Schokoladenyoga, Mondgrüsse und Totenkopf-Tänze

Yoga rund um die Uhr und auf alle erdenkliche Arten – das gab es an diesem Wochenende in 21 Zürcher Studios. Ein Ausflug in die Welt der spirituellen Verrenkungen.

Geöffnet wie eine Lotosblüte: Yogalektion an «Rons 24 Hour Yoga Day» in Zürich.

Geöffnet wie eine Lotosblüte: Yogalektion an «Rons 24 Hour Yoga Day» in Zürich. Bild: Dominique Meienberg

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«Wir praktizieren heute Abend nicht den Sonnen-, sondern den Mondgruss», sagt Sandrine Grossenbacher entspannt im Lotussitz. «Er aktiviert die unteren beiden Chakras und hilft uns, zur Ruhe zu kommen.» Dann beginnt sie, sich zu verbiegen. Wiegt mal nach rechts, dann nach links, geht in die Hocke, reckt sich zur Decke – und die 20 Frauen im Raum tun es ihr, so gut es geht, gleich.

Grossenbachers «Moon Salutations & Chakra Meditaion» ist einer von 34 Kursen, die man am «Rons 24 Hour Yoga Day» in Zürich kostenlos besuchen konnte. Am Samstagmorgen, 27. Oktober, starteten die ersten Lektionen um 7 Uhr, die letzten endeten in der Nacht auf Sonntag.

Anschauen, ausprobieren, vergleichen

Es ist bereits das zweite Mal, dass Ron Orp, Herausgeber des gleichnamigen Stadt-Newsletters, den Yoga Day organisiert – und das gleichzeitig auch in Bern und Luzern. Es gehe darum, neue Yogastile zu zeigen oder spezielle Orte, an denen Yoga angeboten werde. «Die Leute sollen sich durch die Stadt bewegen und sich auf aussergewöhnliche Art begegnen können», teilt Ron Orp auf Anfrage mit.

Nicht weniger als 21 Zürcher Yogastudios nutzten diese Möglichkeit, um sich den zahlreichen Yogis und Yoginis der Stadt vorzustellen. Viele Kurslokale wurden erst vor kurzem eröffnet. Auch Grossenbachers Atelier Yogart in der Binz, in dem die Frauen nun zur Chakra-Meditation zusammensitzen, ging erst vor drei Wochen auf.

Gemeinsame Chakra-Meditation: Sandrine Grossenbacher machts vor. (Bild: Dominique Meienberger)

«Wir wenden uns jetzt dem Hals-Chakra zu. Sein Mantra ist Ham», erklärt sie. Es ist nach 20 Minuten stillsitzen das fünfte von sieben Chakras, denen die Teilnehmerinnen ihre volle Aufmerksamkeit zuwenden sollen. Keine leichte Aufgabe für Ungeübte. Aber darum geht es ja bei diesem Anlass: ums Ausprobieren, Vergleichen, Anschauen.

Exotische Auswahl

Das Programm des Yoga Day liest sich wie das Menü eines exotischen Restaurants, in dem man allerlei neue Speisen erkunden kann. Beispielsweise das Parayoga Nidra, das laut Kursbeschrieb «die Stufen Wachsein, Träumen, Tiefschlaf und Transzendenz vereinbart». Oder Ashtanga Yoga mit Fokus auf Atemübungen und das «Yoga für eine gesunde Sexualität». Anleitungen für ayurvedische Ernährung gehören ebenso dazu wie eine Beratung, welche ätherischen Öle und Essenzen Yogis und Yoginis bei den Übungen unterstützen können.

Sogar ein Dessert ist auf der Karte zu finden: Yoga and Chocolate. Schon beim Betreten des Studios Yoga in a Bag an der Hohlstrasse – geöffnet seit Mai dieses Jahres – steigt einem der Duft von heisser Schokolade in die Nase. Kursleiterin Miriam Ropschitz streckt jeder Teilnehmerin eine Tasse mit dem dunklen, dampfenden Getränk entgegen, in das sie nach Schamanenart noch etwas Kardamom, Ingwer und eine Prise Chili gemischt hat. «Kakao galt im alten Peru als Medizin für das Herz», sagt sie. «Die Wirkung der Schokolade unterstütze ich in meiner Lektion mit Übungen, die das Herz kräftigen.»

Ihre Übungen gingen allerdings nicht nur zu Herzen, sondern auch an die Substanz – und man merkte einigen Teilnehmerinnen an, dass sie schon seit den frühen Morgenstunden durch die verschiedenen Yogalektionen getingelt sind. Zufrieden sind am Ende trotz der Anstrengung alle. «My heart was touched», bedankt sich eine junge Frau bei Ropschitz.

Aufs Herz hören: Miriam Ropschitz gibt den Yoginis Anleitungen. (Bild: Dominique Meienberger)

Mitternächtlicher Tanz um den Totenschädel

Mit fortschreitender Stunde lichteten sich die Reihen in den Studios. Nur wenige hielten bis zum «Pagan Flow» um 23 Uhr durch. Dabei war diese Lektion im Studio Yoga Arun nahe der Seilbahn Rigiblick, bei der «keltische Mystik auf Yoga und Tanz trifft», wohl die spektakulärste – und eine der wenigen, die auch von Männern besucht wurde. Wild im Kreis tanzend, wurde da kurz vor Mitternacht alter Ballast abgeworfen, um Platz für Neues zu schaffen – ganz im Sinne des nahen Halloween-Fests, wie Kursleiter Arun Marco Bertozzi erklärt.

Mit anderen gemeinsam um einen Altar samt bemaltem Totenkopf zu tanzen, mag nicht jedermanns Sache sein. Aber es ist definitiv eine Erfahrung, die man nicht so rasch vergisst. Und am Ende von «Rons 24 Hour Yoga Day» hat man zumindest eine Ahnung davon, was einem liegt und worauf man künftig getrost verzichten kann.

Ob es im nächsten Jahr wieder eine Gelegenheit geben wird, gratis Yogastudios zu testen, hängt vom Feedback der Teilnehmenden ab. Bei Ron Orp ist man jedenfalls zuversichtlich: «Wir haben schon am Freitagmorgen über 1600 Anmeldungen für die verschiedenen Events erhalten. Daher gehen wir davon aus, dass es 2019 eine Fortsetzung geben wird.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2018, 16:33 Uhr

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