Hintergrund

Schüler verzichten auf Velohelm

Nur jeder fünfte Achtklässler schützt seinen Kopf beim Velofahren immer. Schlechtes Vorbild ist ausgerechnet die Zürcher Stadtpräsidentin.

Korrekter Sitz des Helms ist wichtig: Kind bei der Veloprüfung in der Stadt Zürich.

Korrekter Sitz des Helms ist wichtig: Kind bei der Veloprüfung in der Stadt Zürich. Bild: Steffen Schmidt/Keystone

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Unter Wintersportlern hat sich der Helm durchgesetzt. Wer heutzutage ohne auf die Piste geht, gilt als Exot. Ganz anders sieht es im Strassenverkehr aus. Hier sind Helmträger in der Minderheit. Die Zahlen dafür liefert auch ein neuer Bericht der Schulgesundheitsdienste der Stadt Zürich. 1844 Schülerinnen und Schüler wurden dafür unter anderem zum Thema «Schutz des eigenen Körpers» befragt. Beim Stichwort Velofahren gaben lediglich 19 Prozent der im Schnitt 14-jährigen Jugendlichen an, immer oder fast immer einen Velohelm zu tragen. Die Hälfte schützt ihren Kopf gar nie. Beim Tragen eines Velohelms spielten sowohl geschlechtsspezifische Unterschiede als auch der Schultyp eine signifikante Rolle, heisst es im Bericht. So sind mehr Knaben (53 Prozent) als Mädchen ohne Helm unterwegs, und knapp zwei Drittel aller Helmlosen stammen aus der Sek B.

Keine Kampagne geplant

In den vergangenen Jahren lancierten Pro Velo und der VCS zahlreiche Kampagnen zur Verbesserung der Velohelmdisziplin. Mitgemacht hat auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) in Bern. Deren Sprecher Daniel Menna sagt: «Die Velohelmtragequote hat sich markant gesteigert.» Trug 1998 nur jeder dritte unter 14-jährige Velofahrer einen Helm, waren es im Jahr 2009 bereits 70 Prozent. Seither verharrt der Wert auf diesem Niveau. «Wer eine längere Velotour in Velokluft macht, wird in der Regel einen Helm tragen», sagt Menna. Wer hingegen nur rasch im Quartier Gipfeli kaufen gehe, verzichte häufig darauf. «Beim Velofahren im Alltag trägt man, anders als beim Schneesport, keine Ausrüstung», so Menna, «leider ist es aber so, dass es im Falle eines Sturzes und eines Kopfaufpralls nicht relevant ist, ob man eine 60-Kilometer-Tour macht oder nur gerade 600 Meter zurücklegen wollte.» An den Schulen sind primär Verkehrsinstruktoren der Polizei für die Unfallprävention zuständig. Eine Kampagne für den Velohelm plant die BfU in naher Zukunft nicht.

Jugendliche sind zukunftsorientiert

Dass so viele Schüler auf den Helm verzichten, überrascht den kantonalen Jugendbeauftragten Ivica Petrusic. Diverse Studien und auch seine eigenen Erfahrungen zeichneten ein anderes Bild von der Jugend. So sei diese viel vernünftiger als vorangegangene Generationen, lerne früh den Umgang mit Geld, sei aufgeklärt und sensibel für fair hergestellte Produkte und plane penibel die eigene Zukunft. «Die Jugend ist fast ein bisschen langweilig», sagt Petrusic. Es sei gut möglich, dass pubertierende Schüler auf einen Helm verzichteten, um die Frisur nicht zu ruinieren. Ebenfalls schliesst Petrusic nicht aus, dass es sich beim Verzicht um eine kleine Rebellion handelt, um Auflehnung und Abgrenzung. Wichtige Erfahrungen in der Entwicklung eines Menschen also. Er begrüsse es überhaupt nicht, dass Jugendliche ohne Helm unterwegs seien, sagt Petrusic. «Ich bin aber beruhigt, dass es noch ein paar Freche gibt.»

Prominente Helmverächterin

Eine (erwachsene) prominente Zürcher Helmverächterin ist Stadtpräsidentin Corine Mauch. Die Sozialdemokratin sagt: «Beim Velofahren möchte ich den Kopf durchlüften, die Freiheit geniessen.» BfU-Sprecher Daniel Menna bedauert das, zumal die Stadtpräsidentin eine gewisse Autorität darstelle. Wer in der Öffentlichkeit stehe, könne mit solchen Aussagen das Verhalten anderer beeinflussen. «Insbesondere können Menschen, die in Sachen Helmtragen noch unsicher sind, in ihren Zweifeln bestärkt werden.» Frau Mauch stehe es selbstverständlich frei, sich eigenverantwortlich für oder gegen das Tragen eines Velohelms zu entscheiden, so Menna. Gerade in der Stadt Zürich mit ihrem dichten Zusammenspiel von motorisiertem Privatverkehr und Velos sowie den engen räumlichen Verhältnissen sei das Tragen eines Helms aus BfU-Sicht aber besonders angebracht.

Erstellt: 27.01.2014, 11:02 Uhr

«Beim Velofahren möchte ich den Kopf durchlüften, die Freiheit geniessen»: Auch Corine Mauch pedalt ohne Helm. (Bild: Keystone Steffen Schmidt)

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