Schulhäuser sind die heimlichen Paläste Zürichs

Von 116 Schulanlagen, die zwischen 1846 und 1994 gebaut wurden, sind zwei Drittel im Inventar der Denkmalpflege. Eine neue Broschüre stellt sie vor.

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Seinen Adel hat Zürich mit der Zunftrevolution 1336 frühzeitig vergrault. Darum fehlen hier die prunkvollen Residenzen alter Geschlechter. Der spätere Geldadel baute seine Villen zumeist in protestantischer Frigidität. Aber den Drang, sich in grossartigen Werken zu verwirklichen, verspürt auch eine republikanische Stadt. Wo soll sie ihn ausleben? Alle grossen Kirchen hat sie von früheren Generationen geerbt. Kasernen genügen zwei, eine für die Armee und eine für die Polizei. Etwas aber braucht eine aufstrebende Stadt in steigender Zahl: Schulhäuser. Bildung und Arbeitsfleiss – das adelt den reformierten Menschen.

Ältestes Schulhaus im Seefeld

So hat Zürich seit dem 19. Jahrhundert seinen gestalterischen Ehrgeiz in Schulbauten ausgelebt. Sie sind die heimlichen Schlösser und Paläste dieser Stadt geworden. Zwei Drittel der rund 120 Schulhäuser der Stadt Zürich sind im Inventar der kunst- und kulturhistorischen Schutzobjekte verzeichnet. Kürzlich hat das Amt für Städtebau eine Broschüre veröffentlicht, die alle 78 denkmalwürdigen und weitere 38 nicht geschützte Bauten der Volksschule vorstellt.

Das älteste noch im Dienst der Volksschule stehende Gebäude ist das Schulhaus Seefeld (Bauzeit 1846–53). Nachdem die Zürcher Kantonsverfassung die allgemeine Volksschulpflicht eingeführt hatte, schrieb der Regierungsrat 1835 in einer «Anleitung über die Erbauung von Schulhäusern» genau vor, wie die Schulhäuser auszusehen hatten: klassizistischer Stil, symmetrische Fassaden, leicht vorspringender Mittelteil und darüber ein Dreiecksgiebel. Die damalige Gemeinde Riesbach hat sich brav daran gehalten.

Die jüngsten Schulhäuser – Leutschenbach (2009) und Im Birch (2005) – sind noch nicht ins Verzeichnis aufgenommen. Das neuste, was die Broschüre zu bieten hat, ist das Schulhaus Rütihof aus dem Jahr 1995. Auch das grösste Schulhaus ist nicht verzeichnet – die Schulanlage Im Birch (Neu-Oerlikon) soll 700 Schülerinnen und Schüler aufnehmen. Grossbauten aus dem Denkmalschutzinventar sind die Schulhäuser Milchbuck (1929) in Unterstrass, Ämtler (1908) in Wiedikon oder Liguster (1924) in Oerlikon.

Um den Ruhm der kleinsten Anlage streiten sich zwei idyllisch gelegene Bergschulen: Das Heubeeribühl (1954) in der Nähe des Zoos hat trotz einer Erweiterung aus dem Jahr 1968 nur drei Klassenzimmer und einen Kindergarten und das Schulhaus Auf der Egg (1945) in Wollishofen nicht mehr als vier Klassenzimmer.

Welches aber ist das schönste Schulhaus? Wem die kühle Eleganz des Neuen Bauens das Herz erwärmt, kommt beim Anblick des Seebacher Schulhauses Buhnrain (1933, Architekt Roland Rohn) ins Schwärmen. Wildromantische Gemüter dagegen erleben im englischen Backsteinschloss Hirschengraben (1895, Alexander Koch) ihren Höhepunkt, wenn sie die Aula betreten und die Schnitzwerk-Orgie im Dachgebälk sehen: eine bunte Völker- und Tierschau aus der Zeit der ersten Globalisierung.

Männerwelt mit Ausnahme

Das Schwamendinger Schulhaus Stettbach (1967, Esther und Rudolf Guyer) ist ein besonders kraftvoller Zeuge des Brutalismus. Das ist kein Erziehungs-, sondern ein Architekturstil, der Sichtbeton («béton brut») und unverputzte Backsteinmauern bevorzugt. Gerade bei diesem sehr «männlichen» Bau war ausnahmsweise auch eine Architektin – Esther Guyer – mitbeteiligt.

Weil die Broschüre des Amts für Städtebau in edler Gendergerechtigkeit immer von «ArchitektIn» schreibt, fällt erst richtig auf, wie frauenfeindlich diese Berufsgattung – und vielleicht auch die Auftraggeber der Stadt Zürich – lange Zeit waren: Unter den 116 Schulbauten stammt ein einziger von einer Frau. Es ist das Kleinschulhaus Auzelg (1973) in Schwamendingen, das nicht ins Denkmalschutz-Inventar aufgenommen wurde. Der Entwurf dazu stammt von der Architektin Trudy Frisch-von Meyenburg, der ersten Frau von Max Frisch, die ihn in seinem Studium und bei seinem Berufsstart als Architekt entscheidend unterstützt und gefördert hatte.

Schulhäuser der Stadt Zürich, Spezialinventar, 276 Seiten, 35 Franken; zu beziehen beim Amt für Städtebau (Tel. 044 412 29 62; E-Mail: myrta.rueedi@zuerich.ch).

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2009, 22:10 Uhr

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