Schwarz, stark und selbstbewusst

Chinwe Ifejika Speranza aus Nigeria und Carine Kapinga Mpongo aus dem Kongo haben sich beide in Zürich gut integriert. Rassismus haben sie bisher kaum erlebt.

Die beiden Afrikanerinnen Chinwe Ifejika Speranza (links) und Carine Kapinga Mpongo.

Die beiden Afrikanerinnen Chinwe Ifejika Speranza (links) und Carine Kapinga Mpongo. Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schwarze Frauen sind heute im Stadtbild selbstverständlich geworden. «Doch als Akteurinnen unserer Gesellschaft werden sie kaum wahrgenommen», schreibt Stadtpräsidentin Corine Mauch im Vorwort zum soeben erschienenen Buch «Terra incognita? Treffpunkt Schwarzer Frauen in Zürich». Nach wie vor werden afrikanische Frauen fast automatisch mit dem Rotlichtmilieu oder mit Putzen in Zusammenhang gebracht. Warum ist das so? Wie steht es um die Integration afrikanischer Frauen? Welche Erfahrungen ­machen diese Frauen im Beruf? Und mit Alltagsrassismus?

Chinwe Ifejika Speranza lebt seit 1991 in Zürich. Ihren Schweizer Mann hat sie in Nigeria kennengelernt. Schon vor ihrer Reise in die Schweiz sprach sie ein wenig Deutsch. Doch hauptsächlich unterhielt sie sich in Ibo und Englisch.

Ifejika Speranza hatte in der Schweiz anfänglich wenig Probleme. Der Freundeskreis ihres Mannes war gross und weltoffen, von der Familie ihres Mannes fühlte sie sich akzeptiert. Was ihr hingegen Mühe bereitete, war die Sprache und das Bildungswesen. Zwar wurde ihr das nigerianische Bachelorstudium in Zürich angerechnet. Doch bei den Nebenfächern musste sie nochmals von vorne beginnen. Inzwischen hat sie zwei Söhne im Alter von 13 und 15 Jahren. Als Mutter lancierte sie auch ihre akademische Karriere. Seit einigen Monaten ist sie Professorin für Geografie an der Universität Bonn. Sie pendelt zwischen Zürich und der deutschen Stadt.

Heimweh nach der Grossfamilie

Carine Kapinga Mpongo stammt aus dem Kongo und ist Schauspielerin und Tänzerin. Seit vier Jahren ist ihr Lebensmittelpunkt im Kreis 4. Dort arbeitet sie, dort lebt sie. Ihren Ehemann, ebenfalls Schweizer, hatte sie an einem Theaterfestival in Marokko kennen gelernt. In der Schweiz sei sie sehr herzlich aufgenommen worden, sagt sie heute. «Trotzdem plagt mich hin und wieder das Heimweh nach meiner Familie und meinem Land.» Die Schauspielerin hat zwei Kinder im Alter von acht Monaten und drei Jahren. Sie ist weiterhin berufstätig.

Mehrmals ist sie im Maxim-Theater aufgetreten, einem interkulturellen Theater mit einer professionellen Truppe aus allen Teilen der Welt. Unter der Regie von Jasmine Hoch stand sie letztes Jahr im Stück «Kisskill» auf der Bühne, das von der Unterdrückung der Frauen handelt. Mit «Schweizerpass – Superstar» gelang dem Theater ein Publikumserfolg. Trotzdem absolvierte Carine Kapinga eine Ausbildung als Pflegerin. Und steht nun vor der Entscheidung, ob sie sich zur Pflegefachfrau ausbilden lassen oder Theaterpädagogik studieren will.

Keine Exotinnen mehr

Die Lebensläufe von Speranza und Kapinga zeigen, wie stark sich die Bedürfnisse von schwarzen Frauen mit afrikanischen Wurzeln in Zürich verändert haben. Sie sind keine Exotinnen mehr, die in der Isolation leben, wie das vor 30 Jahren noch oft der Fall war. Ifejika Speranza hat auch in Zürich den Kontakt zu Afrika nicht verloren. Kontakte knüpfte sie in der anglikanischen Kirche, dann engagierte sie sich politisch und sozial im Afro-Karibischen Zentrum der Afro Association und später ab und zu im Treffpunkt für schwarze Frauen.

Sie fühlte sich nie isoliert, vermisste aber wie Kapinga am Anfang ihre Grossfamilie. Sie telefonierte, was früher sehr teuer war, und schrieb vor allem Briefe. Dank moderner Technik ist das für Kapinga heute ein Kinderspiel. Sie skypt und mailt mit ihrer Familie. Und im Kreis 4 hat sie sich unter den Menschen und all den vielen multikulturellen Läden sofort heimisch gefühlt. «Es gibt sogar einen kongolesischen Laden.»

Etwas lässt sich aber auch heute weder skypen noch mailen: die Sprache. In Nigeria gibt es nebst dem offiziellen Englisch noch rund 150 andere Sprachen, im Kongo nebst dem offiziellen Französisch ebenfalls noch jede Menge Dialekte. In Zürich jedoch kommt man ohne Deutsch auf keinen grünen Zweig. Als Ifejika Speranza einen Job suchte, bekam sie zu hören: «Kommen Sie wieder, wenn Sie richtig Deutsch sprechen.»

Ohne Deutschkenntnisse gibt es auch im Alltag viele Missverständnisse. Ifejika Speranza wunderte sich anfänglich, dass sie von so vielen Männern gegrüsst wurde. Dann klärte sie ihr Mann auf, dass sie in einem Rotlichtbezirk wohnen und die männliche Aufmerksamkeit andere Gründe haben könnte als nur Freundlichkeit.

In beiden Ländern zu Hause

Ifejika Speranza ist inzwischen Doppel­bürgerin. Wenn sie in Kloten ankommt und im Untergrundbähnchen Alphorn und Kuhglockengebimmel hört, fühlt sie sich als Schweizerin. Wenn sie dagegen in Lagos das Flugzeug verlässt und ihr die wohlbekannte Hitze entgegenschlägt, ist sie ganz Nigerianerin. «Ich fühle mich beiden Ländern verbunden», sagt sie. Politisch nimmt sie vor allem am Leben in Zürich teil. Sie liest Zeitung, beobachtet, wie sich die Stadt verändert, und stimmt über die Vorlagen ab.

Davon ist Carine Kapinga noch weit entfernt. «Die Sprache ist für mich nach wie vor eine Barriere. Solange ich nicht perfekt Hochdeutsch und Dialekt spreche, spüre ich noch keinen Boden unter den Füssen.»

Ifejika Speranza hat es ganz nach oben geschafft. Als Professorin und Wissenschaftlerin geniesst sie Prestige und Ansehen. Carine Kapinga hingegen steht erst am Anfang einer möglichen Karriere. Wie sehr leiden die beiden unter Rassismus? Erstaunlich wenig.

Carine Kapingas einziges Erlebnis geht auf ihre Ausbildung als Pflegerin zurück. Eine Frau lehnte es ab, sich von einer Afrikanerin pflegen zu lassen. Und Ifejika Speranza sagt diplomatisch: «Die Erlebnisse, die ich am Anfang hatte, habe ich mit der Zeit vergessen.» Sie hätte zwar beinahe einmal eine Stelle nicht erhalten, doch das hatte nichts mit ihrer Hautfarbe zu tun, sondern sie hatte im Dialekt Dienstag mit Donnerstag verwechselt. Sie ist überzeugt, dass das Bild von schwarzen Frauen heute vielschichtiger ist, weil sie in fast allen Berufs­gattungen vertreten sind.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.01.2014, 21:27 Uhr

Pioniertat in Zürich
Treffpunkt Schwarzer Frauen

Vor 20 Jahren gründete Zeedah Meierhofer-Mangeli den Treffpunkt Schwarzer Frauen an der Manessestrasse im Kreis 3. Es war eine Pioniertat. Heute ist der Treffpunkt Vergangenheit. Seine Geschichte ist im Buch mit dem Titel «Terra incognita? Treffpunkt Schwarzer Frauen in Zürich» (Limmat-Verlag) beschrieben. Zeedah Meierhofer ist neben den Historikerinnen Shelley Berlowitz und Elisabeth Joris Herausgeberin und Autorin des Buches. Sie ist 1979 als Studentin aus Kenia nach Zürich gekommen, hat hier ihren Ehemann getroffen, zwei Töchter grossgezogen und an der Schule für soziale Arbeit studiert. Was ihr damals fehlte, war der Austausch mit anderen schwarzen Frauen – über Rassismus im Alltag und Isolation. 1993 fand sie geeignete Räume für einen Treffpunkt. Er wurde ein Ort des Austausches, der Beratung und Wissensvermittlung. Nach aussen vertrat er die Anliegen von Afrikanerinnen. Zeedah Meierhofer ist es gelungen, die Aufmerksamkeit auf eine zürcherische Wirklichkeit zu lenken, die mit Diskriminierung und Ausgrenzung zu tun hatte. Sie spannte Netzwerke, nationale und internationale. Zürich zeichnete das Projekt 1997 mit dem ersten Förderpreis der Stadt aus. (mq)

Artikel zum Thema

Rassismus auf dem Rasen

Hintergrund Der italienische Fussball hat ein Problem mit dem Rassismus. Die Fussballfans drücken ihre Wertschätzung mit Schmähungen aus. Mehr...

Die verletzte Narzisstin

Kommentar Oprah Winfrey spricht von «Rassismus in der Schweiz». Dabei handelt es sich nur um die Empörung einer Frau, die erwartet, dass sich die Welt um sie dreht. Mehr...

Verlogene Rassismus-Debatte

Steilpass Steilpass Italienkorrespondentin Birgit Schönau bloggt neu im Steilpass. Heute: Warum der Umgang mit Rassismus im italienischen Fussball unglaublich heuchlerisch ist. Zum Blog

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Blogs

Sweet Home 10 festliche Köstlichkeiten

Mamablog Der wahre Held meiner Geschichten

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Haben keine Höhenangst: Zwei Fensterputzer haben sich in Tokyo als Hund und Wildschein verkleidet. Die beiden Tiere sind in Japan die Sternzeichen dieses und des nächsten Jahres. (13. Dezember 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...