mit der Einführung eines Normalarbeitsvertrags (NAV) erwirkt werden. Ein NAV ist niederschwelliger als ein GAV und kann vom Regierungsrat erlassen werden. Dies geschieht in Zürich, im Gegensatz zu anderen Kantonen wie Genf oder Tessin, jedoch nur selten. Die Einführung des letzten NAV, damals für die Hauswirtschaft, liegt sieben Jahre zurück.

«In der bürgerlichen Kantonsregierung fehlt es am Willen, stärker gegen Tieflohnbranchen vorzugehen», sagt Gewerkschafter Keller.

«Scheinselbstständigkeit»

Erschwert werden Kontrollen durch schnell wechselndes Personal. In der Schweiz können EU-Bürgerinnen 90 Tage im Jahr arbeiten, wenn sie sich online bei der Arbeitsmarktbehörde anmelden. Es kommt gemäss Verbandspräsidentin Brühlmann immer häufiger vor, dass sich Arbeiterinnen einen Stuhl in einem Salon mieten. So gelten sie als selbstständig, der Arbeitgeber spart Sozialkosten. Ein Phänomen, das in der Coiffeurbranche schon länger besteht. Keller von der Unia spricht von «Scheinselbstständigkeit» und einem Ausnützen von Menschen in wirtschaftlicher Not: «In einem unregulierten, offenen Markt findet sich immer jemand, der die Arbeit noch günstiger verrichtet», sagt Keller. Was sich für Gastarbeiter durchaus lohnen könne, zerstöre das Lohngefüge einer gesamten Branche.

Doch nicht alle Nagelstudios leiden unter der Konkurrenz. Sanja Nails ist die Nummer zwölf der Salontour durch die Zürcher Innenstadt. «Qualität ist die beste Antwort gegen Billigkon­kurrenz», sagt die Geschäfts­führerin. Jan Harmel, der Geschäftsführer von Nailsmith and Johnson – dem ersten Zürcher Nagelstudio für Männer –, sagt sogar: «Unsere einzige Konkurrenz ist die Nagelschere, die bei den Kunden zu Hause liegt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2018, 09:58 Uhr

Eine Industrie, aus der Not geboren

Geschichte Am Anfang standen Tippi Hedren und eine Gruppe Migrantinnen. Ohne die amerikanische Schauspielerin («Die Vögel») würden Vietnamesinnen heute nicht so viele Nagelstudios betreiben. Und ohne den Vietnamkrieg, so traurig es klingt, auch nicht. Die Geschichte ist gut dokumentiert und wäre auch ohne den Einsatz der Schauspielerin hollywoodreif. Umso mehr, als die Maniküre keine alte vietnamesische Tradition ist, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Die Idee wurde aus der Not geboren.

Mitte der Siebzigerjahre arbeitete Hedren für eine Hilfsorganisation, die sich um geflüchtete Vietnamesinnen kümmerte. Sie wollte den Frauen im Flüchtlingslager Hope Village, im Norden Kaliforniens, Arbeit verschaffen. Oder, wie Hedren 2015 in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» sagte, «ihnen helfen, den American Way of Life zu finden». Maniküre war etwas, das sich damals fast nur reiche Frauen leisten konnten.

Für die Gründung eines Nagelstudios brauchte es geringe Investitionen und Sprachkenntnisse. Hedren sah darin eine Chance, dass die Vietnamesinnen schnell finanziell unabhängig werden konnten. So, wie es der American Way of Life eben vorsah. Sie hatte eine persönliche Maniküristin namens Dusty. Diese sollte fortan 20 Vietnamesinnen in der Nagelpflege schulen. Einmal pro Woche fuhr Dusty ins Flüchtlingslager, jedes Mal stand ein anderer Arbeitsschritt an: Schneiden, Feilen, Lackieren. Nach 350 Schulstunden gab es eine Abschlussprüfung. Alle bestanden gemäss Hedren.

17'000 Nagelstudios mit 8 Milliarden Dollar Umsatz

Nach der Auflösung des Hope Village verteilten sich die Vietnamesinnen im ganzen Land, gaben ihr Handwerk an Lands­leute weiter und eröffneten Geschäft um Geschäft. Das Angebot war günstiger als in den bestehenden Salons. In den Achtzigerjahren stellten Vietnamesinnen eigenes Zubehör her und gründeten Schulen mit Kursen auf Vietnamesisch, etwa das Advanced Beauty College, das bis heute Zehntausende Maniküristinnen ausgebildet hat.

Vietnamesinnen verwandelten die Nagelbranche in ein gewaltiges Geschäft. 2014 lag der Umsatz der gut 17 000 Nagelstudios bei über acht Milliarden Dollar. Rund die Hälfte der «nail technicians» sind heute vietnamesischer Herkunft, in Kalifornien sind es gar 80 Prozent.

In den Neunzigerjahren kam der Trend nach Deutschland. Vietnamesinnen, die zuvor in die DDR eingewandert waren, wurden nach der Wende oftmals arbeitslos. Die Gründung eines Nagelstudios bot ihnen eine neue Perspektive. Viele Lokale, auch in der Schweiz, erinnern heute an ihren Ursprung: Hollywood Nails oder US Nails sind typische Namen. (mrs)

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