Seebachs schlechter Ruf reicht bis nach Genf

Seebach wird seinen schlechten Ruf nicht los: Zuerst der Fall Buhnrain, jetzt die Bluttat an der Tankstelle. Wie tickt dieser Stadtteil?

Blumen und Kerzen zum Gedenken: Der gewaltsame Tod der Tankstellen-Angestellten bewegt die Seebacher.

Thomas Burla

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Man hat sich schon willkommener gefühlt als in der Rolle des journalistischen Pulsnehmers in Seebach. «Vom Boden- bis zum Genfersee gilt Seebach als Problemquartier», sagt eine Rentnerin, «und das nur, weil es die Medien wieder und wieder behaupten.» Ihre Empörung ist sicht- und vor allem hörbar.

Die Rentnerin steht vor der Migros am Seebacherplatz, einen Steinwurf von der Tankstelle entfernt, die Schauplatz des jüngsten Seebacher Dramas war. Blumen und Kerzen erinnern an die Bluttat vom vergangenen Mittwoch. Daneben steht eine Gruppe Einheimischer. «Wenns chlöpft, kommt ihr im Dutzend, wenn nicht, interessiert sich keine Sau für Seebach.» Der Satz bricht wie ein Vulkan aus dem Mann.

Die Wut auf die Journalisten

Seebachs Problem ist, dass es jetzt zum wiederholten Mal einen «Chlapf» gegeben hat: Da war der Vergewaltigungsfall im Schulhaus Buhnrain; da war der Fall einer Mädchengruppe, die ein anderes Mädchen verprügelt und mit dem Tod bedroht hatte. Da ist die Gewalttat bei der Tankstelle. Die Polizei wird heute Montag über den Stand der Ermittlungen berichten.

Kein Wunder, bleiben die Medien nicht stumm. Mit der Folge, dass Gespräche mit Seebachern in der Regel mit einer Empörungsfanfare gegen das Journalistenpack beginnen. Ist der Frust einmal draussen, wird der Tonfall schnell nüchtern, und es beginnt die Aufzählung, was alles im Argen liegt im 20’000-Einwohner-Quartier: Dass sich Fries- und Schaffhauserstrasse kaum mehr von der Langstrasse unterscheiden würden. Dass Beiz um Beiz in ausländische Hände übergehe. Dass allerlei Parallelgesellschaften im Entstehen seien. Dass eine Verslumung zu beobachten sei. Dass die Stadtbehörden nicht wirklich gewillt seien, etwas zu unternehmen.

Die weite Welt auf ein paar Quadratmetern

Tatsächlich haben Schaffhauser- und Friesstrasse Abschnitte, die sich wie eine verkürzte Langstrasse präsentieren: Hier heissen die Lokale Soleil d’Agadir und Mali Raj. Hier bietet die Metzgerei «täglisch frische Cevapcici» an; Shqiponja Travel wirbt mit Flügen in den Süden und Samsara mit Pizzas, Kebabs und Wasserpfeifen. Auf den Trottoirs: Sprachen und Hautfarben in allen Varianten. Die weite Welt erscheint auf ein paar Dutzend Quadratmeter Seebacher Boden verdichtet. Little Istanbul meets Little Pristina meets Little Lissabon.

Mit 35,6 Prozent liegt der Ausländeranteil in Seebach über dem städtischen Durchschnitt von 30,6 Prozent (aber deutlich tiefer als in anderen Quartieren: Das Hard-Quartier verzeichnet 44,7 Prozent).

Die Peripherie zahlt die Zeche

Kurt Wirth, Alt-Quartiervereinspräsident und Alt-LdU-Gemeinderat, spricht von einer «gewissen Umschichtung», die seit den 80er-Jahren in Seebach festzustellen sei. Die Ur-Seebacher würden immer spärlicher. Die Zuzüger immer zahlreicher. Das sei nicht grundsätzlich zu beanstanden, beeilt sich Wirth zu versichern. «Es ist alles eine Frage der Dimensionen.»

Das Problem ist, dass vielen Seebachern die Dimensionen missfallen – zum Beispiel die Dimension der Zürcher Binnenwanderung. Hartmuth Attenhofer, SP-Kantonsrat und seit fünfzig Jahren in Seebach zu Hause, sagt es ganz nüchtern: «Wenn im Kreis vier Druck entsteht, dann spüren wir das in Seebach.» Andere sagen es pointierter: Die Zeche für die Aufwertung des Langstrassenquartiers werde an der Peripherie bezahlt. Wenn im Kreis vier die Mietpreise steigen, weil das Quartier allmählich chic wird, ziehen jene, die es sich nicht mehr leisten können, an den Stadtrand – nach Seebach oder Schwamendingen. Von dieser Wanderung betroffen sei auch das Sexmilieu. In Seebach würden die Rotlicht-Etablissements immer zahlreicher.

«Mehr Polizei muss her»

Gut möglich, dass sich Seebachs ramponierter Ruf korrigiert: An allen Ecken und Enden wird gebaut. Es entstehen Wohnungen für Gutverdienende. Mit der Bautätigkeit verbunden ist die Hoffnung auf eine besser durchmischte Bevölkerung.

Kantonsrat Attenhofer warnt jedoch vor übertriebener Zuversicht. «Bleibt Seebachs schlechter Ruf bestehen, gehen die Wohnungen nicht weg.» Sichtbare Massnahmen seien nötig – eine stärkere Polizeipräsenz zum Beispiel, so der SP-Politiker. «Ich sehe hier selten Polizei – und wenn, dann befasst sie sich mit den falsch parkierten Autos rechtschaffener Bürger.» Er fühle sich unsicher, wenn er nachts allein im Quartier unterwegs sei, so Attenhofer. Anderen ergeht es ähnlich. Auch Kurt Wirth sagt: «Es ist in Seebach dringend erwünscht, dass sich die Polizei öfter zeigt.»

Die Statistik dokumentiert: Nirgendwo in der Stadt wird so oft eingebrochen wie im Kreis elf. Nirgendwo werden so viele Autos geklaut. Und nirgendwo gibt es so viele Sachbeschädigungen und so viele Hausfriedensbrüche.

«Ennet des Milchbucks»

Seebach liegt «ennet des Milchbucks». Mit der angenehmen Folge, dass das Quartier viel Natur hat und man schneller im Grünen ist als andernorts. «Deshalb gefällt es uns ja in Seebach», sagt Kurt Wirth.

Die Kehrseite: Man fühle sich auf der andern, der Stadt abgewandten Milchbuckseite an den Rand gedrängt und nicht als vollwertige Stadtzürcher wahrgenommen, sagt Politiker Attenhofer. Zehn Jahre habe es gedauert, bis die marode Tram-Endstation endlich saniert worden sei. «Dabei braucht es genau solche Zeichen der Stadt, wenn sich etwas tun soll in Seebach.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2008, 10:53 Uhr

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