Analyse

Seelenventil Wetter

Über die Hitze zu klönen, ist ein Volkssport. Dabei gibt es nichts Besseres als Wetterextreme.

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Die Hitzewelle rollt – und schon wieder wird gejammert. «Im Tram war es so stickig, dass mir schlecht wurde», sagt Mona. «Wenn es derart heiss ist, kann ich nicht schlafen; die Laken kleben. Meine Wohnung kühlt nicht mehr ab», sagt Tom. «Die Leute schweisseln furchtbar, ein Achseldeo hält ja nicht länger als drei Stunden», sagt Irina. «Ich hasse das Schmatzgeräusch von klebrigen Füssen und Flipflop-Sohlen, die sich bei jedem Schritt voneinander lösen», sagt Harald.

Sich bitterlich über das Wetter und seine Auswirkungen zu beklagen, ist hierzulande ein beliebter Volkssport; momentan frönt ihm wieder so mancher. An Voraussetzungen mitbringen muss man für das Vergnügen nur eines: die Bereitschaft zum totalen Gedächtnisverlust.

Bitte erinnert euch!

Hey, Leute, die ihr jetzt klagt, wo das Thermometer endlich mal ein paar Tage hintereinander über die 30-Grad-Marke steigt – erinnert euch doch bitte, wie ihr vor zwei Monaten schlottertet. Die erste Sommerhälfte war ein Desaster. Es regnete permanent; wir hatten Monsun in Helvetien. Die Flüsse waren braun wie der Ganges, obendrauf trieben abgerissene Äste. Abends draussen essen ging nicht; wer will schon eine Nieren­beckenentzündung? Und alle lamentierten, der Spätherbst im Juni sei ein Skandal. «Ich wandere aus», kündigte Mona damals an. «Florida würde mir passen.»

Mona, Tom, Irina und Harald werden mit grosser Wahrscheinlichkeit im Lande bleiben. Denn eigentlich wissen auch sie: Es gibt nichts Besseres als den steten Wetterwechsel, und nichts ist stupider als Stabilität; wer wollte schon auf Tahiti leben und jeden Tag die pralle Sonne sehen. Das hiesige Wetter ist allerbestes Kino mit viel Tempo und einer irren Handlung; ein Thriller oder gar Splattermovie, zu dem Überschwemmungen ebenso gehören wie Saharadürren. Am einen Tag hagelt es baumnussgrosse Eiskörner, am nächsten lauert auf dem Balkon der Tod durch Dehydrierung.

Bald kommt der Hochnebel

Bereits in einem Monat werden wir klönen: «Dieser Nebel ist ja so trist, jetzt ist es grau bis Ende Februar!» – «Die Balkonsaison ist vorbei, bevor ich sie wirklich geniessen konnte!» – «Ich bin noch auf Grillwurst eingestellt und sollte jetzt schon auf Vermicelles und Sauser umstellen!» Unser Klima mag seine Schwächen haben. Doch als Seelenventil ist es perfekt.

Erstellt: 20.08.2012, 07:11 Uhr

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