Schule ohne Haus

Die grösste jüdisch-orthodoxe Tagesschule in Zürich muss einem Neubau weichen. 500 Mädchen drohen auf der Strasse zu stehen.

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Alles war angerichtet für das grosse Fest. Im Februar lud der Jüdische Schulverein Zürich (JSZ) zum traditionellen Gala­dinner ins Kongresshaus. Koscheres Buffet, musikalisches Rahmenprogramm, mitreissende Gastredner. Doch etwas drückte die Stimmung: die Zukunft der über 500 Schülerinnen der orthodoxen Gemeinde. Die Gemeinschaft entschied sich zu beten. Für ein neues Schulhaus, für die Mädchen, dass sie nicht auf der Strasse landen mögen.

Noch führt der Weg zur jüdischen Tagesschule in den Kreis 4 an den Stauffacherquai. Von Montag bis Freitag sowie sonntags – fürs zusätzliche Bibelstudium. Der Samstag, Sabbat, ist für jegliche Lernaktivität tabu. So verlangt es der «Geist des thoratreuen Judentums», nach dem sich die Schule richtet.

Gang durch Sicherheitsschleuse

In blauer Uniform brausen die Mädchen auf Kickboards heran. Der Rock mindestens knielang, die Stehkragen der Hemden bis zum Hals zugeknöpft. Ansonsten keine merklichen Unterschiede zu den Kindern in öffentlichen Schulen. Mit pinken Hello-Kitty-Rucksäcken passieren sie die Sicherheitsschleuse. Am bewaffneten Security vorbei, an den Kameras, die das Sekretariat mit Überwachungsbildern versorgen. Die Stimmung ist fröhlich, fast ausgelassen. Als die Mädchen den fremden Schulbesuch erblicken, halten sie inne. Grosse Augen, kurzes Staunen, ein freundliches «Grüezi» und gleich danach wieder Gelächter. Es wird klar: Visiten von Nichtjuden – Goi auf Jiddisch – kommen in der Mädchenschule selten vor.

«Es ist wichtig, dass diese traditionsreiche jüdische Schule in Zürich eine Zukunft hat.»Ralph Kreuzer, Sprecher Schuldepartement

An der Wand ein Begrüssungsplakat: «Home Sweet Home». Das Motto gilt hier an der Schöntalstrasse. Aber nur noch bis Sommer 2018. Dann brauchen die Schülerinnen eine neue Heimat. Wo sie sein wird, ist ungewiss. «Die Zeit drängt», sagt eine Auskunftsperson der Schule, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. «Wir versuchen, alle verfügbaren Mittel auszuschöpfen, damit unsere 500 Mädchen «nicht auf der Strasse stehen. Dabei hoffen wir auch auf göttlichen Beistand.»

Das jetzige Schulhaus ist aus Sicht der Schulbetreiber optimal. Kindergarten, Primarschule und Oberstufe befinden sich unter einem Dach. Es hat Platz für eine Kantine, Aufenthaltsräume, Bibliotheken und einen Pausenhof. Der Schulweg ist für die meisten Schülerinnen kurz: Enge und Wiedikon, der Lebensmittelpunkt der rund 6000 Juden in Zürich, liegen in der Nachbarschaft.

Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) verfolgen als Liegenschaftsbesitzerin andere Pläne: Die jüdische Schule soll einem Neubau weichen. Ab 2018 entstehen hier 70 Wohnungen «im quartierüblichen Preissegment», sagt EKZ-Sprecher Noël Graber. Die jüdische Schule war, seit sie 2010 ins Gebäude zog, als Zwischennutzung geplant. «Eine Verlängerung ist nicht vorgesehen.»

Mit Hochdruck auf der Suche

Stattdessen erweitern die EKZ ihr Portfolio mit Wohnungen an bester Lage. 8,5 Millionen Franken erwirtschaftete das Energieversorgungsunternehmen im letzten Geschäftsjahr mit Liegenschaften. Mit dem Neubau dürfte diese Zahl steigen. «Das Vorprojekt ist bereits ausgearbeitet», sagt Graber. Im nächsten Januar erfolge die Baueingabe.

Die Schulleitung sucht seit zwei Jahren nach einer Unterkunft. Anfangs zögerlich, mittlerweile unter Hochdruck und in enger Absprache mit dem Rabbinat. Dutzende Objekte seien erfolglos geprüft worden. Entweder waren sie für den Schulbetrieb ungeeignet oder die jeweilige Liegenschaftsverwaltung erteilte eine Absage. Die Angelegenheit beschäftigt mittlerweile auch das Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich. «Sollte sich keine Lösung finden, stehen viele Familien vor einem schwerwiegenden Problem», sagt Sprecher Ralph Kreuzer. Die städtischen und kantonalen Immobilienportfolios wurden gemäss Stadt durchforstet – erfolglos. Zudem wurde versucht, mit den EKZ eine gemeinsame Lösung für einen Verbleib der Schule am aktuellen Ort zu finden – vergeblich.

Vergangene Woche wurde eine Notfallsitzung anberaumt: Stadtrat Gerold Lauber (CVP) und Vertreter der städtischen Immobilienverwaltung trafen sich mit der jüdischen Delegation zur Aussprache. Verschiedene Szenarien wurden eruiert. Die wahrscheinlichste Lösung: ein Umzug in provisorische Schulcontainer. Ein freies Grundstück wurde jedoch noch nicht gefunden. «Auch für eine solche Lösung ist der Zeitrahmen knapp», sagt Kreuzer. Ende Monat findet die nächste Sitzung statt. Eine Aufteilung auf zwei oder drei Standorte wird in Betracht gezogen. Dies, weil sich in der Umgebung kaum eine genügend grosse Liegenschaft finden lässt. Die Massnahme wäre aber kostspielig: Das aufwendige Sicherheitskonzept müsste für jeden Standort umgesetzt und bezahlt werden.

Eingliederung unrealistisch

Eine weitere Idee, die besprochen wurde: die Eingliederung der Mädchen in die öffentliche Schule. Gemäss Stadt und Schulleitung eine unwahrscheinliche Lösung. Nur schon aus Kapazitätsgründen. «Die Schülerzahl der Volksschule wächst generell sehr stark», sagt Kreuzer. Kämen nun auf einen Schlag 500 Mädchen dazu, sei dies «sicherlich eine Herausforderung für das Schulsystem». Selbst wenn die Eingliederung gelingen sollte: Die kulturellen und religiösen Unterschiede bleiben Realität.

«Sollte sich keine Lösung finden, stehen viele Familien vor einem schwerwiegenden Problem»Ralph Kreuzer, Sprecher Schuldepartement

Das zeigt ein Blick auf den Stundenplan: Die 34 Lektionen der 1. Primarklasse unterteilen sich etwa zur Hälfte in «koidesche» und «profane» Fächer. Die profanen sind von der Zürcher Bildungsdirektion vorgegeben und werden regelmässig kontrolliert. Dazu gehören etwa Mathematik, Deutsch, Mensch und Umwelt oder Zeichnen. Die restliche Zeit werden die Kinder in jüdischer Tradition geschult: Bibelkunde, Theoriekurse über die Gesetze der Festtage oder das koschere Essen.

Damit soll das Gleichgewicht zwischen jüdisch-religiöser und weltlicher Bildung gewährleistet sein – für orthodoxe Familien ein unverzichtbarer Bestandteil der Erziehung. Sie bezahlen dafür monatlich ein Schulgeld von 700 Franken. Zumindest jene, die dazu imstande sind: Viele können es sich gemäss der Aussage eines ehemaligen Lehrers nicht leisten. In der Gemeinde hilft man sich aus. Mit Stipendien oder Gönnerbeiträgen. Günstiger wär ein Gang in die öffentliche Schule. Doch dann fielen die religiösen Fächer weg. Der Lehrer ist überzeugt: «Einige Familien würden die Stadt verlassen.» Das Schuldepartement möchte das verhindern. «Die Familien dieser Schulkinder leben in unserer Stadt», sagt Kreuzer. Zürich erachte es als «wichtig, dass diese traditionsreiche jüdische Schule eine Zukunft hat».

Die Pausenglocke schrillt. Eine Schülerin aus der dritten Klasse greift zu einem Buch aus der Bibliothek: «Emil und die Detektive». Handys sind keine zu sehen. Auf dem Areal herrscht ein Geräteverbot. Das schöne Wetter verlangt nach anderer Aktivität: Die meisten Kinder strömen auf den Pausenplatz im Innenhof, drehen Runden mit ihrem Kickboard oder spielen Pingpong. Über all dem wachen ernste Gesichter ehemaliger Lehrer und Rabbiner. Eine Gedenktafel erinnert in hebräischer Schrift und mit künstlichen Kerzen an den «unvergesslichen» Lehrer und Erzieher Refoel Moische Kolman: «Generationen von Schülerinnen wurden durch sein Vorbild und seinen Unterricht im Studium der Thora und von Gottes Ehrfurcht geprägt.» Das erinnert an eine Zeit, als die Zukunft der Schule noch sicher war.

Erstellt: 15.06.2017, 20:56 Uhr

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