Senioren in Zürcher Altersheimen fühlen sich geschröpft

Bereits zum zweiten Mal innert kurzer Zeit steigen die Kosten in städtischen Alterszentren. Zu spüren bekommen dies jene, die keinen Anspruch auf Ergänzungsleistungen haben.

Die Senioren monieren deutlich höhere Kosten «ohne die geringste Mehrleistung»: Eine ältere Dame bezahlt Rechnungen. (Archivbild: Keystone)

Die Senioren monieren deutlich höhere Kosten «ohne die geringste Mehrleistung»: Eine ältere Dame bezahlt Rechnungen. (Archivbild: Keystone)

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Der 89-jährige Rentner Peter Maurer (Name geändert) lebt seit fünf Jahren mit seiner Frau Beatrice in einem Alterszentrum der Stadt Zürich. Beide sind sie noch selbstständig, benötigen keinerlei Pflege. Deshalb mussten sie bis anhin auch nichts für die Betreuung zahlen, so will es die geltende Regelung. Doch damit ist nun Schluss. Ab dem 1. Januar bittet die Stadt auch die rüstigen Bewohnerinnen und Bewohner der Alterszentren zur Kasse. Wer wenig oder gar keine Pflege benötigt (Pflegestufe 0 bis 2 von 12 Stufen), entrichtet neu 10 Franken pro Tag für die Betreuung. Dazu zählen diejenigen Leistungen der Alterszentren, die nicht zur Krankenpflege gehören, die aber ­allen zur Verfügung stehen, so etwa Unterhaltungsangebote oder Notfall-Pikettdienste.

Da die Senioren für die Betreuungskosten wie auch für die Pensionskosten selber aufkommen müssen, steigen die Auslagen im Altersheim für Einzelpersonen um 3650 Franken pro Jahr, für Ehepaare ist es das Doppelte, 7300 Franken.

5900 Franken für zwei Zimmer

Peter Maurer ist angesichts dieser starken Kostenerhöhung bestürzt, zumal die letzte Erhöhung noch keine zwei Jahre zurückliege. Bereits im Juli 2013 seien die Taxen für die Hotellerie in den Alterszentren angehoben worden, was für ihn und seine Frau Mehrkosten von jährlich 5800 Franken zur Folge hatte.

Für das 2-Zimmer-Appartement zahlt das Ehepaar 5900 Franken pro Monat. Darin inbegriffen sind eine tägliche Hauptmahlzeit, der Service für Bett- und Toilettenwäsche, alle zwei Monate eine einstündige Reinigung der Wohnung sowie soziokulturelle Veranstaltungen.

«Mit der erneuten Erhöhung auf Anfang 2015 verteuert sich für uns das Wohnen im Altersheim innerhalb von nur eineinhalb Jahren um mehr als 13'000 Franken pro Jahr, ohne die geringste Mehrleistung», sagt Maurer. Er fühlt sich von der Stadt geschröpft und weiss, dass auch andere Bewohner der Alterszentren so dächten wie er. Bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet meldeten sich weitere Senioren mit dem gleichen Anliegen.

«Aus Rücksicht auf Betroffene»

Tausende von Franken zusätzlich pro Jahr, das sei viel Geld, räumt die Direktorin der Stadtzürcher Alterszentren, Rosann Waldvogel, ein. Kommt dazu, dass die Einführung der neuen Pflegefinanzierung ab 2011 den Bewohnern der Alterszentren bereits viel abverlangt habe. Waldvogel hat deshalb Verständnis für die Entrüstung mancher Seniorinnen und Senioren. Doch seien die Alterszentren verpflichtet, kostendeckend zu arbeiten, was mit den bisherigen Taxen nicht möglich sei. «Ursprünglich haben wir gar geprüft, die gesamte Taxerhöhung auf Juli 2013 umzusetzen, doch aus Rücksicht auf die Betroffenen haben wir die Kostensteigerung etappiert.» Mit der Einführung der Mindestbetreuungstaxe nehmen die Alterszentren 3,76 Millionen Franken mehr ein pro Jahr.

Betroffen von der neuerlichen Kostensteigerung sind rund zwei Drittel aller Bewohnerinnen und Bewohner der Alterszentren. So viele sind es, die keine oder nur wenig Krankenpflege benötigen. Doch auch sie würden vom Angebot der Betreuung profitieren, das die Alterszentren zur Verfügung stellten, sagt Waldvogel. Dazu gehöre etwa, dass sie im Notfall jederzeit auf die Unterstützung durch das Personal rechnen könnten. Hinzu kommen einzelne, punktuelle Leistungen, etwa bei einer vorübergehenden Krankheit. «Dauert die Krankheit weniger als 7 Tage, können wir die Leistungen nicht den Krankenkassen verrechnen. Sie werden von den Alterszentren aber erbracht.»

Ein Leben ohne Ergänzungsleistungen fast unmöglich

Dass sich künftig auch die nicht Pflegebedürftigen an diesem Leistungsangebot finanziell beteiligen, hält Waldvogel für gerechtfertigt, denn es biete Sicherheit für alle, und diese Sicherheit sei der wichtigste Grund, warum Senioren überhaupt im Alterszentrum lebten.

Auch das Ehepaar Maurer ist seinerzeit ins Altersheim umgezogen, weil es sich dort sicherer fühlte. Dass dies nicht gratis zu haben sei, sieht Peter Maurer ein. Ein Beitrag von 50 bis 100 Franken pro Person und Monat müsste aber genügen, 300 Franken seien zu viel. Besonders schmerzt ihn, dass sich für diejenigen, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind, mit der Taxerhöhung nichts ändere, denn diese werde vom Staat übernommen. Leidtragende seien jene, die sich etwas erspart hätten und nun für alle Kosten im Heim selber aufkommen müssten. «Ich wollte mein Leben im Alter ohne Ergänzungsleistungen bestreiten können», sagt Maurer. «Doch wenn das so weitergeht, werden wir nicht um eine finanzielle Unterstützung herumkommen.»


Pflegebedürftige
Begleitung nicht mehr gratis

Mit zusätzlichen Kosten müssen auch die Bewohner in den städtischen Pflegeheimen rechnen. Die Begleitung zu externen Terminen wird ab dem 1. Januar kostenpflichtig, wenn weder Angehörige noch Freiwillige dafür zur Verfügung stehen und das Pflegeheim eigenes Personal einsetzen muss. Es gilt ein einheitlicher Stundensatz von 40 Franken. Bereits ein externer Arzttermin kann somit inklusive Fahrzeit schnell 100 Franken oder noch mehr kosten. Die Begleitungen zu externen Terminen hätten in der letzten Zeit stark zugenommen, weil auch der Allgemeinzustand vieler Heimbewohner heute besser sei. Diese wie bis anhin gratis anzubieten, sei deshalb nicht mehr möglich, sagt Kurt Meier, Leiter der Stadtzürcher Pflegezentren.

Das leuchtet ein. Dennoch macht der Stundenansatz von 40 Franken stutzig. So erhalten etwa Menschen mit einer Behinderung, die auf eine Assistenz angewiesen sind, von der Invalidenversicherung 32.80 Franken pro Stunde, um sich die benötigte Hilfe einzukaufen. Nun sind die IV und die Stadt Zürich nicht ein und dasselbe – doch in beiden Fällen ist es der Staat respektive eine staatliche Institution. Auch unterscheidet sich die Begleitung von pflegebedürftigen Alten kaum von derjenigen für Menschen mit einer Behinderung. Konkret heisst das, dass der Staat für eine Leistung von Bürgern mehr einkassiert, als er Bürgern gewährt, wenn sie selber diese Leistung einkaufen müssen.

Kurt Meier verteidigt den Stundenansatz von 40 Franken für die Begleitung der Pflegebedürftigen. In vielen Fällen lasse sich auch zu diesem Preis im Raum Zürich kaum jemand finden. Das Gleiche könnten auch Menschen mit einer Behinderung sagen – dennoch zahlt ihnen die IV nicht mehr – auch nicht, wenn sie in der Stadt Zürich leben. (afi)


Vollkostenrechnung
Wer Vermögen hat, zahlt selbst

Ältere Menschen wehren sich erst dann, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Deshalb reagierte an der Angehörigenversammlung, die kürzlich in Alt­stetten stattfand, niemand auf die Taxerhöhung, über die Rosann Waldvogel, Direktorin der Stadtzürcher Alterszentren, referierte. Sie stellte das Thema Sicherheit ins Zentrum und begründete damit die Erhöhung der Betreuungskosten von 10 Franken pro Monat. «Erst später in den Alterszentren gab es einige Beschwerden und viele Fragen», sagt sie.

Fast jeder zweite Bewohner von städtischen Alterszentren, nämlich 42 Prozent, ist auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Nächstes Jahr könnten es mehr werden. Auf die Leistungen haben sie ein gesetzliches Recht.

Bis Ende 2009 bezahlten die Bewohner nach Einkommen und Vermögen. 2010 hat die Stadt eine neue Taxordnung eingeführt. Sie unterscheidet zwischen Pflege-, Betreuungs- und Hotelleriekosten. Gleichzeitig wurden für die meisten Pensionäre Essen und Wohnen teurer. Im Juli 2013 wurden wegen der angespannten Finanzlage die Kosten erneut um 10 Franken pro Tag erhöht.

Damit hält sich die Stadt an das kantonale Pflegegesetz. Dieses verlangt eine Vollkostenorientierung und verpflichtet die städtischen Betriebe, kostendeckend zu arbeiten.

2009 hat die Stadt Zürich aufgehört, die Alterszentren nach dem Giesskannenprinzip zu unterstützen. Zuvor wurden die 2000 Altersheimplätze jährlich mit 20 Millionen Franken subventioniert. Auch vermögenden Pensionäre und indirekt auch ihre Erben, die es eigentlich gar nicht nötig gehabt hätten, kamen so in den Genuss des Geldsegens. Damit ist Schluss. Wer Vermögen hat, bezahlt selbst, unterstützt wird nur noch, wer es tatsächlich nötig hat. (mqr)

Erstellt: 21.11.2014, 23:43 Uhr

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