Senioren leiden in Zürcher Altersheimen für den Klimaschutz

Temperaturen bis weit über 30 Grad: In den Heimen der Stadt sind Klimaanlagen wegen der 2000-Watt-Ziele tabu. Selbst für temporäre Kühlgeräte gibt es Einschränkungen.

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Ausgerechnet Ende letzter Woche, nach dem Temperatursturz, erhielten die geplagten Bewohner des Zürcher Alterszentrums Limmat endlich ein Klimagerät. Zumindest mal auf Probe. Nötig gehabt hätten sie es schon während der vorangegangenen Hitzeperiode, wie seitens der Belegschaft zu hören ist. Denn im Speisesaal, wo das Gerät jetzt steht, sei es permanent viel zu heiss gewesen. Aber die Techniker der Stadt nutzten diese Zeit lieber, um wochenlang die Temperatur zu messen. Sie mussten erst prüfen, ob es dort so unerträglich ist, wie viele klagten.

Das ist mehr als eine kuriose Episode aus dem Ausnahmesommer 2018. Es ist ein Beispiel dafür, wie schwer sich die Stadt mit künstlicher Kühlung tut, seit sie sich dem Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft verschrieben hat. Sogar dann schwertut, wenn es um Senioren geht, die auf Hitze besonders anfällig reagieren. Der Leiter des Zürcher Alterszentrums Laubegg, Floris Tschurr, äusserte sich daher in einem Interview auf Radio SRF kürzlich kritisch dazu: Die ökologische Zielsetzung sei zwar richtig, aber sie erschwere es, den Heimbewohnern mit technischen Mitteln zu helfen.

Heikles Thema bei der Stadt

Das wirft ein Licht auf einen Zielkonflikt, der auch in anderen städtischen Alterszentren zu reden gibt. Auf der einen Seite stehen die Zentrumsbetreiber, die primär dem Wohlergehen ihrer Bewohner verpflichtet sind. Auf der anderen Seite das Amt für Hochbauten, das die Gebäude verwaltet und dabei die 2000-Watt-Vorgabe umsetzen muss. Und dazwischen tut sich die Frage auf: Was ist wichtiger?

«Für uns ist das eigentlich keine Frage», sagt die Angestellte eines Heims, die eigentlich gar nicht reden dürfte. Denn das Thema scheint den Verantwortlichen derart delikat, dass dazu ausschliesslich das Amt für Hochbauten Auskunft geben darf – auch im Namen der Heime. Von den Betroffenen soll sich niemand mehr direkt dazu äussern. Man will unbedingt den Eindruck vermeiden, dass es innerhalb der Stadtverwaltung Streit gibt. Offiziell gilt also: Es herrscht Zuversicht, für jedes Alterszentrum eine gute Lösung zu finden.

«Die ökologische Zielsetzung ist zwar richtig. Aber sie erschwert es, den Heimbewohnern zu helfen.»Floris Tschurr, Leiter Alterszentrum Laubegg

Die Frau, die nach den jüngsten Erfahrungen noch nicht so zuversichtlich ist, arbeitet in einem jener Altbauten aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, die schlecht isoliert sind und sich schnell aufheizen. Bis weit über 30 Grad. Besonders schlimm war es zuletzt in den Appartements der Bewohner und Bewohnerinnen. Unter den Heimleitern machten sich manche deswegen grosse Sorgen. Man ist erleichtert, diese Zeit glimpflich überstanden zu haben – andererseits soll es diese Woche wieder brütend heiss werden.

Eine Lösung, die beide Seiten glücklich machen würde, wäre der Einbau modernster Kühlsysteme mit geringem Energieverschleiss. Der ist aber laut Franziska Martin, Sprecherin des Amts für Hochbauten, nur bei Totalsanierungen oder Ersatzneubauten vorgesehen. Da die Stadt Zürich bis 2028 viele ihrer zwei Dutzend Alterszentren überholen muss, kann das im Einzelfall noch lange dauern.

Von Amtes wegen unerwünscht ist auch der Gang zum nächsten Elektro-Discounter, mit dem sich die Verantwortlichen eines Winterthurer Altersheims im Hitzesommer 2015 beholfen haben. Sie deckten sich dort mit zahlreichen mobilen Klimageräten für den Privatgebrauch ein.

Idee von gekühlten Zonen

Den Betreibern der in die Jahre gekommenen Zürcher Alterszentren bleibt daher nur die Hoffnung, dass sich der Versuch mit dem temporär installierten Klimagerät im Zentrum Limmat bewährt. Dieser soll laut Franziska Martin zeigen, ob man den Bewohnern bei extremer Hitze helfen kann, indem man künstlich gekühlte Zonen einrichtet. Als allerletzte Massnahme, wenn sonst nichts mehr hilft. Wenn also die Rollläden unten sind, nur nachts gelüftet wird und die Fenster tagsüber geschlossen bleiben. Wenn die Bewohner zum Trinken angehalten und mit feuchten Tüchern und Fussbädern versorgt wurden. So, wie das in den Zürcher Alterszentren in den vergangenen Wochen der Fall war.

Was ist wichtiger: Die 2000-Watt-Vorgabe oder das Wohl der Bewohner? Bild: Keystone.

Über den Erfolg des Versuchs mit dem Klimagerät entscheidet, ob sich die Bewohner in der künstlich gekühlten Luft wohlfühlen. Denn beim Amt für Hochbauten wird man den Nutzen gegen die Kosten aufwiegen – und die Währung ist Energie. Um eine temporäre Ausnahme vom 2000-Watt-Ideal zu rechtfertigen, braucht es starke Gründe.

Der Versuch ist laut Franziska Martin Teil einer Studie zum «sommerlichen Wärmeschutz in Alterszentren». Diese umfasse auch andere technische Lösungsansätze. Welche, gibt sie nicht an. Immerhin zeigt sich, dass die Stadt das Thema nun entdeckt hat. Das war bisher nicht der Fall. In den über 200-seitigen «Richtlinien zum Bau von Altersheimen»: kein Wort zur Kühlung. Im über 100-seitigen Bericht dazu, wie man die Alterszentren 2000-Watt-tauglich macht: nur ein paar Bemerkungen – ausschliesslich bei Neubauten und Totalsanierungen anwendbar.

Klimaanlagen sind tabu

Demnach gilt, dass bauliche Massnahmen erste Priorität haben: Isolierung nach Minergie-Standard, Schatten spendende Elemente an der Fassade, Verzicht auf wärmeerzeugende Geräte. Nur, wo das nicht reicht, kommen technische Kühlungsmassnahmen infrage. Damit sind nicht die klassischen Klimaanlagen gemeint, die sind tabu. Gemeint ist energieeffizientes Geocooling, bei welchem die Luft zum Beispiel mittels Erdsonden im Untergrund gekühlt wird. Bei sieben in jüngerer Zeit um- oder neu gebauten Alterszentren wird das so gemacht.

Allerdings stossen solche ökologisch vorteilhafte Systeme bei extremer Hitze an Grenzen. Das zeigt sich am neuen Bettenhaus im Triemlispital. Dort heizten sich die Räume in den vergangenen Wochen bis auf 28 Grad auf. Das ist zwar weniger als im ungekühlten Altbau, aber trotzdem nicht wirklich kühl. Hinzu kommt, dass Geocooling nicht an jedem Standort bewilligt wird. Das kürzlich erneuerte Alterszentrum Dorflinde in Oerlikon etwa muss deshalb auch künftig ohne Kühlung auskommen.

In der jüngsten Umfrage zur Zufriedenheit der Bewohner erhielten die städtischen Alterszentren gute Noten – das Thema Temperatur suchte man aber vergebens. Vielleicht liegt es daran, dass weder der Zürcher Dachverband der Heime noch die Gesundheitspolitiker im Gemeinderat bisher darauf aufmerksam wurden. Überall herrscht aber Bereitschaft, sich für unbürokratische Notlösungen einzusetzen. 2000 Watt hin oder her.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2018, 06:13 Uhr

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