Schon vor der Geburt privat versichert

Im Kinderspital werden immer mehr privat versicherte Kinder behandelt. Eltern leisten sich den Luxus nicht wegen besserer Leistungen. Sie fürchten, dass ihre Kinder später nicht mehr aufgenommen werden.

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Die Zahl der privat versicherten jungen Patienten nimmt seit einigen Jahren stetig zu – obwohl die Kinderabteilungen der meisten Spitäler gar nicht auf sie ausgerichtet sind. Im Kinderspital Zürich belief sich ihr Anteil 2013 auf 13 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es noch 11 Prozent gewesen. Gemäss Urs Rüegg, Assistent der Spitaldirektion, verzeichnete das Kispi bereits in den vorangegangenen Jahren eine stetige Zunahme in dieser Grössenordnung.

Über die Gründe kann Rüegg nur spekulieren: «Eltern sind heute tendenziell älter, wenn sie Kinder bekommen, und somit finanziell auch bessergestellt.» Andererseits ist für Kinder, die von ­Anfang an privat versichert sind, später keine Gesundheitsprüfung mehr nötig, um in den Genuss der besseren Leistungen zu kommen. Bei jenen Krankenkassen, die eine ­Privatversicherung ­sogar vorgeburtlich anbieten, entfällt die Gesundheitsprüfung ganz.

Für Stefanie Koller, die in Wirklichkeit anders heisst und anonym bleiben möchte, war das der Grund, weshalb sie ihre inzwischen sechsjährige Tochter und ihren dreijährigen Sohn halbprivat versicherte. «Ich möchte, dass meine Kinder mit 25, wenn sie selber für ihre Versicherung aufkommen, die Wahl ­haben.» Allgemein versicherte Kinder mit einer Knieverletzung, Rücken­problemen oder einem Nervenleiden haben nämlich kaum mehr Chancen, von einer Versicherung als Privatpatient aufgenommen zu werden.

Wegen Massagen abgelehnt

Koller weiss, wovon sie spricht. Sie ­arbeitet bei einem unabhängigen Versicherungsberater und erlebt immer ­wieder, wie die Anträge von jungen ­Erwachsenen abgelehnt werden. Der Grund kann eine in der Pubertät erfolgreich behandelte Essstörung sein, oder dass sie wegen Rückenschmerzen vorübergehend Massagen in Anspruch nahmen. «Dieser Zug ist für sie dann einfach abgefahren.»

Als Beraterin macht Koller die Erfahrung, dass besonders Eltern, die selber privat oder halbprivat versichert sind, ihre Kinder ebenfalls so versichern, um der ganzen Familie den gleichen Schutz zu gewähren. So auch Christine Klink (35). Sie ist vor acht Jahren mit ihrem Mann in die Schweiz gezogen und hat sich hier gleich privat versichert. Das Gleiche tat sie für ihren vor 17 Monaten geborenen Sohn. «Weil ich im Ernstfall die bestmögliche medizinische Versorgung für ihn sicherstellen will.» Klink war bereits als Kind besser versichert als ihre Eltern und Grosseltern und hat als Jugendliche im Spital die Behandlung im Einzelzimmer geschätzt. Zum frühstmöglichen Termin, bereits zwei Wochen nach der Geburt ihres Sohnes, hat sie ihn privat angemeldet. «Je früher der Eintritt, desto besser für seine Prämie.»

Die Kasse der Familie Klink, die Swica, ist keine Billigkasse. «Wir haben viele privat und halbprivat versicherte Kunden», sagt Unternehmenssprecherin Silvia Schnidrig. Auch sie macht bei den zusatzversicherten Kindern in den vergangenen drei Jahren ein zweistelliges Wachstum aus. Das habe damit zu tun, dass die Prämien für Kinder sehr viel günstiger seien als für Erwachsene.

Schlechte Erfahrungen gemacht

Auch den Trend zu ausgedehnten Reisen mit Kindern vermutet Schnidrig als Grund. Sie erinnert an den Fall eines ­Solothurners, der über Silvester in Bulgarien seine Mutter besuchte, in eine Schlägerei geriet, mit schweren Kopf­verletzungen ins Spital eingeliefert wurde und sich über die unhygienischen Zustände beklagte. Die Swica hielt eine teure Rückführung in die Schweiz aus medizinischer Sicht nicht für nötig. «Da kann es dann schon sein, dass man als Allgemeinversicherter unter Bedingungen im Spital liegt, die dem Schweizer Standard nicht entsprechen.» Dass bei der Swica die vorgeburtliche Anmeldung von Kindern nicht mehr möglich ist, begründet sie mit negativen Erfahrungen. So hätten jene Kunden, die ­gesunde Kinder zur Welt brachten, die Zusatzversicherung nach einem Jahr wieder gekündigt. Die Swica blieb auf den teuren Fällen sitzen, während die Einnahmen wegfielen.

Bei der Helsana fiel die Zunahme privat und halbprivat versicherter Kinder in den letzten fünf Jahren noch deutlicher aus. Besonders ausgeprägt ist sie gemäss Mediensprecher Stefan Heini bei den Sechs- bis Zehnjährigen. In dieser Altersgruppe haben sie sich verdreifacht. Bei den unter fünfjährigen Kindern sind es rund 2,5-mal mehr. Bei der Sanitas hingegen verharrte der Anteil der halbprivat und privat versicherten Kinder in den vergangenen Jahren auf stabilem Niveau. Generell gebe es jedoch gute Gründe, seine Kinder auch halbprivat und privat versichern zu ­lassen, sagt Sanitas-Sprecherin Isabelle Vautravers. Allen voran der altbekannte: Bei der vorgeburtlichen Anmeldung, wie sie bei der Sanitas möglich ist, ­entfällt die Gesundheitsprüfung. «So können Eltern für ihre Kinder eine entsprechend höhere Versicherungs­deckung ­sicherstellen, auch wenn nach der Geburt gesundheitliche Probleme auftreten sollten.»

Dass sie dies versäumt hat, bereut eine Mutter, die anonym bleiben möchte, heute sehr: Als ein Assistenzarzt am Kispi den Hodenhochstand ihres 18 Monate alten Sohnes operierte, ­ärgerte sie das – trotz erfolgreichem Resultat. Sie wünschte sich eine bessere Behandlung und wollte den Sohn privat versichern. Wegen seines Herzfehlers lehnte die Versicherung jedoch ab.

Die bestmögliche Behandlung

Vor einem halben Jahr wurde das Kind am Herzen operiert, ebenfalls erfolgreich. Diesmal war es der Chefarzt persönlich, der das Skalpell führte. Und der kleine Patient bekam ein Einzelzimmer – trotz allgemeiner Versicherung. «Wenn es darauf ankommt, erhält man offenbar trotzdem die bestmögliche Behandlung», freut sich die Mutter.

Tatsächlich unterscheidet sich die Infrastruktur für zusatzversicherte Personen am Zürcher Kinderspital nicht gross von jener für Allgemeinversicherte. Halbprivat oder privat versicherte Kinder haben aber wenn immer möglich Anspruch auf die Behandlung durch einen Chefarzt oder Oberarzt. Den ­Eltern Privatversicherter steht ein Gratis­parkplatz sowie Gratisverpflegung zu. Von der Lounge, dem Internetzugang und einem Verpflegungsgutschein im Wert von 100 Franken profitieren auch Halbprivatversicherte. «Weil wir aber im Vergleich zu Erwachsenenspitälern wenige Zusatzversicherte haben, stärkt das unsere Rentabilität nur marginal», sagt Direktionsassistent Rüegg.

Viererzimmer schlecht füllbar

Die Zunahme privat versicherter Kinder stellt das Kinderspital noch nicht vor grosse organisatorische Probleme. «Wir zirkeln am alten Standort, so gut es geht», sagt Rüegg. Im Neubau von Herzog & De Meuron in der Lengg, der voraussichtlich 2020 bezogen werden kann, sind nur noch Zweierzimmer vorgesehen, die aber auch einzeln belegt werden können.

Denn Viererzimmer seien im Kispi speziell schlecht zu füllen, wo man ­neben der Geschlechtertrennung auch aufs Alter schauen muss. «Weil man eine Dreijährige und einen 17-Jährigen nicht aufs gleiche Zimmer verlegen kann, ist es schwierig, ein Viererzimmer immer voll zu belegen.»

Erstellt: 12.01.2015, 23:08 Uhr

Privatversicherung fürs Kind

Mit 50 Franken pro Monat ist man dabei

Die Spital-Zusatzversicherung für die private Abteilung kostet für Kinder unter zehn Jahren in der Regel zwischen einem Drittel und der Hälfte der Prämie eines Erwachsenen. Bei der Krankenkasse Swica kostet die Privatversicherung für ein fünfjähriges Kind in der Stadt Zürich 54.80 Franken. Bei der günstigeren KPT sind es 41 Franken.

Sein Kind schon vor der Geburt halb privat oder privat zu versichern, ist bei den meisten Krankenkassen gar nicht möglich. Sie nehmen Kinder erst nach der Geburt auf, und auch dann nur, wenn sie gesund sind. Oder wie die Sanitas nur, wenn die Eltern bereits eine Zeit lang bei der Kasse versichert sind.

Eine Privatversicherung fürs Kind ist gemäss dem Konsumentenmagazin «K-Tipp» nicht nötig. Einer- oder Zweierzimmer gebe es nur auf wenigen Kinderabteilungen, und der Chefarzt werde ohnehin beigezogen, wenn das medizinische Problem gravierend sei. Laut den Krankenkassen spricht für eine Privatversicherung, dass erkrankte oder verunfallte Kinder im Erwachsenenalter praktisch keine Möglichkeit haben, eine Deckung für die halb private oder private Abteilung abzuschliessen, und dass die Versicherung die freie Arztwahl garantiert. Viele Kassen versuchen, den Eltern bei der Geburt auch kleinere Zusatzversicherungen zu verkaufen. Zum Beispiel für Alternativmedizin oder besondere Leistungen wie die Korrektur von abstehenden Ohren. Solche Pakete sind gemäss «K-Tipp» nicht zwingend nötig. Auf keinen Fall sollten Kunden allerdings bei der Versicherung sparen, aus der später die Zahnspangen bei Fehlstellungen der Zähne bezahlt werden.

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