Sehen, wie Blinde leben

Jean Baldo ist blind, Monika Schenk sehbehindert. Die beiden zeigen bei einer Stadtführung, wie sie ihren Alltag meistern. Für die Teilnehmer geht es auch darum, Hemmungen zu überwinden.

Ein Rundgang der besonderen Art: Ein Blinder und eine Sehbehinderte führen Interessierte durch Zürich. Foto: Urs Jaudas

Ein Rundgang der besonderen Art: Ein Blinder und eine Sehbehinderte führen Interessierte durch Zürich. Foto: Urs Jaudas

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Was Sie schon immer über blinde und sehbehinderte Menschen wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: Dieses Motto passt zu einer neuen, etwas speziellen Stadtführung durch Zürich. Es geht darum, Unsicherheiten abzubauen. Etwa einen Blinden anzusprechen und ihn zu fragen: Wie gehen Sie mit Ihrer Behinderung um? Wie finden Sie im Zug Ihren reservierten Platz? Wie kochen oder wo arbeiten Sie?

Auf all diese Fragen gibt der Stadtrundgang mit Jean Baldo und Monika Schenk Auskunft. Das kalte Hudelwetter schlägt auch Baldo aufs Gemüt. Er sieht die grauen Wolken zwar nicht, die Stimmung empfindet er jedoch als «dämmrig», anders als bei Sonnenschein oder dunkler Nacht. Aber Baldo ist ein Optimist und hält sich ans Motto: «Es gibt kein schlechtes Wetter, nur eine schlechte Ausrüstung.»

Die Führung beginnt am Stauffacher vor der Kirche St. Jakob und endet im Seefeld. Als Erstes stellen sich die Führer vor, wer sie sind, was sie arbeiten. Baldo ist blind, weil er zehn Wochen zu früh zur Welt kam. Zuerst blieb das unbemerkt, bis der ältere Bruder seine Beobachtungen der Mutter mitteilte. Die Blindheit ihres Kindes war für die Eltern zunächst ein Schock. Doch bald akzeptierten sie das Unabänderliche und begannen mit einer gezielten Frühför­derung. Baldo durchlief die Schulen, war zuerst Telefonist, dann Concierge im Hotel Waldhaus in Sils Maria, ist ­inzwischen Erwachsenenbildner und arbeitet in der Administration des Restaurants Blinde Kuh.

Mehr Blinde und Sehbehinderte

Erste Station des Rundgangs ist die Zürcher Sehhilfe an der Lutherstrasse, eine Beratungsstelle für Blinde und Sehbehinderte. Dort sehen wir, was es alles für Hilfsmittel gibt: Lupen mit Licht, eine Brille mit Kamera, die vorliest, Geräte, die die Farbe bestimmen. «Wer vor diesen Hilfsmitteln steht, kann nicht sagen, das geht mich nichts an», sagt Geschäftsleiter Daniel Rey. Er unterstützt seine Aussage mit Zahlen. In der Schweiz gibt es heute 325'000 blinde und sehbehinderte Menschen. Und es werden immer mehr. Die Menschen werden älter, und ihre Sehkraft kann durch Krankheiten rapide nachlassen.

Monika Schenk hat zwölf Jahre lang gut gesehen. Dann wurde ihr Augenlicht schwächer. Sie leidet an einer degenerativen Netzhautablösung. Das bedeutet, dass sie zwar noch Farben sieht, das Gesamtbild jedoch nur verschwommen wahrnimmt. «Das ist, wie wenn das Fernsehen verpixelte Bilder ausstrahlt.» Schenk ist verheiratet, hat zwei Töchter, die beide sehen. Sie war fast immer erwerbstätig. Zuerst arbeite sie in einem Spital, später in einem Tenniscenter als Masseurin, dann servierte sie im Restaurant Blinde Kuh. Daneben führt sie den Haushalt. Das ist nur dank einem rigorosen Ordnungssystem möglich. Zum Abwägen hat sie eine sprechende Waage. Eine weitere Hilfe im Alltag ist das iPhone. Ihm kann sie Nachrichten diktieren, sich Mails vorlesen lassen, Fahrpläne abhören, die Uhrzeit abfragen.

Mittlerweile sind wir beim Behindertenwerk St. Jakob angekommen. Von den 400 Mitarbeitenden sind sechs sehbehindert. Angefangen hatte die Stiftung mit der Flechterei, wo Stühle repariert werden. Dort sind heute noch 30 Leute beschäftigt. Dieser Beruf war, neben der Ausbildung zum Masseur, einer der wenigen, die sehbehinderte Menschen früher ergreifen konnten.

Im Tram geht es weiter bis zum Hauptbahnhof. Schenk und Baldo fahren häufig Zug. Sie informieren sich jeweils im Voraus über Abfahrtszeit und Gleisnummer. Im Hauptbahnhof orientieren sie sich an den weissen taktilen Leitlinien auf dem Boden. «Die Sicherheitslinien am Rand des Perrons sorgen dafür, dass wir nicht aufs Gleis fallen», sagt Baldo. Am Bahnhof würde er oft gefragt, ob er Hilfe brauche. «Die Menschen sind offener geworden», findet er. Hilfe brauchen beide, wenn sie einen ­reservierten Platz haben. Dann sind sie froh, wenn jemand sie dorthin begleitet.

Mit der S-Bahn fahren wir bis zum Bahnhof Stadelhofen und dann mit dem Tram ins Seefeld. Wenn beim Passieren der Strasse ein Lichtsignal fehlt, verlässt sich Baldo auf sein Gehör und den Stock. In dieser Situation schätzt er Hilfe. Was er hingegen überhaupt nicht mag, ist, wenn er am Ärmel gepackt und über die Strasse gezerrt wird.

Der Rundgang endet in der Blinden Kuh, einer ehemaligen Kapelle. Dort bekommt man eine Erlebnisgastronomie der besonderen Art: Sehende essen im Dunkeln, Blinde servieren. Die Idee für dieses weltweit erste Restaurant stammt von einem Pfarrer. Dank Medienberichten von nah und fern ist die Blinde Kuh rund um den Globus bekannt und beschäftigt 90 Mitarbeitende.

Anmeldung für den City Walk: zuerich@blindekuh.ch

Erstellt: 05.05.2017, 20:42 Uhr

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