See, Wald, Beton oder einfach ein Garten?

Die Kasernenwiese liegt mitten in der Stadt und soll 2020 öffentlich werden. Das lässt Landschaftsarchitekten träumen.

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See oder Wald? Central Park (SP-Stadtrat André Odermatt) oder Rütliwiese (SVP-Regierungsrat Markus Kägi)? Die Pläne für die Nutzung der Wiese hinter der Kaserne fliegen hoch. Aber vorläufig ist noch offen, was auf dem nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt liegenden Gelände entstehen soll.

Dabei fehlt es nicht an Ideen. Der Zürcher Landschaftsarchitekt Lorenz Eugster schlägt ein urbanes Gegenstück zum Sihlwald vor. «Wir könnten dort eine zivilisierte Baumschule errichten», sagt er, «ja sogar einen Wald wachsen lassen.» Selbst eine Waldlichtung mit einer kleinen Wiese hätte noch Platz.

Architekt Martin Hofer, beteiligt beim Büro Wüest & Partner, hingegen findet, Zürich hätte genug Parks. Er will deshalb die Wiese überbauen. Zürich bezeichnet er als eine «Spielzeugstadt in einer Parklandschaft». «Hier benötigt man von keinem Punkt aus mehr als zehn Minuten zu Fuss, um Grün und Wasser zu erreichen. Gerade im Herzen sollte die Stadt am dichtesten besiedelt sein.»

Verbesserung der Zugänglichkeit

Der spektakulärste Vorschlag stammt von den beiden Architekten Peter Moor und André Meier. Sie wollen die Kasernenwiese in einen künstlichen See verwandeln, der sich allerdings bei Bedarf sofort wieder trockenlegen lässt. Damit erhielten die beiden 2001 den ersten Preis bei einem Ideenwettbewerb für das Kasernenareal. «Ich finde unser Projekt, das im Prinzip jenem entspricht, das Stadt und Kanton nun präsentiert haben, nach wie vor überzeugend», sagt Peter Moor.

Die meisten Landschaftsarchitekten bleiben auf dem Teppich und wollen die Wiese so belassen, wie sie ist. Landschaftsarchitekt Matthias Krebs bezeichnet das grüne Areal als wichtigen, öffentlichen Ort, bei dem eine Neugestaltung nicht im Vordergrund steht, sondern die Verbesserung der Zugänglichkeit und eine «Entprivatisierung» der Zeughaushöfe. Die «wunderbare» Fassung aus Kastanienbäumen und Zäunen, die ihn an die Place de Vosges in Paris erinnert, würde er unbedingt erhalten, um die Weite, Offenheit und Freiheit der Kasernenwiese zu betonen. «Diese muss man durch Menschen beleben und nicht unter Wasser setzen», sagt er.

Landschaftsarchitektin Rita Illien erkennt die räumliche Qualität der heutigen Anlage: Bäume bilden einen kräftigen Rahmen, um die zentrale, offene Wiese. Sie muss in ihrer Gesamtheit öffentlich werden. Die Anlage habe durch den alten Baumbestand schon heute eine hohe räumliche Qualität. Wie gross das Bedürfnis nach Himmel und Wiese ist, begründet Illien mit der starken Frequentierung der Josefwiese und der Bäckeranlage.

Spazieren, aneignen, kultivieren

Radikale Pläne hegt Landschaftsarchitekt Lukas Schweingruber. «Die Menschen sollen die Möglichkeit erhalten, von dieser Wiese selber Besitz zu ergreifen, wie das früher auf einer Allmend der Fall war. Dann warten wir ab, was passieren wird.»

Landschaftsarchitektin Marie-Noëlle Adolph schwebt anstelle der Kasernenwiese ein grosser, öffentlicher Garten vor, der die verschiedensten Bedürfnisse der Quartierbevölkerung befriedigt: Spazieren, aneignen und kultivieren, Feste feiern und sich ausruhen. Der Garten müsste wild und durchlässig bleiben mit einer leeren Mitte. Eine Art unverbaute Oase sozusagen mitten im Kreis 4.

Das wäre ein weiter Weg von der ursprünglichen Nutzung der Kasernenwiese. Sie war einst ein Exerzierplatz, wo Soldaten gedrillt wurden, wo sie lernten, richtig zu grüssen, in Zweier- und Achterkolonnen zu marschieren, und dabei von Offizieren angebrüllt wurden. Jetzt versperrt das provisorische Polizeigefängnis die Wiese. 2020 jedoch sollte das neue Polizei- und Justizzentrum bezugsbereit sein. Dann werden sich die Landschaftsarchitekten austoben können – falls die Politik sich bis dann auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt hat.

Erstellt: 10.11.2014, 11:06 Uhr

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