Scientologen verärgern Kunden der Migros

Ein Migros-Filialleiter wehrte sich gegen einen Informationsstand der Sekte direkt vor seinem Ladeneingang – vergeblich.

Der US Amerikaner David Miscavige, Anführer der Scientology-Kirche, spricht während der Eröffnungsfeierlichkeiten der Scientology Kirche in Basel am Samstag, 25. April 2015.

Der US Amerikaner David Miscavige, Anführer der Scientology-Kirche, spricht während der Eröffnungsfeierlichkeiten der Scientology Kirche in Basel am Samstag, 25. April 2015. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Darf eine Sekte den öffentlichen Raum benutzen, um Passanten zu umgarnen und zu missionieren? Ja, sie darf, sagt das Polizeidepartement. Die Behörden unterscheiden nicht zwischen Sekten und seriösen Religionsgemeinschaften. Deshalb bewilligt die Stadtpolizei den Scientologen praktisch im Wochenrhythmus, an besten Passantenlagen einen Informationsstand aufzustellen.

Für viele Zürcherinnen und Zürcher ist dies seit Jahren ein Ärgernis. Kürzlich entlud sich ihr Unmut vor dem Eingang der Migros «Pünt» in Albisrieden. Der Filial­leiter erhielt am Morgen Besuch von zwei Scientologen. «Sie erklärten mir, sie würden beim Eingang einen Informationsstand aufbauen», sagte er. Er habe ihnen geantwortet, dass dies nicht infrage komme. «Sie zeigten mir eine Bewilligung der Stadtpolizei, ich konnte nichts dagegen tun.» Er hat es nicht für möglich gehalten, dass das Polizeidepartement den Scientologen erlaubt, einen Stand vor seinem Eingang aufzubauen.

«Viele fühlten sich belästigt»

Der Filialleiter bekam den Ärger der Kunden den ganzen Tag zu spüren. «Ich habe 30 bis 40 Reklamationen erhalten», sagte er. Viele Kunden seien davon ausgegangen, dass er den Scientologen die Aktion erlaubt habe. «Die Scientologen haben unsere Kunden sehr resolut angesprochen, viele fühlten sich be­lästigt», sagt der Filialleiter.

Um die Kunden aufzuklären und seinen Unmut zu dokumentieren, hängte er bei den Kassen ein Plakat auf: «Die Migros Pünt distanziert sich in aller Form von der Scientology-Promotion am Eingang unseres Geschäftes. (…) Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten.»

Scientology-Pressesprecher Jürg Stettler erklärt, Ziel der Stände sei es, die Passanten über Scientology und ihre Akti­vitäten zu informieren. «Die Zürcher sind liberal eingestellt, Reklamationen sind sehr selten.» Die Bewilligung ist ausgestellt für «Die ehrenamtlichen Geistlichen der Scientology-Kirche», ermächtigt durch den Vorsteher des Polizeidepartements. 26 Aktionen sind für das erste Halbjahr 2016 an prominenten und passantenreichen Standorten aufgeführt: am Hirschenplatz, beim Globus, auf der Pestalozzi-Wiese, an mehreren Orten der Bahnhofstrasse, beim Rennweg, beim Hechtplatz et cetera.

Der Trick: Scientology gibt sich als Kirche aus und nennt ihre Pastoren «ehren­amtliche Geistliche». Denn Glaubensgemeinschaften geniessen das Privileg, den öffentlichen Grund für Informationszwecke nutzen zu dürfen. Dabei sind sich so ziemlich alle Sektenexperten weltweit einig, dass Scientology eine der gefährlichsten Sekten ist und sich aus taktischen Gründen Kirche nennt.

Tolerante Haltung der Regierung

Früher hatte sich die Zürcher Polizei geweigert, den Scientologen eine Standbewilligung zu erteilen. Die Sekten­anhänger rekurrierten dagegen und bekamen vom Verwaltungsgericht Zürich und vom Bundesgericht recht. Die Gerichte stützten sich auf die Religions­freiheit, die für alle Gemeinschaften ­gelten würden, die religiöse Attribute beanspruchten. Hingegen verboten die Gerichte den Scientologen, auf öffentlichem Grund, Bücher und Kurse zu verkaufen sowie mit den Passanten den Persönlichkeits­test durchzuführen. Diese formaljuristische Argumentation lässt ausser Acht, dass die Scientologen jeden Kontakt mit den Passanten nutzen, um sie zu umgarnen und ins Zentrum zu locken, wo sie ihnen überteuerte Dienstleistungen verkaufen können.

Der Zürcher Regierungsrat schrieb damals dazu, es wäre unzulässig, «ein Einzelfallgesetz gegen Scientologen und deren Anwerbemethoden zu erlassen». Heikel wäre für die Regierung auch eine Strafnorm gewesen, «die alle täuschenden und unlauteren Anwerbemethoden unter Strafe stellt». Die Scientologen freuen sich bis heute über die tolerante Haltung der Regierung und der Gerichte, wie ihre häufige Präsenz auf den Zürcher Strassen und Plätzen beweist.

Das Zürcher Polizeidepartement hat die schriftlichen Fragen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht ­beantwortet.

Erstellt: 09.05.2016, 09:29 Uhr

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